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  Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld")
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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:08.01.18 19:28 IP: gespeichert Moderator melden


Brrr.... ENTWEDER - ODER! schrecklich! Schon Tante Gertraud scheint nur die Extreme zu kennen. In ihrer angehenden Demenz scheint das noch verständlich (oder ist das wieder einmal nur der Versuch einer Entschuldigung?). Aber für Barbara oder Klaus? Wie sehr wünschte ich, dass es einen Kompromiss geben möge!
Alt werden will jeder, alt sein aber keiner
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:09.01.18 13:34 IP: gespeichert Moderator melden


Der Geschlechterkampf den Klaus durchlebt, kenne ich persönlich von einer mir liebgewonnenen Person, jedoch mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen. Warum muss jeder Mensch genau einem Geschlecht zugewiesen werden? Warum gibt es dieses Schubladendenken... Ich wünsche der/dem fiktiven Barbara/Klaus einen guten Weg aus diesem Konflikt, wie ich das auch meiner Bekannten so sehr wünsche. Die Gesellschaft muss noch viel toleranter werden.

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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:14.01.18 21:58 IP: gespeichert Moderator melden


Endlich ist wieder eine Woche geschafft! Heute habe ich eine kleine Bitte an meine Leser: Nehmt Euch bitte etwas Zeit für die heutige und die kommende Fortsetzung! Diesen Stoff hier kann man nicht mal eben so weglesen.....

Eure Daniela 20




München, Anfang Juni

Er hatte sich eingemauert. Aber er lebte noch. Vielleicht war seine Entscheidung doch die richtige gewesen? Er blickte auf sein Handy, es hatte ihn geweckt. Ah, Ingeborg! Aber nicht jetzt. Er drückte das Gespräch weg; erst einmal musste er ein wenig zu sich kommen.
Klaus ging in die Küche; ein Frühstück wäre nicht schlecht, egal, wie spät es schon war. Sein Fuß stieß gegen eine leere Flasche, wie ist sie dort hingekommen? Ich erinnere mich nicht mehr....
Er ließ Wasser in den elektrischen Kessel, tat einen Löffel voll Pulverkaffee in eine Tasse. Goss das Wasser auf, als es kochte, setzte sich an den Tisch. Brot und Käse. Langsam merkte er die Lebensgeister erwachen.
Klaus Behrend, Flasche leer! Was hast du aus dir gemacht?? Nein, diese Frage war falsch. Andere hatten etwas aus ihm gemacht. Hatten ihn geformt, hatten ihn manipuliert, ihn dominiert. Fehlt nur noch das Eliminieren, dachte er.Seine ganze Existenz.... eine Verkettung unglücklicher Zufälle.... Dein Vater hat sie geschüttelt, bis sie aufhörte zu schreien, und deine Mutter hat sie mit dem Kopf gegen die Wand geknallt! Lenchen! Seine kleine Schwester, die im Moment das einzige Licht war, das ihm noch leuchtete. Zufälle?? Seine Eltern hatten nicht zufällig so gehandelt.

Er musste den Stumpfsinn loswerden. Es tat ihm nicht gut, die Abende mit Saufen zu verbringen und die Tage mit Schlafen. Vielleicht sollte er endlich mal wieder eine Runde laufen? Er sah aus dem Fenster. Schwarze Wolken hingen am Sommerhimmel. Also heute nicht laufen! Das alte Thermometer, das außen angebracht war, zeigte schon 27° an; drückende Schwüle hatte sich auch im Haus ausgebreitet. Na, das konnte ja was werden!

Klaus blickte auf die Uhr. Halb fünf. Sollte er mal Ingeborg zurückrufen? Er hatte ein schlechtes Gewissen. Hatte sich einige Wochen nicht mehr bei ihr gemeldet. Sie hatte sich aber auch nicht bei ihm gemeldet. Es war still geworden in letzter Zeit. Evelyn?? Sendepause.

Er fand Ingeborgs Anruf, wählte BEANTWORTEN. "Ingeborg? Hi, wie geht's denn so?"

"Na, du bist lustig! Ich mache mir Sorgen um dich. Hast dich ja total vergraben! Oder gibt es was Neues, was ich noch nicht weiß?" Sie klang eher erleichtert, als erzürnt.

"Nicht wirklich, Ingeborg. Brauchte einfach mal etwas Zeit für mich selbst. Mal neu einnorden, falls du verstehst..."

"Doch, klar verstehe ich das! Und hat es geklappt?"

Hatte es geklappt? War es ihm gelungen, seinem inneren Kompass eine neue Marschrichtung vorzugeben? Eine, die nicht früher oder später in den Untergang führte? Er räusperte sich. "Was gibt's denn so?"

Ingeborg Wimmer hatte sehr wohl gemerkt, dass er ihrer Frage ausgwichen war. Und dass sie, bitteschön, an seiner Frage noch ein dass-du-mich-jetzt-störst dranhängen konnte. "Es gibt Neuigkeiten...." Sie zögerte, wusste nicht, ob sie ein Klaus oder Barbara dranhängen durfte.

"Neuigkeiten?" Seine Stimme klang müde, fast schon desinteressiert. "Von unserem Freund? Hat man ihm die Eier abgeschnitten, Ingeborg?" Es gab kein ironisches Lachen.

"Schlimmer!" Sie überlegte fieberhaft, wie sie es schaffen konnte, endlich mehr Licht in das Dunkel zu bringen, das ihn umgab. "Kommst du heute Abend?"

"Heute Abend? Wohin?"

"Ich möchte, dass Barbara mal wieder mit mir zusammen Messe dient!" Jetzt hatte sie es gesagt. Wie blöde kann man sein, fragte sie sich. Einfach so direkt drauf zu...

"Heute Abend?"

"Ja. Wir könnten dann auch darüber sprechen, was wir mit Pater Ruprecht machen sollen. Eventuell eine neue Strategie entwerfen!"

Klaus brauchte lange, bevor er reagierte. Vielleicht wäre es besser, endlich Schluss zu machen? "..... Messe dienen....", antwortete er hohl.

"Bitte! Und anschließend machen wir es uns bei mir gemütlich, ja?" Ingeborg wusste sehr wohl, ihre Karten gut auszuspielen.

"Was ist mit Pater Ruprecht? Läuft der Prozess endlich?"

"Du, ich muss hier weitermachen. Erzähle ich dir dann alles heute Abend! Wenn du kommst, Barbara!" Sie hatte aufgelegt


Ingeborg atmete tief durch. D-day!, dachte sie. Wie lange hatte sie schon über all das Bizarre nachgedacht, das sie in den letzten Monaten an Klaus entdeckt hatte. Natürlich hatte er ihr von der Sache mit seiner behinderten Schwester erzählt, wie man ihn all die Jahre hindurch getäuscht und betrogen hatte. Im Grunde genommen hatte man mit dieser ganzen Vertuschungsgeschichte ein Verbrechen begangen, ein Verbrechen an einer kindlichen Seele. Es mochte sein, dass die Rechnung seiner Eltern und der Großmutter, die Schwester als tödlich verunglückt auszugeben, in gewisser Weise aufgegangen war. Immerhin hatte Klaus keine aktive Erinnerung mehr an die ganze Geschichte. Wohl aber hatte es jahrelang wie ein Fluch auf seiner Seele gelegen, war Auslöser all der bizarren Dinge gewesen, die er selber schließlich mit dieser Nachbarstochter und deren Kölner Freundin erlebt hatte. Aber welche Dinge?? Sie musste es wissen! Vielleicht war es ein Teil ihrer Persönlichkeit, Dinge aufklären zu wollen.
Sie hatte sich einen guten Plan gemacht, wie sie selber dachte. Der Abend würde lang werden. Wieder einmal hatte der Pastor der kleinen Kirche sie gebeten, für ihn einen Dienst zu übernehmen. Er könne leider nicht kommen, die Abendmesse würde ausfallen müssen. Sie möge doch bitte den wenigen Anwesenden, die zum Gottesdienst kommen, Bescheid sagen und dann um 18 Uhr abschließen. Ob sie das tun könnte?
Heute Abend also, in wenigen Stunden, dann wäre es endlich so weit! Ingeborg spürte eine seltsame Mischung aus Vorfreude und Angst vor dem Unbekannten in sich aufsteigen; sie musste dringend mal eine kleine Zigarettenpause halten, sonst hielte sie die Spannung nicht mehr aus!



Er hatte sich entschieden. Tue ihr den Gefallen, wenn sie es unbedingt so haben will! Und er hatte sofort gewusst, w a s sie haben wollte. Hatte es aus ihrer Stimme herausgehört, hatte kleinste Schwankungen aufgezeichnet wie ein Lügendetektor. Und war bestimmt nicht auf den Köder hereingefallen, den sie ihm vor die Nase gehalten hatte. Welche Neuigkeiten sollte es da schon geben, was Pater Ruprecht anging? Er würde ohne Zweifel seiner gerechten Strafe zugeführt. Vorausgesetzt, er hatte sich nicht vorher schon in seiner Zelle aufgehängt!
Ja, diesmal wirst du ihr den Gefallen tun, wenn sie wieder damit anfängt! Du wirst nicht davonlaufen! Und in die Isar springen kannst du anschließend immer noch! Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung aber für sein eigenes Leben! Ein Sprung heraus aus all dem Bedrückenden. Die tonnenschweren Gewichte, die auf ihm lasteten, sie würde er oben auf der Brücke zurücklassen!

Er war ruhig, als er sich gekonnt in sein weibliches Ich verwandelte. Entschied sich für hübsche Unterwäsche und die schwarze Glanzleggins. Ein Top, welches luftig Barbaras Silhouette umspielte. Beim Rock zögerte sie etwas, wählte dann aber einen recht engen Jeansrock, der knapp über die Knie ging. Sie würde diesmal nicht weglaufen können, nicht in diesem Rock!
Die passenden Schuhe waren kein Problem, Barbara besaß gar keine flachen Schuhe. Wohl aber high heels in verschiedenen Absatzhöhen. Welche sollte sie anziehen? Sie würde nicht viel laufen müssen. Ein wenig in der Kirche, am Altar. Mehr nicht. Natürlich würde sie mit dem Roller zur Kirche fahren und anschließend dann.....

Barbara sah aus dem Fenster. Der Himmel war dunkler geworden; obwohl es erst halb sechs an einem Sommerabend war, waren einige Straßenlampen bereits eingeschaltet. Vereinzelte Regentropfen schlugen gegen die Scheibe.
Sie wählte eine dünne Regenjacke, stopfte wichtige Dinge in eine passende Handtasche, dann löschte sie alles Licht, ging aus dem Haus und schloss hinter sich ab. Heute also, dachte sie.


Ingeborg konnte ihre innere Anspannung kaum noch unterdrücken. Sie war eher gekommen, hatte keinen Grund mehr darin gesehen, erst nach Hause zu fahren. Bereits kurz nach fünf Uhr hatte sie in der Nähe der Kirche geparkt und war die wenigen Schritte zu Fuß gelaufen.
Sie hatte sich bereits umgezogen, hatte sich die mittlerweile so vertrauten Messdienergewänder angezogen und dann ihre Vorbereitungen in der kleinen Seitenkapelle getroffen.
Sie war allein. Noch war niemand zur Abendmesse gekommen. Niemand achtete auf das Geräusch des Akkuschraubers. Pedantisch hatte sie die langen Schrauben zur Seite gelegt, hatte sie die Mechanismen der Fesselbretter überprüft; auch das Stachel bewehrte Sitzbrett ließ sich problemlos drehen und arretieren. Aus ihrer Handtasche holte sie zwei kleine, messingfarbene Vorhängeschlösser; sie waren geöffnet; die dazugehörenden Schlüssel legte sie auf den kleinen Altar, vor dem sie knien würde.
Hier - und nur hier - würde sie es schaffen, ihn zu knacken. Hinter die Mauer zu blicken, mit der er sich bisher umgeben hatte. Und sie war entschlossen, dafür weit zu gehen, sehr weit.

Es war kurz vor sechs Uhr. Mehrmaliges Klacken der Tür zeigte ihr, dass die ersten Gläubigen zur Abendmesse gekommen waren. Sie ließ sie gewähren. Einige wenige wussten nicht, wohin mit nassen Regenschirmen, andere setzten sich gleich in die Bänke, wieder andere schafften unter sichtlicher Mühe noch eine Kniebeuge und mit zittriger Hand ein Kreuzzeichen, bevor sie Platz nahmen. Ein lautes Poltern zeugte von einem Stock, der umgefallen war. Hände griffen zu Gebetbüchern, suchten vergebens nach der Nummer eines Eingangsliedes; die Bücher wurden wieder beiseite gelegt.
Ingeborg blickte auf ihre Uhr. Es war kurz vor Sechs. Sie huschte durch einen Seitengang zurück in den Altarraum, machte eine Kniebeuge vor dem Allerheiligsten, dann ging sie in die Sakristei.

Barbara war da und hatte sich bereits umgezogen. Schatten fiel auf ihr Gesicht; Ingeborg konnte ihre Augen nicht sehen. "Barbara! Wie schön, dass du gekommen bist!!" Sie umarmte Barbara, spürte den leichen Widerstand; nein, es war nicht mehr so, wie es noch zu Anfang des Jahres gewesen war.

"Schon gut! Habe es wohl gerade noch geschafft, halbwegs trocken hierher zu kommen!" Sie sah sich um. "Ist der Pastor noch nicht da?"

"Nein, noch nicht gekommen. Aber vielleicht gehst du schon mal raus und zündest die Altarkerzen an?" Sie blickte ihr nach, die kurz die Schultern gezuckt, dann aber mit einer Schachtel Streichhölzern die Sakristei verlassen hatte. Jetzt galt es zu warten.


Barbara ging zum Altar. Sie beachtete nicht die kleine Schar älterer Leute, die sich in den ersten Bänken versammelt hatten. Gläubige, die ihr ganzes Leben lang hinten gesessen hatten, jetzt aber, im fortgeschrittenen Alter, angesichts eines wohl nicht mehr allzu fernen Todes nicht unbedingt die Ersten sein wollten. Mochten diejenigen, die immer noch in den letzten Bänken saßen, jetzt auch beim Sterben die Ersten sein; so mochten sie wohl denken.

Plötzlich gesellte sich Ingeborg dazu. Sie trat nach vorn in den Mittelgang, hielt demonstrativ ihr Handy in der Hand. "Liebe Gemeindemitglieder!" Barbara hielt inne, Köpfe drehten sich Ingeborg zu.

Sage, dass es dir leid tut! Außerordentlich leid! "Liebe Gemeindemitglieder! Es tut mir sehr leid.... unser Herr Pastor hat mich soeben telefonisch davon in Kenntnis gesetzt, dass der heutige Abendgottesdienst leider ausfallen muss. Es tut ihm außerordentlich leid, dass Sie heute den Weg umsonst auf sich genommen haben. Er wünscht Ihnen Gottes Segen und mögen Sie bei diesem Wetter noch rechtzeitig nach Hause kommen! Ich danke Ihnen! Kommen Sie gut heim!"
Ingeborg atmete erleichtert auf. Musste aber einige besorgte Seelen beruhigen. Nein, es ist nichts Schlimmes! Nein, Genaueres wüsste sie leider auch nicht! Vergessen Sie Ihren Stock nicht! Ja, es tut mir leid, ich muss abschließen! Nein, heute Abend nicht, aber wohl morgen wieder! Ja, kommen Sie morgen wieder! Vergelts Gott! Gute Nacht!

Barbara hatte mit wachsendem Erstaunen zugesehen, wie gekonnt die junge Kriminalbeamtin mit der Situation umging. Die Ruhe, die sie ausstrahlte. Aber auch die Autorität, mit der sie, ganz liebenswürdig, einige wenige zum Gehen aufforderte, die glaubten, sie müssten noch für das Seelenheil des Pastors - oder ihr eigenes - beten. Es dauerte nur wenige Minuten, dann hörte sie, wie Ingeborg auch den Letzten verabschiedete und hinten die Tür abschloss. Sie waren allein.

"Und jetzt, Ingeborg? Dann können wir ja gehen!" Sie wusste, es war alles gefaket, eine brilliante Schwindelnummer. Es hatte keinen Anruf vom Pastor gegeben, und wenn doch, dann schon vor Stunden. Eine verschlossene Kirche wäre genug gewesen.

"Jetzt musst du mir helfen! Komm, Barbara!" Ingeborg hatte sie am Arm ergriffen, sie spürte den kräftigen Griff, der keinen Widerstand zulassen wollte.

"Helfen? Womit, Ingeborg? Was soll das hier... diese ganze Nummer??" Sie versuchte, sich loszureißen, aber Ingeborg hielt sie fest.

"Weißt du es denn nicht? Ich habe alles vorbereitet! Was ist mit dem Korsett? Hast du es besorgt?"

Er riss sich los. "Scheiß auf das Korsett! Nein, ich habe es nicht besorgt! Und sage mir endlich, was es Neues zu Pater Ruprecht gibt!"

"Das sage ich dir, wenn du mich auf der Strafbank fest gemacht hast! Komm jetzt und hör auf, hier rumzuzicken!"

Klaus blieb stehen. Er war erregt und sauer. "Ich denke nicht im Traum daran, noch mal was mit dieser scheiß Strafbank....!!" Er biss sich auf die Zunge, hatte seinen Fehler bemerkt.

"Noch mal was??"

"Nichts! Was ist mit dem Pater?" Er wandte sich zum Gehen. "Wenn du es mir jetzt nicht sagst, dann bin ich hier weg!"

"Er ist nicht mehr in U-Haft!"

Klaus wandte sich ihr zu. Man sah ihm den Schrecken an. "Wie.... nicht mehr in U-Haft? Wo ist er denn?"

Sie ergriff seine Hand, zog ihn sachte mit sich fort. "Er ist draußen. Mehr als ein halbes Jahr in U-Haft geht nicht. Es sei denn, es gibt gewaltige Gründe für eine Verlängerung. Die Staatsanwaltschaft ist sich nicht einmal sicher, ob es zu einem Verfahren kommt. Die Beweislage ist mehr als dürftig. Man hat keine weiteren Opfer oder Zeugen ausfindig machen können...."

Sie hatten die kleine Seitenkapelle erreicht. Ingeborg hatte ihn bis hierher wie in Trance führen können. Sie musste jetzt handeln. Langte nach den beiden Schlössern, die sie bereits zurecht gelegt hatte, drückte sie ihm in die Hand, dann kniete sie sich in die alte Messdiener-Strafbank.
"Komm, Klaus, mach die Schlösser dran und dreh das Sitzbrett um....!" Sie sah weg, hatte Angst, ihr Blick könnte alles im letzten Moment verhindern.

Sie schloss die Augen und wartete. Spürte ein leises Rumpeln in der Bank hinter sich. Ihre Füße wurden in das solide Fesselbrett gelegt; es wurde zugeklappt, ein sehr leises Klicken folgte. Sie hörte ihn atmen, ein schweres, angestrengtes Atmen, jetzt direkt vor ihr. Ihre Hände wurden nach unten gezogen, auch hier gab es das altmodische Fesselbrett, auch dieses wurde verschlossen. Dann ein weiteres Rumpeln; er hatte das Sitzbrett hinter ihr gedreht, hatte die furchtbare Stachelseite nach oben gedreht; sie würde sich nicht mehr hinsetzen können....

"Zufrieden?" Er hatte sich auf die Stufen des kleinen Altars direkt vor ihr gesetzt, Kerzenschein beleuchtete sein Gesicht unter der hübschen Perücke. "Und wo ist er jetzt?" Seine Stimme klang müde.

Ein greller Blitz zuckte von draußen herein, gefolgt von einem lauten Donner. Schlagartig verlöschte alles Licht in der Kirche. Nur noch der Schein der Kerzen erleuchtete die Szene.

Ingeborg testete ihren Spielraum. Null, dachte sie. Ich kann nichts machen... "Wir wissen es nicht. Er war unter Auflagen freigekommen. Sollte sich einmal die Woche bei der für ihn zuständigen Wache melden. Hat sich aber gestern nicht mehr gemeldet. Und zu Hause scheint er auch nicht zu sein. Er ist zur Fahndung ausgeschrieben...."

Klaus hörte es wie durch einen dichten Nebel. "Unser Video?"

Ingeborg überlegte, wie lange sie es wohl aushalten würden, bis sie ihn bitten müsste, befreit zu werden. "Kann nicht verwendet werden. Man erkennt ihn ja leider nicht. Und das Foto von deiner Bekannten.... nun ja, gerichtsfest ist das alles nicht. Tut mir leid...."

Stille trat ein. Erneutes Donnern war zu hören.

"Was hast du hier gemacht, Klaus? Mit Monika... oder Daniela?", fragte sie leise.

"Dann war alles umsonst?" Klaus sackte in sich zusammen. "Das Schwein wird weitermachen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt!"

Ingeborg achtete nicht darauf. "Klaus, hast du hier gekniet? Oder... oder hast du hier mit Daniela - sie überlegte, wie sie es nennen sollte - gespielt?"

Er schüttelte den Kopf. "Es war kein Spiel. Ich habe.... " Er schwieg.

"Nein, es war kein Spiel, Klaus." Erzähle es mir!!

"Das Video....", flüsterte er.

"Es war nicht gut genug. Man konnte ihn ja nicht erkennen!"

"Mich... MICH konnte man aber gut erkennen. Was ich mit Daniela gemacht hatte!" Ein leises Schluchzen entrang sich seiner Brust.

Ingeborg Wimmer verstand es nicht. Sie schwankte ein wenig hin und her, versuchte eine etwas bequemere Haltung für ihre Knie zu finden. "Ein Video von dir und Daniela? Dem jungen Mädchen, dass dann in die Isar stürtzte? Wer hat es denn aufgenommen? Und was kann man sehen?"

Er hatte sich wieder gefasst. Sah sie an, richtete sich auf. Zog die Nase hoch. "Monika hat es gemacht. Sie hatte mir eine Falle gestellt, und ich bin geradewegs hineingelaufen!"

"Was für eine Falle denn? Und WAS hast du denn gemacht? Hat sie dich mit dem Video erpressen können?" Scheiße, ist das hier unbequem!! Er wird mich bald losmachen müssen!

"Monika hatte mit Daniela was am Laufen. So ein Sadomaso Zeug. Wobei Monika immer der dominante Part war. Weswegen Daniela ja auch diesen Keuschheitsgürtel und den Stahl-BH tragen musste. Und sie hatte Daniela hier in dieser Bank angeschlossen und sie mir quasi auf dem Tablett serviert...."

Ingeborg überlegte. "Aber was konntest du denn tun? Ich meine, so wie man hier kniet ist ja außer Beten kaum was möglich!!

Er schüttelte sich, wie um eine Last abzuwerfen. Aber es war mehr als nur eine Last; es war ein Fluch, der sich nicht abschütteln lassen wollte. "Ich...." Die Stimme blieb ihm im Hals stecken. Er ballte seine Hand zur Faust, eine hilflose Geste; es war niemand da, niemand der seine aufquellende Aggression absorbieren könnte.
"Ich habe sie..... in den Mund...." Weiter kam er nicht, aber er hatte unbewusst seine Hand auf sein Geschlecht gelegt.

Ingeborg schien erst jetzt ihre prekäre Lage zu bemerken. Sie war nicht mehr ganz Herr der Situation. "Klaus Behrend! Was hast du mit Daniela gemacht? Hast du sie vergewaltigt?" Kaum hatte sie es ausgesprochen, wurde ihr klar, dass es in dieser Situation eigentlich nur noch eine Möglichkeit gab, eine Frau zu.vergewaltigen. "Oh mein Gott! Hast du sie zum Oralsex gezwungen?" Ließ sich das überhaupt machen? Und welcher Mann war so blöde, sein bestes Stück...?? "Und dann? Dann ist irgendwas schief gelaufen?? Sie hat dich gebissen und aus Rache hast du sie später nicht....?" Sie verstummte. Es war wohl nicht so gut, ihn ausgerechnet jetzt zu reizen.

Er lachte kurz und hart. "Gebissen?? Nein, sie konnte mich nicht beißen! Sie war ja geknebelt! Monika hatte sie geknebelt...." Er schwieg, ein krampfhaftes Zittern lief durch seinen Körper. "Sie hatte keine Chance. Genauso wenig wie ich, als Andrea es dann mit mir gemacht hatte und ich hier knien musste! Messdienerin Barbara!" Er schluchzte laut auf, als er es sagte. "Monika hatte sicherlich ihren Spaß gehabt. Sie liebte ja diese perversen Spielchen. Aber ich...." Er ließ sich ins Dunkel zurückfallen.

Ingeborg merkte, dass sie weder ihre Gedanken, noch ihre Gefühle mehr im Griff hatte. Irgendetwas war genau hier, an dieser Stelle, an dieser Strafbank, an die sie jetzt auch gefesselt war, geschehen. Nur, wie? Klaus mochte Daniela zum Oralsex gezwungen haben, was von Monika wohl gefilmt wurde um ihn anschließend zu erpressen. Zu was?? Aber wie um alles in der Welt ließ sich eine geknebelte Frau zu Oralsex zwingen? Und wer war jetzt diese Andrea, die mit ihm dasselbe gemacht hatte? Waren einer Frau da nicht anatomische Grenzen gesetzt?? Vielleicht war sie auf einer ganz falschen Spur? Aber was um alles in der Welt hätte es sonst sein können??
Ihr Unterbewusstsein hatte die Kontrolle übernommen. Es gab nur noch einen Weg, es jetzt herauszufinden. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen das Brett, welches ihre Füße hielt, zog und zerrte vorne an dem soliden Brett, welches ihre Hände nicht freigeben wollte, dann ließ sich sich zurückfallen, spürte plötzlich die scharfen Stacheln, die ihre Kleidung durchdrangen. Sie schreckte wieder hoch, ihre Knie schmerzten, wiederum kämpfte sie gegen die Fesselung, wieder spürte sie, wie sie langsam zurücksank, sie richtete sich erneut auf, wieder die Knie. Sie stöhnte laut auf. "Mach mich sofort los! Hörst du, du altes Schwein? Es ist genug jetzt! Es ist genug! Ich kann nicht mehr!!" Klang es wie Daniela?? Nein, Quatsch. Daniela wird gar nichts gesagt haben, sie war doch geknebelt!
Ingeborg versuchte es erneut. Diesmal nur mit Stöhnen und Brummen. Machte Lärm mit den Fesselbrettern; lange würde sie diese Nummer nicht durchziehen können!

Er tauchte unvermittelt aus dem Schatten wieder auf. Ein junger Mann in Frauenkleidern. Verkehrte Welt! Er hatte seinen Rock angehoben, stand plötzlich dicht, sehr dicht vor Ingeborg. Mit einer Hand zog er gekonnt eine weiße Miederhose herunter, während die andere den Rock hoch hielt. Ließ die Miederhose an den Knien stecken, griff dann an sein schlapp herabhängendes Glied. Er begann, es rhythmisch zu massieren. Er atmete heftig, Weinkrämpfe durchschüttelten ihn.

Tot, dachte er. Es ist tot. Lange schon tot. Du kriegst keinen mehr hoch, gar nichts geht mehr! Das Sterben hat begonnen, Klaus Behrend. Er sah Ingeborg vor sich knien, alles war wie damals, die gespenstische Atmosphäre, nur der Ringknebel fehlte... und seine Erektion. Und er wusste, Ingeborg spielte ein Spiel mit ihm, sie war eine geborene Sub, sie wollte es hier und jetzt. Aber Daniela hatte es nicht gewollt, damals. Er hatte es auch nicht gewollt, aber getan. Einzig Monika hatte es gewollt, hatte sich an ihrer perversen Fantasie aufgegeilt; warum, mochten die Götter wissen; sie hatte es ihm nie wirklich mitgeteilt.

"Nein!!" Er hörte Ingeborgs gespielten Aufschrei; das alles hier war nur noch zum Kotzen. Es wird Zeit, Klaus Behrend, du musst es jetzt tun!

Ingeborg ächzte unter ihren Fesseln. Jetzt würde er...

Sie sah, wie er resolut seine Miederhose wieder hochzog, sein immer noch schlaffes Glied mit einiger Mühe unter den festen, elastischen Stoff quetschte, sich dann mit dem Ärmel über das Gesicht rieb.

"Ich kann es nicht! Hörst du!! Ich will es nicht! Ich will mit diesem ganzen Scheiß nichts mehr zu tun haben! Dieses Scheißleben kotzt mich nur noch an! Und du kotzt mich auch an! Lass mich in Ruhe! Ist doch alles schief gelaufen!!!" Er war zurückgewichen ins Dunkel der Kirche. Sie hörte ihn gegen eine Bank stoßen, er kam ins Straucheln, fiel hin, dann vernahm sie seine Schritte in Richtung der Sakristei, das Öffnen und Zuschlagen der Tür hörte sie nicht mehr, einzig das leise Stottern eines kleines Rollers, der draußen vorbeifuhr, dann herrschte Stille.

Sie war allein. Und sie wusste, diesmal würde ihn niemand aufhalten können.




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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:15.01.18 15:51 IP: gespeichert Moderator melden


Krasser Cliffhanger...
Stürzt sich Klaus/Barbara wirklich in die Isar, wird jemand Ingeborg rechtzeitig vor der totalen Erschöpfung aus der misslichen Lage befreien können? Hoffentlich ist bald wieder Sonntag.
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S/M ist eine spezielle Form vom Zärtlichkeit

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:15.01.18 19:43 IP: gespeichert Moderator melden


Ich gebe Mario recht und ich hoffe das Barbara wieder zur vernunft kommt auch wenn ich spüre das er sie mit sich kämpft
S/M ist eine spezielle Form vom Zärtlichkeit (mein exsklave H.F.B.)

wo immer du auch bist, es ist okay so wie es ist

Das Avatar zeigt meinen Huddel im Kg :-D

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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:17.01.18 20:52 IP: gespeichert Moderator melden


Welcher Teufel hat diesmal Ingeborg Wimmer in der Seitenkapelle geritten! Als erfahrene Kriminalistin muss sie doch wissen, dass Klaus in einer solchen Streßsituation nicht verantwortungsvoll reagieren kann! Will sie denn ein extrem schmerzhaftes Outing als Masochistin erzwingen? Mit bloßem beruflichen Ehrgeiz kann es nicht mehr erklärt werden!
Nun kann uns Lesern wirklich nur noch Geduld helfen!
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:21.01.18 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Endlich kann es weitergehen! Ich wünsche allen Lesern eine spannende Lektüre! Eure Daniela 20






Ragnarök. Er war mitten drin und bemerkte es nicht. Klaus hatte sich bei seinem Sturz in der dunklen Kirche das Knie aufgestoßen; es schmerzte nicht. In aller Eile hatte er sich seine dünne Regenjacke übergezogen, aber vergessen, den Reißverschluss zu schließen. Sintflutartiger Regen durchnässte ihn bis auf die Haut; er nahm es kaum wahr. Er hörte nicht das Tosen des Sturms, der über München hinwegzog, vernahm nicht das Knacken und Krachen schwerer Äste, die um ihn herum zu Boden fielen.

Nein, Evelyn hatte falsch gelegen, als sie sagte, er müsse sich mit Barbara versöhnen! Aber das hatte er erst jetzt begriffen. Gerade noch rechtzeitig, wie er fand. Daniela war die Schlüsselperson in seinem Leben, mit ihr würde er sich versöhnen müssen! Bald wäre es so weit, nur wenige Minuten noch. Den Roller würde er oben an der Brücke stehen lassen, er bräuchte ihn nicht, bräuchte kein Gefährt, das ihn hinübertragen würde ins Reich der Toten, wenn es das überhaupt gäbe.
Der Gedanke an ein Weiterleben nach dem Tode erschreckte ihn; alles noch einmal von vorn, nein nein nein, er wollte einfach nur noch sterben, hinübergleiten ins sanfte Nichts, allem ein Ende setzen, nicht den Neuanfang. Erlösung finden in der Versöhnung mit Daniela, die er so feige hatte verrecken lassen.

Der Motor seines kleinen Rollers begann zu stottern. Immer wieder musste er sich durch tiefe Pfützen quälen, Wasser schlug gegen die kleine Maschine, Wasser, das gar nicht mehr wusste, wohin es noch abfließen sollte.
Wo war er? Er wusste es nicht. Die Stadt lag im Dunkel des Sturms, Straßenlampen warfen ein kümmerliches Licht gegen den wehenden Regen, Ampeln waren ausgefallen. Der Verkehr wurde chaotischer, Kreuzungen hatten sich in Irrgärten verwandelt, mühsam schlängelte er sich auf seinem Roller hindurch. Er wählte eine stillere Nebenstraße; er hätte es nicht tun sollen, alles lag voller niedergefallener Äste, leichte Gartengeräte flogen durch die Luft; Menschen sah er keine mehr.

Ganz unvermittelt ließ der Regen nach. Habe ich es überstanden? fragte er sich. Er wollte aufatmen, wieso musste ihm die letzte Lebensstunde noch so schwer gemacht werden, aber er erschrak, als er ein neues Geräusch hörte, das sich ihm näherte, das ihn zu vernichten drohte, noch bevor er selber den Ort der Versöhnung erreichte.
Er hielt an, blickte für einen kurzen Moment über die Schulter zurück, sah die dicken, weißen Körner wie eine eisige Wand vom Ende der Straße auf ihn zurollen. Er musste hier weg, augenblicklich, hier kam er nicht vorwärts; wenn es überhaupt gelänge, einem Hagelsturm auszuweichen, dann musste er jetzt fort von dieser zugemüllten Straße, hinüber auf die Hauptstraße, wo er noch einmal ordentlich Gas geben könnte.
Er schaffte es um Haaresbreite, bog nach rechts ab, sah zu seiner Erleichterung hinter einigen Bäumen den goldenen Friedensengel leuchten; er wusste endlich wieder, wo er war; wenige Minuten noch, dann wäre es vorbei.

Klaus achtete nicht auf den Bus, der ihn überholte und ihm an einer Haltestelle unvermittelt den Weg abschnitt. Er versuchte zu bremsen, rutschte auf nassem Laub aus, merkte, wie seine Maschine plötzlich unter ihm weggerissen wurde und er selber zu Fall kam. Benommen registrierte er die gelben Blinklichter des schon wieder abfahrenden Busses, er hatte keine Ahnung, ab jemand eingestiegen oder ausgestiegen war, dann setzte die Hölle um ihn herum ein, taubeneigroße Hagelkörner schlugen auf seinen kaum geschützten Körper, diesmal merkte er den Schmerz, er litt tausend Qualen, die Haltestelle war seine letzte Rettung, mühsam kroch er unter das rettende Dach. Er blickte sich um, sah nach seinem Roller, fand ihn wenige Meter zurück auf dem Trottoir; ein Wunder, sollte er den wieder ans Laufen kriegen. Egal, dachte er, die letzten Meter werde ich auch zu Fuß bis zur Brücke schaffen! Was hatte Monika zu ihm gesagt, als er sie im September wiedergetroffen hatte? 'Wer einfach aufgibt, ist doch schon halbtot!' Nein, dachte er, er würde nicht aufgeben, jetzt nicht, und halbtot war jetzt nicht mehr tot genug!

Ein greller Blitz blendete ihn, aber bevor er im Reflex die Augen schloss sah er ihn, den kleinen Aufkleber, den irgendjemand an die Wand der Haltestelle geklebt hatte. Ein Aufkleber, wie so viele andere, die irgendwo klebten. Kaum handgroß. Die bayrische Rautenfahne in weiß blau, in der Mitte, eingesetzt wie ein Medaillon, das Bild von Ludwig II., Bayerns angeblichem Märchenkönig, der sein eigenes Märchen nicht länger hatte ertragen können und sich im Starnberger See das Leben genommen hatte. Der grelle Blitz verlosch, aber das Licht, das er gebracht hatte, pflanzte sich in seinem Inneren fort. Dieser Aufkleber...., wo habe ich den schon einmal gesehen??
Ein gewaltiger Donner folgte, rumpelte durch seinen noch so jungen Körper, der plötzlich anders dachte als der geisteskranke König. Als die Erinnerung einsetzte brach er zusammen. OH MEIN GOTT!! Und was hatte Monika damals noch gesagt?? Dieses alte Sprichwort??


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Der Sturm hatte nachgelassen; es war wieder ruhig geworden. Ihre eigene Lage wurde ihr erst bewusst, als draußen wieder Ruhe einkehrte und sie sich erschöpft niederließ. Stechender Schmerz fuhr ihr durch das Gesäß, erschrocken stemmte sie sich wieder hoch, augenblicklich meldeten sich ihre gemarterten Knie. Auch die Muskulatur ihrer Oberschenkel begann leicht zu zittern.
Du hast ganz große Scheiße gemacht, Ingeborg!, dachte sie. Sie hatte das Spiel überreizt, nicht mit genau dieser Reaktion gerechnet, die sie doch hätte berücksichtigen sollen. Sie versuchte, nüchtern nachzudenken. Wann hatten sie ihr 'Spiel' begonnen? Es mochte kurz nach 18 Uhr gewesen sein. Und es hatte einige Zeit gedauert, bevor sie Barbara endlich dazu gebracht hatte, mitzuspielen. Nein, Klaus! Sie verbesserte sich. Barbara war doch längst schon gestorben! Und Klaus?
Sie sank erneut zusammen, kam wieder in Kontakt mit den Stacheln, als ihr die ganze Tragik des Abends bewusst wurde. Sie hatte alles falsch angegangen. Hatte sich von ihrem eigenen Wunsch, dominiert zu werden, leiten lassen. Und von ihrem krankhaften Ehrgeiz, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen. Junge Leute, die gemeinsame Fetischspiele miteinander spielen. Dominanz und Unterwerfung, gesteuert von der Sucht, es immer doller zu treiben. Wie ein Zug, der mit voller Fahrt auf ein Abstellgleis gerät! Bremsen allein hätte sie gerettet, hätte es wahrscheinlich verhindert, dass Daniela an jenem Abend allein in die Nacht hinausgerannt war. Und Bremsen hätte wohl auch Klaus gerettet, der jetzt auch davongelaufen war. Sie hätte bremsen müssen, hätte seine Qual längst erkennen müssen; stattdessen hatte sie alles nur auf die Spitze getrieben.
Und jetzt? Lebte er noch? Wieviel Uhr mochte es sein? Sie besaß zwar eine schicke Armbanduhr, die Bruno ihr einmal geschenkt hatte, weil sie wie eine Handschelle geformt war, was zu einer Polizistin seiner Meinung nach gut passte, aber diese lage zu Hause im Kasten, zusammen mit anderen Dingen, die immer noch schmerzlich an ihre Zeit mit Bruno erinnerten. Als moderne Frau war sie den schnellen Blick auf ihr Handy gewohnt, ihr Handy, das in ihrer Jackentasche steckte, die sie in der Sakristei liegengelassen hatte.

Ingeborg schloss die Augen. Sammelte all ihre Energie, wie sie es bei der Selbstverteidigung gelernt hatte, in einem einzigen, kräftigen Stoß zusammen, es würde klappen, sie zählte rückwärts, entlud bei null all ihre Energie, aber es klappte nicht. Sie war gefangen, gefangen in dieser mittelalterlichen Strafbank, die einst für unruhige Messdiener erfunden wurde, damit diese lernten, während des Gottesdienstes still und andächtig in sich zu ruhen.
Der Glockenschlag der Kirchturmuhr riss sie aus ihrer stillen und wenig andächtigen Kontemplation; sie zählte mit: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Acht Uhr abends! Jetzt wusste sie wenigstens, wie lange sie hier schon kniete. Was sie nicht wusste war, wie lange sie noch würde knien müssen, bis irgend jemand sie entdeckte und rettete!

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Er zog sich aus, schälte sich mit einiger Mühe aus den nassen Sachen, ließ sie achtlos zu Boden fallen. Kroch in das herrliche, weiß bezogene Bett. Es war zuviel gewesen für ihn. Viel zu viel! Sein Kopf konnte nicht mehr, wollte nicht mehr denken. Einzig sein Handy hatte er mit unter die Bettdecke genommen, es beruhigte ihn, es in der Hand halten zu können. Es war das einzige, was ihm noch geblieben war. Dann sackte er weg.

Wiederholtes kräftiges Summen seines Handys weckte ihn aus einem fast todesähnlichem Schlaf. So viele SMS auf einmal?? Ach ja, der Anbieter hatte gewechselt. Das leichte Ruckeln, das ihn in den Schlaf gewiegt hatte, hatte aufgehört; vor seinem Fenster gingen Leute vorbei und unterhielten sich angeregt.
Klaus sah nach der Uhrzeit, knapp zehn Uhr abends. Er zog die Bettdecke ganz über seinen Kopf, eine Höhle brauchte er, eine Höhle die ihm Sicherheit bot. Dann erschrak er. Ingeborg! Er hatte sie zurückgelassen, hatte sie, ohne zu denken, ihrem Schicksal überlassen. Wie lange mochte sie dort schon knien? Drei Stunden? Oder hatte sie sich befreien können??
Nein. Monika hatte sich nicht befreien können; er selber hatte sich nicht befreien können! Ohne Hilfe von außen.... Er mochte den Satz gar nicht zu Ende denken. Monika hatte wohl Glück gehabt, weil sie ihren Keuschheitsgürtel trug. Aber Ingeborg? Trug sie ihren heute Nacht? Er wusste es nicht. Wusste nur, dass er sie retten musste, bevor es zu spät war.
Er dachte fieberhaft nach. Stimmen drangen wieder an sein Ohr, diesmal kamen sie von der anderen Seite. Schritte, die vor seiner Tür entlang gingen. Was konnte er denn tun? Nichts....
Das leise Ruckeln und Schaukeln setzte wieder ein, nahm von ihm Besitz, sein Körper wollte schlafen schlafen schlafen...

Halte dich wach, Klaus Behrend!! Du musst jetzt Ingeborg retten!! Wer konnte helfen? Dann fiel ihm ein, jetzt konnte nur noch eine Person helfen. Er nahm sein Handy, das Display leuchtete zuversichtlich, alles wird gut!, dann schrieb er eine kurze SMS und schickte sie ab.

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Sie konnte nicht mehr. Ingeborg wusste, sie würden den Kampf gegen die Schwerkraft nicht gewinnen. Immer wieder sackte sie zusammen, immer wieder machte sie Kontakt mit den stechenden Stacheln. Ein, zwei Mal hatte sie versucht, ob sie nicht eventuell doch dort sitzen könnte, wenn sie sich nur ganz ganz langsam niederließe, wenn sie ihr Gesäß breit machte, den Druck verteilte; es mochte gehen, vielleicht für eine Minute, aber dann kannten die langen Stacheln doch kein Erbarmen mit ihr und ihrem Hinterteil und bohrten sich wieder durch ihre dünne Messdienerkleidung und ihre Jeans, die sie darunter trug.

Sie stemmte sich noch einmal mit letzter Kraft hoch, wie lange würde sie es noch aushalten, bis...? Sie hatte in den letzten Wochen lange genug Zeit gehabt, die Stacheln zu begutachten. Heftzwecken waren das nicht! Es waren lange, altmodische und sehr solide Eisennägel, angeordnet in mehreren Reihen und über das gesamte Sitzbrett verteilt. Grob mit einem kräftigen Hammer durch das mehr als fingerdicke Brett der Sitzbank hindurch getrieben. Und hatte da nicht jemand die Spitzen extra noch angefeilt? Zwei Zentimeter lange nadelspitze kleine Dolche, zweiundzwanzig an der Zahl, die nur noch darauf warteten, sie am Ende aufzuspießen. Könnte man davon sterben? Blutgefäße würden wohl eher nicht in Mitleidenschaft gezogen, überlegte sie. Aber ein stundenlanges Dahinsiechen war auch keine ermutigende Aussicht.
Noch einmal nahm sie ihre ganze Kraft zusammen, drückte mit den Armen und den Füßen gegen die altmodische Vorrichtung, die sie gefangen hielt, aber ihre Kräfte hatten längst schon nachgelassen; bald würde sie nicht einmal mehr die Kraft haben, sich hochzustemmen.

Sie zählte den Schlag der Turmuhr mit, diesmal kam sie auf zehn Schläge; es musste 22 Uhr sein. Klaus, komm zuück!! Siehst du nicht, dass ich hier bald vor die Hunde gehe?? Aber sie wusste, es würde kein Klaus mehr kommen. Sie würde ihn nie wiedersehen. Und wenn überhaupt, dann nur noch unterhalb der Luitpoldbrücke, genau dort, wo man vor anderthalb Jahren Daniela Krause gefunden hatte. Sie hatte den Fall aufklären können, wäre selber beinahe dabei draufgegangen, viel hatte da nicht gefehlt, als Klaus mit einem lauten Schrei von irgendwo her angeflogen kam und die Waffe weggekickt hatte. Ja, der Fall hatte aufgeklärt werden können, aber trotzdem war ihr fast alles im Unklaren geblieben. Das Beziehungsgeflecht zwischen Klaus, Daniela und Monika wollte sich nicht durchdringen lassen; für den Mord an Daniela Krause war es letztendlich auch nicht von Interesse gewesen.

Es tat höllisch weh. Ingeborg Wimmer hatte sich mit ihren Gedanken abgelenkt, aber darüber nicht mehr die Konzentration auf ihre Muskeln gehabt. Die ersten Stacheln, vorn an der Kante des mörderischen Sitzbrettes gelegen, hatten ihren Weg in ihr Fleisch gefunden, sie versuchte noch einmal, wieder hochzukommen, aber die Anspannung der Beinmuskulatur verstärkte nur den Schmerz. Sie gab auf.

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Höllischer Durst quälte ihn. Und die Sorge um Ingeborg hatte ihm den weiteren Schlaf verwehrt. Er blickte sich um. Neben seinem Bett stand eine Flasche Fachinger. Er langte hin, öffnete sie und trank gierig ein paar Schlucke.
Immer wieder sah er auf das Display seines Handys. Konnte er denn wirklich mit einer Antwort rechnen? Falls seine SMS überhaupt durchgekommen war. Wer weiß, was in München in dieser Sturmnacht alles kaputt gegangen war? Funktionierte das Handynetz denn überhaupt noch? Und musste er nicht damit rechnen, dass bei den Rettungskräften heute Abend Hochbetrieb herrschte??

Endlich!! Sein Handy gab das bekannte Piepsen von sich, er beeilte sich, die kurze Nachricht zu lesen: >Bin schon unterwegs!<

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Stille hatte sich über die Stadt gelegt. Die sprichwörtliche Stille nach dem Sturm. Es war das reinste Glück, dass sie die SMS bemerkt hatte. Gerade hatte sie einen verunglückten Radfahrer betreut, der es trotz des Sturms nicht hatte sein lassen können, draußen herumzufahren. Wahrscheinlich war auch wieder Alkohol im Spiel. Der Patient war stabilisiert und gerade in den Rettungswagen gebracht worden, sie selber hatte neben dem Fahrer Platz genommen und just in dem Moment das kurze Gedudel ihres Handys gehört.
Sie las die kurze SMS, überlegte einen kurzen Moment, wo genau sie sich befand, dann öffnete sie ihre Tür, schnappte sich ihre Rettungstasche und wies den Fahrer an, den Transport zur Klinik allein zu übernehmen.

Sie kannte sich gut aus; es war nicht weit bis zur kleinen Kirche. >DU MUSST SOFORT JEMANDEN RETTEN IN DER KLEINEN KIRCHE! GRUSS, KLAUS< Welche Kirche gemeint war, war nicht erwähnt, aber sie und Klaus hatte einige Male darüber gesprochen, es konnte wohl keinen Zweifel geben. Wohl aber an der ganzen Sache. Sie sollte j e t z t jemanden retten? Abends um zehn Uhr?? Und nicht etwa vor, sondern i n der Kirche??
Trotzdem rannte sie los. Sie wusste, Gedanken konnte man sich machen, wenn man das Opfer antraf. Jetzt galt es erst einmal, so schnell wie irgend möglich vorwärts zu kommen. Sicherlich würde sie Klaus dort treffen. Er würde ihr Näheres sagen können, wenn sie ihn sah.

Sie versuchte es gar nicht erst an der hintern Kirchentür. Ging gleich zur vorne gelegenen Sakristei; die Tür war nicht abgeschlossen, sie ließ sich öffnen. Gedämpftes Licht empfing sie, an einem Kleiderhaken hing eine längere Damenjacke; auf dem Fußboden lag ein Sturzhelm. Sie hob ihn auf, legte ihn auf den Tisch. Es war niemand da.
Die Tür zum dunklen Kirchraum stand offen. War jemand dort? Sie suchte vergeblich nach einem Lichtschalter, fand aber keinen. Kurzentschlossen nahm sie ihren Rucksack, eine Taschenlampe hatte sie immer dabei; es müsste halt auch so gehen.

"Hallo! Ist da wer!!?" Ihre Worte verhallten unbeantwortet im alten Gewölbe. Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe glitt über den Altar; nichts. Konnte etwas von der Decke herabgefallen sein? Auch nichts.
"Klaus!!? Bist du hier?? KLAUS!!??" Nichts.

Schwaches Licht zuckte im hinteren Teil der Kirche über eine steinerne Säule. Vielleicht dort? Langsam tappte sie vorwärts, leuchtete der Sicherheit halber in jede Bank, mal links, mal rechts. Sie wollte niemanden übersehen, der dort eventuell lag und versorgt werden musste. Nichts.

Sie erreichte die Säule, blickte nach links in die kleine Anbetungskapelle hinein, die eher eine Nische, als eine echte Kapelle war. Einige wenige Bänke standen dort, vor ihnen ein kleiner Altar, Jesus am Kreuze, davor brennende Kerzen. In der vordersten Bank kniete eine Frau, eine wohl nicht mehr ganz junge Messdienerin, wie sie sie einschätzte. Auf jeden Fall kein Mädchen. Zusammengesunken war sie, der Kopf hing schlaff herunter.

Sie roch Blut. Kein Zweifel, es war Eile geboten. Blut ist nie gut. Aber warum kniete diese Frau dort, und warum stand sie nicht auf? Sie trat näher, sah die gefesselten Hände. Die junge Frau saß auf der Sitzbank. Im Schein ihrer Taschenlampe entdeckte sie Blut auf der Bank; auch ein Teil ihres weißen Messdienergewandes war bereits blutverschmiert. Was ging hier vor??

Eile war geboten! Sie fragte sich, ob die Frau bewusstlos war. Rüttelte sie vorsichtig am Arm. "Hören Sie mich? Hallo?"

Ingeborg gab ein schwaches Lebenszeichen von sich. Sie verzog ihr Gesicht, Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Mühsam stemmte sie sich noch einmal hoch. Lange würde sie es nicht mehr halten können. "Helfen Sie mir! Schnell! Die Schlüssel...." Sie musste schlucken; ihr Mund war wie ausgetrocknet.

"Wo sind die Schlüssel?"

"Da vorn, neben den Kerzen auf dem Altar! Machen Sie schnell!"

Es dauerte wenige Momente, Ingeborg hielt sich mit letzter Kraft aufrecht; noch einmal wollte sie nicht in Kontakt mit dem teuflischen Sitzbrett kommen. Aber schon merkte sie, wie fleißige Hände zuerst ihre Füße, dann ihre Hände befreiten. Dann kippte sie zur Seite weg; es war überstanden. Sie war gerettet.
"Danke! Das war mehr als knapp! Mein Name ist Ingeborg, Ingeborg Wimmer. Und Sie sind...?"

"Frau Wimmer? Oh mein Gott! Herr im Himmel, wer hat Ihnen das hier angetan? Wir kennen uns übrigens schon! Wir haben miteinander telefoniert!"

"Frau Kasulke?" Ingeborg fasste einen Funken Hoffnung. "Wie kommen Sie denn hierher?" Dann erst bemerkte sie die Frage, die Evelyn ihr gestellt hatte. "Klaus hat es getan, Frau Kasulke. Aber nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken!"

"Was denke ich denn? Im Moment denke ich, sollte ich Sie wohl lieber verbinden. Und dann müssen wir mal sehen, wie wir Sie zur besseren Versorgung bekommen. Diese Dinger hier sind ja furchtbar!! Diese Stacheln dringen ja wirklich tief ein! Eine Tetanus-Impfung wäre nicht schlecht!"

"Habe ich! Keine Sorge. Ein Pflaster wäre nicht schlecht! Oder mehrere...." Sie stöhnte noch einmal laut auf; der Schmerz war kaum auszuhalten. "Wieso sind Sie hier, Frau Kasulke?"

Evelyn bemühte sich, im Schein ihrer Taschenlampe eine Erstversorgung der tiefen Wunden vorzunehmen. Kompliziert, denn sie musste dabei ihre Taschenlampe zwischen die Zähne nehmen, um beide Hände frei zu bekommen. "Warten Sie bitte... erst Ihre Wunden!" Viel konnte sie nicht machen, aber wenigstens dafür sorgen, dass die blutenden Wunden desinfiziert und verbunden wurden. "So, besser als gar nichts. Aber wir müssen Sie trotzdem noch richtig untersuchen lassen. Ich werde einen Rettungswagen anfordern."

"Nein, bitte warten Sie noch! Sagen Sie erst, hat Klaus Sie geschickt? Ich befürchte, er hat sich etwas angetan."

Evelyn Kasulke ließ ihr Handy wieder sinken. "Ich bekam eine SMS von ihm, das mag kurz nach 22 Uhr gewesen sein. Aber viel stand da nicht drin." Sie zeigte Ingeborg den kurzen Text.

"Dann lebt er also noch!" Ingeborg atmete erleichtert auf. "Wissen Sie, wo er steckt??"

"Nein, tut mir leid, ich habe keine Ahnung. Sie glauben, er wollte sich.....??" Sie sprach es nicht aus.

"Ja. Ich glaube, er wollte zur Luitpold Brücke. Sich dort das Leben nehmen. Eine Bekannte von ihm war dort zu Tode gekommen. Vielleicht erinnern Sie sich an den Fall der jungen Kölnerin, vorletztes Jahr."

"Hatte Klaus etwas damit zu tun? Oh mein Gott!" Evelyn hielt die Hand vor ihren Mund.

"Nein, aber er kannte die Frau. Wir müssen trotzdem hin zur Brücke, sehen, ob er es noch nach seiner SMS gemacht hat. Lassen Sie mich einen Wagen der Polizei rufen; die Kollegen werden uns hinfahren. Anschließend dann können Sie sich um meinen Hintern kümmern!"


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Eine Initialzündung! Es war wie eine Initialzündung gewesen! Eine kleine Sprengkapsel, die in die Dynamitstange gesteckt wird. Erst durch sie wird der Sprengstoff gefährlich. Genauso hatte er es gefühlt, als er, am ganzen Körper zitternd und im Wartehäuschen vor dem Hagelsturm Schutz suchend, den kleinen weißblauen Aufkleber mit dem Bild König Ludwigs gesehen hatte.

Klaus war wieder aufgewacht. Wo mochte er sein? Er hatte keine Ahnung; letzten Endes war es auch egal. Nicht der Weg war das Ziel, sondern die Rache! Wie lange mochte der grelle Blitz ihn geblendet haben? Nebensächlich. Wichtiger war, er hatte ihm im Bruchteil einer Sekunde alles offengelegt, was ihm bisher verborgen war.

Genau solch einen Aufkleber hatte er schon einmal gesehen! Wahrscheinlich hatte er schon viele davon gesehen, diese oder ganz ähnliche klebten über das halbe Bayernland verstreut an Autos, Wartehäuschen, Reklameschildern, Fahrrädern, Kinderwagen. Er aber hatte ihn an einem knallig bunten Auto gesehen, und das mochte noch gar nicht so lange her sein.
Instinktiv hatte er Zusammenhänge begriffen, hatte sich einen Reim darauf machen können, wieso Pater Ruprecht seine Meldeauflagen nicht eingehalten hatte. Und verstanden, dass er jetzt handeln musste, hier und jetzt, es galt, keine Minute zu verlieren, er musste seinem früheren Lehrer zuvorkommen, wenn es nicht bereits zu spät war.
Klaus verließ für einen Moment seine schützende Höhle, schlug das Bett zur Seite, erleichterte sich, fand etwas Schokolade und einige Müsliriegel. Gott sei Dank! Er hob seine Sachen vom Boden auf, hängte sie über einen Kleiderhaken an der Tür, er konnte nur hoffen, dass sie bis zum Vormittag wieder trockneten; andere hatte er nicht dabei. Barbaras Sachen.

Er legte sich zurück in das warme Bett. Jetzt brauchte er Schlaf, morgen müsste er zum Kampf bereit sein, falls es dazu käme! Aber die Aufregung der letzten Stunden hatte ihn mit Adrenalin vollgepumpt, die Bilder der letzten Nacht ließen ihn nicht ruhen, waberten durch seinen müden Kopf, raubten ihm die dringend benötigte Erholung.

'Hast du schon einmal so einen Volkswagen gesehen?', hatte Ingeborg ihn gefragt. Und er hatte sich nicht erinnern können, weil an jenem Tag sein ganzes Denken auf eine einzige, furchteinflößende Handlung konzentriert war, die alle anderen Dinge ausschloss. Jetzt aber wusste er es! Der weißblaue Aufkleber auf einem eher ungewöhnlichem Auto in hellem Orange!! Er hatte den Wagen gesehen, und er wusste, wo!

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Nichts! Die beiden Frauen starrten über die Brüstung der Luitpoldbrücke in die gurgelnde Tiefe. Die Isar war wegen des Unwetters stark angeschwollen. Ingeborg hatte einen Einsatzwagen der Polizei herbeigerufen; man war sofort, trotz ihrer Verletzungen, zur Brücke gefahren, aber dort war nicht zu sehen. Die Streifenbeamten leuchteten mit starken Lampen hinab; der Fuß der Brücke, wo man Daniela gefunden hatte, war überspült; der reißende Fluss mochte ihn bereits weggespült haben.

"Glauben Sie, dass er es getan hat?" Evelyn wagte es kaum, ihre Frage auszusprechen.

Ingeborg zuckte die Schultern. Evelyn hatte ihr ein Schmerz stillendes Medikament gegeben, aber trotzdem war es kaum auszuhalten. Sie hatte sich im Streifenwagen halbwegs auf den Bauch gelegt, der Platz war eng, ihr Kopf lag auf Evelyns Schoß, es war suboptimal, aber man musste erst hier nachsehen.
"Ich weiß es nicht. Aber irgendwie glaube ich, oder hoffe es zumindest, dass er es sich noch anders überlegt hat. Was mich beruhigt, sein Roller ist hier nirgends zu sehen. Wir werden gleich noch einmal bei ihm zu Hause nachsehen, ich kann auch noch einmal nach Unfallopfern fragen; mehr können wir heute wohl nicht tun, Frau Kasulke!"

"Evelyn!", sagte die Sanitäterin. "Ja. Aber dann müssen wir mal sehen, dass wir Sie ordentlich verarzten lassen, Frau Wimmer!"

"Ingeborg!", gab die Kriminalbeamtin leise lächelnd zurück. "Kommen Sie, machen wir uns auf den Weg! Die Hoffnung stirbt zuletzt!"


Aber sie fanden Klaus nicht mehr in jener Nacht. Das Haus, wo er wohnte, war dunkel, auch hier stand kein Roller. Und auch eine Anfrage über Unfallopfer ergab nichts. Wo ist Klaus? Beide Frauen sahen sich an.

"Wir müssen abwarten, Ingeborg!"

"Ja. Er wird schon wieder auftauchen...." Ich muss nur fest daran glauben, dachte sie. Und hoffte, es würde nicht irgendwo weiter flussabwärts an der Isar sein.


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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:27.01.18 22:03 IP: gespeichert Moderator melden


Ups - das war Spannung pur!
Und dass sich die beiden Damen endlich näher gekommen sind, kann der Problemlösung auch einmal dienlich werden.
Alt werden will jeder, alt sein aber keiner
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von Datum:28.01.18 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Die letzte Woche kam mir lang vor. Vielleicht auch, weil niemand geschrieben hatte. Bis mein alter Freund Maximilian mich gestern Abend noch rettete. Ich muss gestehen, Schreiben ist eine dumme Sache. Besonders wenn es keine Verkaufszahlen gibt, die einem Erfolg oder Misserfolg signalisieren. Eine jede, noch so kleine, Rückmeldung lässt mich also wieder aufleben. (Danke, Maximilian!)
Jetzt aber mal schnell weiter. Ist ja gerade ziemlich spannend, nicht wahr? Viel Spaß wünscht Eure Daniela 20





Klaus hatte einige Stunden geschlafen, wachte jetzt aber wieder auf, weil das leise Geräusch des Rollens und das damit verbundene leichte Schwanken aufgehört hatte. Er sah auf sein Handy; es war mitten in der Nacht. Scheinwerferlicht strahlte durch sein Fenster, er versuchte, die dunkelbraunen Vorhänge besser zuzuziehen, aber irgendwo blieb immer eine Ritze frei, das Licht ließ sich nicht ganz ausblenden.
Er zog sich wieder die Bettdecke über den Kopf. Das Atmen wurde ihm schwer, er bohrte mit der Hand ein kleines Luftloch zur Seite, so war es besser. Wieder tauchten die Bilder des Abends vor ihm auf. Der Blitz, der Aufkleber!

Der Hagelschauer war nicht von Dauer gewesen, bald schon hatte er nach seinem Motorroller sehen können. Er lag immer noch einige Meter zurück auf dem Gehweg, sah arg mitgenommen aus. Er hatte ihn aufgerichtet, so besehen war der Schaden kleiner, als befürchtet. Drückte den Anlasser, der Motor hustete ein-, zweimal, sprang dann aber an, als sei nichts gewesen. Er schüttelte den Kopf, nein, damit hätte er nie gerechnet.

Er hatte sich auf die kleine Maschine gesetzt, fuhr los, gänzlich ziellos jetzt, die Brücke war nicht mehr wichtig, er fühlte sich leer und von der Welt verlassen. Ein Hinweisschild zum Hauptbahnhof gab ihm plötzlich eine neue Richtung vor, er konnte nicht sagen, was genau er dort wollte, aber er war hingefahren und unterwegs war ihm wieder eingefallen, was Monika zu ihm gesagt hatte, bei ihrem letzten Treffen. Das alte Sprichwort, jedes Kind kannte es, aber es bedurfte all dieser dramatischen Ereignisse, dass es ihm wieder einfiel: Alle Wege führen nach Rom!
Du bist verrückt,
dachte er, als er seinen Roller am Bahnhof abstellte. Du kannst doch nicht einfach.... Doch! Yes, I can!, murmelte er vor sich hin. Der Bahnhof war voller Menschen, aber das Reisezentrum war leer; sicherlich hatten viele hier nur Zuflucht gesucht.

Er sah, wie er eingetreten war, gänzlich durchnässt aus. Was willst du in diesem Reisezentrum??, hatte er sich gefragt.

"Ja bitte? Guten Abend!" Die Schalterbeamtin hatte ihn angesprochen und wartete auf seine Frage.

Er hatte sich umgesehen, wie in einem Film. Aber es gab niemand sonst, er war allein. Wonach sollte er fragen? "Guten Abend!" Er sah entschuldigend an sich herunter. "Tut mir leid... Sie wissen.... das Unwetter. Es hatte mich voll erwischt...."

Sie hatte zughört, ihm einen mitleidigen Blick geschenkt, blieb aber bei der Sache. "Womit kann ich ihnen helfen, junge Frau?"

Wieder sah er sich um. Bis ihm einfiel, dass er ja als Barbara zur Kirche gefahren war. Er schloss die Augen, einen Moment nur, aber er musste jetzt in dieses zweite Ich zurückfinden. "Rom", sagte er.

"Sie möchten nach Rom? Wann möchten Sie denn reisen?"

Klaus hatte mit den Schultern gezuckt. Hatte er überhaupt gesagt, dass er reisen wollte?? "Wann... wann geht es denn?"

Die Beamtin warf ihm einen seltsamen Blick zu. Sie beugte sich etwas vor. "Hör mal, Schätzchen, es geht jeden Abend ein Zug nach Rom, immer um 20.15 Uhr. Möchtest du morgen fahren? Oder vielleicht nächste Woche?"

Er überhörte die etwas schräge Anrede. Sein ramponiertes Äußeres mochte sie zulassen. Er blickte auf die Uhr, es war gerade 20 Uhr. "Wie wäre es mit jetzt gleich? Oder fährt heute kein Zug mehr??"

Die nicht mehr ganz junge Beamtin lehnte sich wieder zurück. "Na, sie sind ja lustig! Doch, heute Abend fährt auch einer. Aber da müssen wir uns beeilen! Also...??"

Er hatte in seine Tasche gegriffen, gut, alles war da. Ausweis, Geld und Kreditkarte. Und genug Geld auf dem Konto. Er legte die Karte auf den Tisch. "Also los!"

"Ich empfehle Ihnen eine Platzkarte. Oder wollen Sie lieber Liegewagen? Ist natürlich teurer."

"Liegewagen? Nein." Er schüttelte den Kopf. "Wie wäre es mit Schlafwagen?"

"Die Beamtin blickte verstohlen auf seine Kreditkarte. "Ist natürlich noch teurer...."

"Kein Problem! Machen Sie voran! Wir haben keine Zeit!"

Wenig später war die Fahrkarte schon ausgedruckt. Der Preis für die Reise leuchtete auf einem Display auf, er sah kaum hin, schob seine Karte in den Kartenleser, bestätigte mit seiner Geheimzahl, dann wollte er gehen, aber die Beamtin gab ihm seine Fahrkarte nicht.

"Was ist?" Er sah auf die Wanduhr, es war nicht mehr lange bis zur Abfahrt.

"Darf ich mal Ihre Kreditkarte sehen?"

Er reichte ihr die Karte.

"Klaus Behrend?? Von wem ist diese Karte, Schätzchen? Sie sind das ja wohl nicht?" Ein mehr als misstrauischer Blick traf ihn.

Er hatte die Augen geschlossen. Sich einen kurzen Moment gesammelt. Dann riss er sich mit einem schnellen Ruck die Perücke vom Kopf, fiel sprachlich wieder eine Oktave tiefer. "Doch, Schätzchen. Das bin ich! Was ist los? Noch nie 'ne Transe gesehen? Und jetzt geben Sie mir bitte meine Fahrkarte! Ich habe es verdammt eilig!"
Wenige Augenblicke später war er schon auf dem Weg zum Schlafwagen. Mochte nun kommen, was es wollte. Er war für alles bereit!

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Stunden später. Wieder hielt der Zug an einem Bahnhof. Es war längst hell geworden; eine schrille Stimme kam etwas quäkend aus einem Lautsprecher. Er verstand kein Wort, aber es war Italienisch. Klaus hatte sich noch einmal in einen unruhigen Schlaf gequält; jetzt war er froh, wach zu sein.
Plötzlich musste er lachen. Du spinnst!, dachte er. Wann hatte er den seltsamen Volkswagen in Rom gesehen? Letzten Sommer? Wie konnte er nur so dumm sein, diese aberwitzige Fahrt zu unternehmen?
Warum hatte er nicht einfach Ingeborg davon erzählt? Ingeborg!! Großer Gott! Was hatte er getan? Er konnte nur hoffen, dass Evelyn noch rechtzeitig gekommen war, bevor Ingeborg wirklich Schlimmes zugestoßen war. Sollte er Evelyn anrufen? Besser nicht. Er hatte sein Handy ausgeschaltet, nachdem er die SMS an die befreundete Sanitäterin geschickt hatte. Er hatte kein Ladegerät dabei; möglicherweise bräuchte er sein Handy noch. Schlimmer war, er hatte Angst vor Fragen. Fragen, die er nicht beantworten konnte, oder wollte. Einzig der Erfolg könnte ihn jetzt noch retten.

Erfolg? Träum ruhig weiter, Klaus Behrend! Du hast keine Chance! Hättest dich doch besser in die Isar stürzen sollen! Er ließ sich mutlos zurückfallen. Hatte er keine Chance? Was hatte er sich denn überhaupt erhofft? Dass er den Wagen findet? Und irgendwie einen Zusammenhang mit Pater Ruprecht herstellen könnte? Und dann??
Erneut musste er lachen. Ein kurzes, bitteres Lachen. Vielleicht sollte er einmal ein Buch über sein verkorkses Leben schreiben? Die ganze Lügengeschichte mit seiner kleinen Schwester, die offenkundige Kindesmishandlung, die Vertuschung durch die Eltern. Dann all das Leid, welches er selber und seine Klassenkameraden durch Pater Ruprecht erfahren hatten. Und dann dieser ganze Mist, all das, was er selber mit Monika gemacht hatte?? Die Zeit bei Andrea in Rom?? Danielas Tod?? Einen Titel für solch ein Buch hatte er schon parat: "Nachtzug nach Rom." Er war sich sicher, es würde ein voller Erfolg werden!

Aber nur, wenn er selber Erfolg hatte! Wenn es ihm endich, irgendwie, und vielleicht auch mit etwas Hilfe von oben, gelänge, diesen widerlichen Kerl endlich unschädlich zu machen. Er musste ihm einfach zuvorkommen!
'Man hatte wohl keine Zeugen gegen ihn ausfindig machen können!' Wieder und wieder hatte er sich Ingeborgs Worte durch den Kopf gehen lassen. Mit einiger Leichtigkeit hätte er selber mindestens zwei oder drei ehemalige Mitschüler benennen können, die, genau wie er selber, Schlimmstes bei diesem 'Pater' durchgemacht hatten. Aber, wo waren diese jetzt? Vielleicht lebten sie im Ausland, vielleicht hatten sie die Erlebnisse verdrängt, wollten sie ganz einfach nicht mehr erinnert werden. Er wusste es nicht.
Ingeborg hatte sogar Zweifel geäußert, dass es noch zu einem Prozess käme. Das Video vom Chinesischen Turm? 'Jeder Verteidiger zerpflückt dir das!' Und dann stand es wohl Aussage gegen Aussage, und wem würde man eher glauben, dem unbescholtenen Lehrer, ein Mann der Kirche obendrein, oder ihm, dem ehemaligen Schüler, der doch wohl nur aus Rache diese schlimmen Behauptungen aufgestellt hatte? Und was sind Sie? Trans... was??

Seine Sachen waren getrocknet; er glättete sie etwas; perfekt war es nicht, aber es musste gehen. Diesmal hatte er nicht die geringste Lust auf Barbara, aber er hatte keine Wahl. Langsam zog er die Unterwäsche an, verstaute sein Gemächt wieder in der engen Miederhose. Der BH mit den Einlagen folgte, dann die Strumpfhose, die leider leicht eingerissen war. Der enge Jeansrock spannte etwas um seine Beine, Barbara mochte dieses Gefühl, aber im Moment erschien es ihm nur lästig.

Fertig angezogen warf er einen Blick in den kleinen Spiegel, den das Schlafwagenabteil bot; er sah wie ausgeschissen aus, fand er. Barbaras Handtasche hatte wie durch ein Wunder überlebt; er öffnete sie und fand, was er brauchte, sein ramponiertes Gesicht aufzufrischen. Gekonnt überarbeitete er die Kurzhaarperücke; so mochte es gehen.

Beim Schlafwagenschaffner bekam er Frühstück und einen Kaffee. Seine Stimmung besserte sich zusehens. Hinter Orvieto hatte er aufgegessen, Zeit für einen Besuch des historischen Doms oder des tiefen Brunnens hatte er nicht. Aber er setzte sich jetzt so ans Fenster, dass er in Fahrtrichtung schauen konnte. Es war wichtig, vorwärts zu blicken, er durfte sich hier und jetzt nicht mehr vom Blick zurück dominieren lassen. Bis Rom war es noch eine gute Stunde, kurz vor halb zehn sollte er eintreffen. Dann würde er weitersehen!


Rom, 6. Juni

Er hatte es sich einfacher vorgestellt. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber eigentlich hatte er sich gar nichts vorgestellt. Und das war sein Problem. Klaus war pünktlich in Rom angekommen, hatte die Geborgenheit seines Schlafwagenabteils verlassen müssen und stand nun in der enormen Schalterhalle mit ihrer wellenförmigen Dachkonstruktion, ohne zu wissen, in welche Richtung er weitergehen sollte.
Armin Hary hätte hier locker seinen 100 Meter Lauf bewerkstelligen können; lang genug war die Halle auf jeden Fall. Aber der deutsche Sprinter, der 1960 in der italienischen Hauptstadt gefeierter Olympiasieger wurde, hatte es vergleichsweise einfach gehabt. Für ihn hatte es ein klar zu erkennendes Ziel gegeben, obendrein war seine Laufbahn mit weißen Kreidestreifen markiert gewesen. 10,2 Sekunden, dachte Klaus, der hatte es gut gehabt, selbst wenn man sämtliche Vorläufe mit berechnete, so kam man nicht einmal auf eine ganze Minute.
Aber so schnell würde er es nicht schaffen. Falls überhaupt. Seine Uhr schien stehengeblieben zu sein. Klaus sah sich um, die Schalterhalle war gut gefüllt, aber leider nicht so, dass er irgendwo in der Menge hätte verschwinden können. Die Menschen standen eher in kleinen Grüppchen beisammen, Begrüßungskommitees für andere Reisende, die mit ihm aus München oder Wien gekommen waren, von wo ein Teil des Zuges stammte, der nachts angekoppelt worden war. Ihn erwartete niemand; niemand wusste überhaupt, wo er sich befand.
Und doch, er konnte eine gewisse Furcht wieder nicht unterdrücken. Andrea lebte hier. Und waren Bahnhöfe nicht von jeher Orte, an denen die unmöglichsten Dinge passierten? Es galt, wachsam zu bleiben!

Kaum hatte er es gedacht, als er sich auch schon mit klopfendem Herzen hinter einer Säule verbarg! Andrea!! Kein Zweifel! Er sah ihn nur von hinten, er hielt eine Frau am Arm, die unsicher auf hohen Hacken über den Marmorfußboden stolperte. Wie hielt er sie? Wollte er bloß verhindern, dass sie strauchelte, oder hielt er sie richtig fest und wollte sie am weglaufen hindern? Und schon war es geschehen, die Frau war umgeknickt, hatte den einen Schuh verloren, sie bückte sich, ihn wieder anzuziehen, der Mann drehte sich um - doch nicht Andrea!!

Fahr wieder nach Hause, Klaus Behrend!! Er hielt sich an der Säule fest, sie gab ihm für den Moment das Gefühl einer Zugehörigkeit, der schwankende Mensch muss sich irgendwo festhalten können, eine Säule war da nicht das Schlechteste! Seine Augen suchten die große Anzeigetafel, aber ein München oder Monaco gab es dort nicht.
Seine Schritte lenkten ihn ins Reisezentrum. Er zog eine Nummer, musste lange warten, bis er endlich an die Reihe kam.

"Sie können 10.50 Uhr mit dem Eurostar nach Padova fahren. Dort steigen Sie um und sind dann abends um 20.26 Uhr in München!" Er hatte Glück, die Dame sprach recht gut deutsch. "Möchten Sie....??"

Er hörte nicht hin, was sie fragte. Beobachtete einen Pater im schwarzen Ordensgewand, eine Pater, der einen wohl zehnjährigen Jungen an der Hand hielt. Klaus griff sich ans Herz, schlug es noch? Er wich vom Schalter zurück, fand einen leeren Stuhl, er konnte nicht mehr stehen. Nein, es war nicht Pater Ruprecht, aber solange dieses Schwein frei herumlief, würde es nie aufhören, würde er ein Leben lang, notfalls um die ganze Weltkugel herum, davonlaufen und doch immer wieder nur an derselben Stelle ankommen!
Er bemerkte den besorgten Blick der netten Beamtin, schüttelte leicht den Kopf, sandte ihr ein beruhigendes Lächeln und er nickte ihr dankbar zu: Alles in Ordnung, machen Sie sich keine Sorgen.
Ein unter der Decke angebrachter Fernseher plapperte Nachrichten herunter, auf die niemand achtete; scheinbar brauchte unsere Welt die ewige Lärmkulisse, um überhaupt funktionieren zu können. Er sah hin, sah alte schwarz-weiß Aufnahmen von Sturmbooten, die sich einem Strand näherten, Soldaten die heraussprangen und Augenblicke später schon tot umfielen; gefallen für die Befreiung Europas vom faschistischen Übel. Richtig, es war D-day, wieder einmal und wie wohl in hundert Jahren noch, es waren Heldentaten, an die erinnert werden musste, auch wenn die Heldentat nicht darin bestanden hatte, deutsche Bunker zu erobern, sondern einen ersten Schritt auf den feindlichen Strand zu tun.

Er erinnerte sich an einen Film über einen gerade noch verhinderten Flugzeugabsturz, wo ein älterer englischer Passagier die Ruhe bewahrt hatte und anschließend der Stewardess, die ihn bewunderte, sagte, er sei während des Krieges Jägerpilot gewesen, ständig habe man dem Tod ins Gesicht geschaut und alles, was einem in der Not geblieben wäre, sei guter Stil gewesen.

Er war bereit. Nein, er wusste nicht, wozu, aber er war jetzt bereit, den Kampf aufzunehmen. In einem der vielen Cafés bestellte er sich einen Espresso, dann begab er sich zum nächsten Taxistand und nannte dem Fahrer das Ziel: Via Formosa.


Klaus erlebte die Fahrt durch Roms schon in der Vormittagsstunde verstopften Straßen wie in einem Traum.War es wirklich wahr? Saß er hier, in dieser Minute, in einem römischen Taxi und fuhr jetzt wieder hinaus zu diesem vermaledeiten Kloster, nur weil er glaubte, genau solch einen Wagen gesehen zu haben, der dem Modell entsprach, von dem man vor Jahren Lacksplitter in der Nähe von Thomas Unfallort gefunden hatte? Und wann hatte er hier solch einen Wagen gesehen? Letztes Jahr irgendwann? War das überhaupt so ein komischer Volkswagen gewesen? Nicht irgendein anderer Wagen? Irgendetwas italienisches vielleicht?
Er schloss die Augen. Ich bin wahnsinnig! An welch unsichtbaren Fäden hänge ich überhaupt? Die Nornen?? Hatten die Menschen nicht früher an die Schicksalsgöttinnen geglaubt, an deren Fäden der Mensch hing und von deren Lust und Laune er abhängig war? All dies war ihm nur gegenwärtig, weil er sich einmal über den seltsamen Brunnen gewundert hatte, der sich an Münchens Maximilianplatz befand, dem sogenannten Nornenbrunnen.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er dachte zurück. Ingeborgs verrückte Idee, etwas aus ihm herauslocken zu können, wenn sie sich auf der Strafbank fesseln ließe! Er hatte ihr Spiel sofort durchschaut, hatte schon bei ihrem Telefonanruf geahnt, auf was es hinauslaufen könnte und spätestens, als Ingeborg, ganz im Namen des Pastors, die Besucher der Abendmesse aufgefordert hatte, wieder zu gehen, gewusst, was kommen würde.
Und hätte Ingeborg nicht beinahe Erfolg gehabt. Hatte sie ihn nicht so weit gebracht, dass er die Kontrolle über sich verloren hatte? Nur, dass dann alles anders gekommen war, als von ihr geplant?
Er erinnerte sich an das Tohuwabohu der Nacht. Den Sturm, den Regen, den grellen Blitz. Seine kopflose Fahrt zum Hauptbahnhof. Schließlich, wie er totmüde in das weiße Bett gekrochen war. Wann war das alles geschehen?? Gestern Abend erst? Nein, das konnte gar nicht stimmen! Und jetzt saß er hier, in diesem ramponierten Taxi, fragte sich, ob er das wirklich alles erlebte, oder ob es nicht vielleicht doch eine Art Traum war....
Hatte nicht Shakepeare in seinem Sommernachtstraum schon postuliert, dass alles nur ein Traum sei? Wenn dies stimmte, bei ihm aber real war, dann müsste es bei mir wohl eher ein Sommernachtsalbtraum sein, sinnierte er. Und die Zukunft? Was mochte Skuld für ihn in der Zukunft bereit halten? Die Zukunft? Von welcher Zukunft redete er hier überhaupt?

Klaus schlug sich leicht gegen die Stirn. Deine Zukunft fängt gleich schon an! Nicht erst nächste Woche, oder eventuell nächstes Jahr! Gleich schon würde er hier auf der Straße stehen und dann....

"Prego, signora!" Das Taxi hatte angehalten, der Fahrer drückte einen Knopf seines Taxameters, ein kleiner Drucker spie eine lange Quittung aus, Klaus nahm sie entgegen, las den Betrag, rundete auf eine runde Summe auf und reichte dem Fahrer einen 20-Euro Schein. Mit einer kleinen Geste deutete er an, dass er kein Wechselgeld erwartete, dann schnappte er sich seine Handtasche, öffnete die Tür und stieg aus.
Er versuchte sich zu orientieren. Wo genau war er eigentlich? Die Via Formosa war eine schmale, nicht gerade kurze, leicht gebogene Seitengasse. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass fast alle Häuser verdammt gleich aussahen, wo genau er jenes Mutterhaus der 'Knaben Gottes' gefunden hatte, konnte er nicht mehr sagen. Statt dessen konzentrierte er sich auf die an einer Straßenseite geparkten Autos. War es hier gewesen? Oder in einer der anderen, kleinen Straßen, durch die er gekommen war? Und was, wenn ich den Wagen finde? Was dann??
Die Leere in seinem Kopf ließ ihn schwindeln. Er lehnte sich an eine Mauer, Klaus Behrend, du sitzt ganz schön in der Scheiße..., mach, dass du hier wegkommst...., geh zu deiner Mutter, flieg wieder nach Hause, vergiss endlich, was geschehen ist in deinem Leben...., nur, wenn du es vergisst, wirst du wieder richtig funktionieren können. Er lachte, er hatte einen Moment vergessen, dass seine Mutter wohl blöde schauen würde, wenn er so, als Barbara, bei ihr auftauchen würde. Vielleicht würde es ihm einen Moment der Genugtuung verschaffen? 'Übrigens trage ich immer noch Frauensachen! Und deine Tante Trudel hat mir alles erzählt, den ganzen Scheiß, den ihr damals verzapft habt....' Nein. Er hatte seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter gehabt und im Moment konnte er sich nur schwer vorstellen, wie das wieder in Ordnung gebracht werden sollte. Zu groß war die Schuld, die seine Mutter, und wohl auch sein Vater, mit sich herumtrug.

In Gedanken war er weitergegangen, stellte zu seinem Schreck fest, dass er fast schon das andere Ende der Straße erreicht hatte. War dies denn überhaupt die richtige Straße? Doch! Ein altes, leicht angerostetes Straßenschild trug, immer noch lesbar, die Aufschrift VIA FORMOSA. Aber ein leuchtend orangenes Auto war ihm nicht aufgefallen, ebensowenig wie der Hauseingang jener famosen Brüderschaft.
Der Umkehrpunkt! Sollte er es jetzt einfach von sich abschütteln, einfach weiterlaufen, der Erinnerung davonlaufen? Auch wenn er Gefahr liefe, dass sie ihn wieder und wieder einholen würde?
Er merkte, wie seine Füße gelenkt wurden. 'Der Mensch denkt, und Gott lenkt!, dachte er verwundert. Ist es wirklich so?? Also gut! Er ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Blieb auf der Seite mit den geparkten Autos, behielt jetzt aber auch die gegenüber liegende Straßenseite im Blick. Es war nur ein kleines Türschild gewesen, das wusste er noch; irgendo musste es hier sein.
Er erkannte den bronzenen Türhammer, fast im selben Moment wie die Tür geöffnet wurde. Ein Mann trat heraus, im schwarzen Mönchshabit, er drehte ihm den Rücken zu, redete einige Worte mit einem anderen im Inneren des Hauses. Klaus verbarg sich schnell hinter einem geparkten Auto, war aber zu weit entfernt, etwas zu verstehen. Alter Feigling!, dachte er. Barbara kennt hier niemand! Wer sollte sie schon erkennen? An einer heftigen Armbewegung ließ sich erkennen, es musste sich um einen Abschied handeln, dann drehte sich der Mann um, warf einen kurzen, prüfenden Blick in die Straße und begab sich dann zu einem größeren Tor, wahrscheinlich einer Hofausfahrt, wartete dort etwas, öffnete dann die beiden Flügel des Tores, sicherte sie gegen vorschnelles Zuschlagen und verschwand dann aus seinem Blickfeld.

Das wilde Hämmern seine Herzens und das gleichzeitige Gefühl, nicht mehr stehen zu können; die verheerende, unmittelbare Reaktion als Klaus Pater Ruprecht erkannt hatte. Diesmal gab es kein Vertun, diesmal wusste er genau, wen er hier vor sich hatte; diesmal wünschte er sich weit weg, am besten auf die Rückseite des Mondes, Hauptsache weg von hier.
Erinnerungsfetzen tauchten auf: das hämische Grinsen seines ehemaligen Lehrers, oben auf dem Chinesischen Turm. Wieder hörte er die schnarrende, spöttische Stimme: 'Mir hat es immer Spaß gemacht, jedes Mal. Abends, wenn wir mit dem Lateinlernen fertig waren!' Er begann, am ganzen Körper zu zittern, hatte keine Kontrolle mehr über seine Blase, er entleerte sich, eine Welle von Angst und Scham durchflutete ihn; schließlich landete er der Länge nach auf dem römischen Bürgersteig; das Ende seines verrückten Einfalls, hier auf römischem Pflaster. Dann hörte er den Motor eines Autos, das irgendwo in der Nähe gestartet wurde. Mit aller Kraft richtete er sich auf, spähte zwischen zwei Autos hindurch, sah drüben in der Einfahrt einen leuchtorangenen VW, so ein ganz seltsames Modell. Der Wagen fuhr langsam auf die Straße hinaus, hielt dann aber, setze wieder zurück und blieb in der Einfahrt stehen. Eine Tür wurde geöffnet, Pater Ruprecht stieg noch einmal aus, ging die wenigen Meter zur immer noch geöffneten Eingangstür. Hatte er etwas vergessen?
Klaus sah, noch im Laufen entledigte er sich seiner schwarzen Kutte, scheinbar hatte er vergessen, sie auszuziehen, vielleicht wollte er sie nicht mitnehmen, vielleicht würde er sie nicht mehr brauchen; wer konnte das sagen?

Er raffte sich auf. Wusste nicht, was er tat, aber er wusste plötzlich, dies hier war die Gegenwart, hier und jetzt, in dieser Sekunde, nicht nachher oder morgen. Jetzt! Er sprintete über die Straße, die Fahrertür stand offen, der Motor lief. Setzte sich auf den Fahrersitz, knallte die Tür zu, die Gangschaltung!! Wo ist die Gangschaltung? Dieser komische, lange Knüppel hier?? Über dem abschließbaren Handschuhfach befand sich ein Schaltschema, er beachtete es nicht. Er warf den ersten Gang ein, löste die Handbremse, alles geschah wie in derselben Sekunde, die Zeit schien stehen geblieben zu sein, Einstein hin oder her, dann trat er auf das Gaspedal, ließ die Kupplung kommen, Steinchen wurden von den durchdrehenden Rädern hochgewirbelt, er blickte nach rechts, nein, da war niemand zu sehen, dann bog er nach links ab und fuhr, viel zu schnell, die enge Straße hinauf.

Klaus querte einige Hauptstraßen, reihte sich in den fließenden Verkehr ein, hatte keine Ahnung, was nun, er musste erst einmal weg von hier, die Rückseite des Mondes musste es nicht unbedingt sein, aber weg von Rom wäre auch nicht schlecht; dann würde er weitersehen!
Beinahe kopflos fuhr er hin und her, durchquerte Rom und kam an Sehenswürdigkeiten vorbei, die jedem Touristenbus zur Ehre gereicht hätten; er sah sie nicht, vernahm kaum den um ihn brodelnden Verkehrslärm, merkte schließlich, dass es so nicht weitergehen konnte und zwang sich schließlich zu einer Ruhepause; irgendwo am Tiberfluss, Bäume spendeten Schatten, ganz in der Nähe entdeckte er ein Toilettenhäuschen, etwas Klopapier wäre jetzt nicht schlecht, Wäsche zum wechseln hatte er keine dabei.
Er stellte den Motor ab, lehnte sich zurück, begann unkontrolliert zu zittern. Etwas in den Magen zu bekommen wäre auch nicht schlecht, er sah sich um, öffnete das Handschuhfach. Ein Raider-Schokoriegel, immerhin, das Haltbarkeitsdatum, längst abgelaufen, er ignorierte es. In der Not frisst der Teufel Fliegen! Klaus öffnete die Fahrertür, römische Hitze und erstickender Mief schlug ihm entgegen, egal. Er bemerkte eine altersschwache Bank, raffte sich auf, dort luftete es etwas, dort würde es besser sein.
Er fühlte sich schmutzig unter seinem engen Jeansrock. Er würde die vollgepisste Strumpfhose ausziehen, falls es Toilettenpapier gab, sich etwas sauber machen. Und dann....

Er knallte die Tür zu. Schloss sie ab. Hatte Glück mit der Toilette. Aqua potabile stand auf einem kleinen Schildchen, gierig trank er mehrere Schlucke, dann klatschte er sich mehrere Handvoll Wasser ins Gesicht. Langsam ging es besser.
Klaus setzte sich zurück auf die Bank. Tausend Gedanken flogen durch sein Hirn, er versuchte, einen davon zu greifen, aber sie wollten sich immer noch nicht greifen lassen. Und jetzt?? Fahr die Karre in den Bach, nachher, wenn es dunkel wird, und dann nimmst du den Nachtzug zurück nach München! Ein guter Plan! Er beruhigte sich, ja, das war ein guter Plan, niemand würde ihn mit dem Diebstahl in Verbindung bringen können, niemand hatte ihn gesehen, und wenn überhaupt, dann hatten sie ja Barbara gesehen, und Barbara gab es gar nicht!
Das Knurren seines Magens ließ sich auch ohne großes Überlegen verstehen; er hatte seit Stunden nichts mehr gegessen, und ohne Essen geht es nun mal gar nicht. Plötzlich musste er laut lachen, wie hatten die dänischen Urlauber immer gesagt, die er damals in Ettal getroffen hatte? 'Uden mad og drikke duer helten ikke!' Wie war das? 'Ohne Essen und Trinken taugt der Held nichts!'? Er hatte es lernen müssen, von den Urlaubern, die sich darüber amüsierten, dass er es nicht richtig sagen konnte, denen er seinerseits aber auch nicht sagen konnte, in was für einem Höllental sie hier Ferien machten. Der Schwarze Mönch, von dem man nicht sprechen durfte, denn es war Sünde, über diese Dinge zu sprechen.

Klaus hatte Glück. In einer kleinen Nebenstraße fand er eine simpel ausgestattete Pizzeria. Die Bedienung am Tresen sah ihn mit wissendem Blick an, er hätte besser auf sein Äußeres achten sollen, Barbara mochte schlimm aussehen; sicherlich nahm sie an, dass hier ein hungriger Strichjunge Appetit auf etwas anderes als die übliche Kost hatte.
Er bestellte eine Pizza Margaritha, wählte ein Bier dazu, eines würde er schon noch verkraften, er brauchte jetzt etwas zur Beruhigung. Setzte sich an einen dunklen Tisch in der Ecke des Lokals, zog sein Handy hervor und schaltete es ein. Ein Glück, es funktionierte noch! Klaus wunderte sich, als er sah, dass es schon später Nachmittag war. Nun gut, war er wirklich so lange herumgefahren?? Er eichte seine innere Uhr mit dem Display seines Handys, ab jetzt würde sie wieder gehen, die Zeit stand nicht mehr still, jetzt gab es wieder ein vorhin, jetzt und nachher.
Er musste Ingeborg anrufen! Ihr sagen, dass es ihm leid täte! Dass er nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen war, als er sie allein auf der Messdienerstrafbank zurückgelassen hatte. Und dann? Sie würde es aus ihm herausquetschen, wo er war. Sie würde nicht locker lassen bis sie wusste, was er getan hatte. Und sie würde ihn fragen, was er nun zu tun gedachte.
Er wusste es selber nicht. Die Karre irgendwo in den Bach fahren? Hier in Rom? Das war wohl nicht möglich. Es müsste irgendwo außerhalb sein. Er würde einfach, dem Lauf des Flusses folgen, bis er eine geeignete Stelle fand.
Pizza und Bier belebten seine Sinne. Sein Handy empfing mehrere SMS, Ingeborg und Evelyn hatten sie abgeschickt; er öffnete sie nicht. Er hatte Angst, seine mühsam wiederhergestellte äußere Ruhe würde kollabieren, würde er sie jetzt lesen. Aber vielleicht sollte er selber wenigstens ein kurzes Lebenszeichen von sich geben?


München, 6. Juni

Die Stadt atmete nach dem furchtbaren Sommergewitter wieder auf. Ingeborg Wimmer war in ihrer Wohnung und dämmerte vor sich hin. Sie hatte es wohl zu weit getrieben, hatte nicht mit Klaus panischer Reaktion gerechnet; sie hätte ihn nie so in die Enge treiben dürfen.
Hatte sie Glück gehabt? Was nun, wenn Klaus Evelyn nicht um Hilfe gebeten hätte? Oder wenn sein kurzer Notruf gar nicht durchgekommen wäre? Wäre sie jämmerlich verblutet??
Nein, wohl eher nicht. Auch wenn die Wunden an ihrem Gesäß sehr schmerzhaft waren, vitale Adern hatten die spitzen Nägel nicht verletzt. Kritisch wäre es dennoch gewesen, denn niemand hätte sagen können, wann genau am nächsten Tag jemand die Kirche wieder geöffnet hätte.
Evelyn Kasulke hatte sie notdürftig verarztet, dann hatten sie einen Funkwagen der Polizei herbeibestellt und sich auf die Suche nach Klaus gemacht. Gefunden hatten sie ihn nicht. Weder unter der Brücke noch bei sich daheim. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Hatte bisher auch nicht auf die SMS reagiert, die sie und Evelyn ihm noch in der Nacht geschickt hatten.

Die Lage auf dem Bauch war auf Dauer unbequem, sie drehte sich ein wenig zur Seite, ging es?, ja, es ging, aber weh tat es trotzdem. Im Hospital hatte man sie bestens versorgt, hatte die tiefen Fleischwunden gesäubert und verbunden und ihr dann ein starkes Schmerzmittel gegeben, und, für zu Hause dann, Tabletten, die sie bei Bedarf einnehmen sollte.
Sie sah auf die Uhr. Schon 17 Uhr! Sie musste einen großen Teil des Tages verschlafen haben. Sie erinnerte sich, dass Evelyn sie noch nach Hause begleitet und ihr ins Bett geholfen hatte, dann war sie gegangen, denn es gab weitere Noteinsätze und sie wurde gebraucht.
Ingeborg legte ihr Handy weg. Nichts. Keine Neuigkeiten! Was nicht schlecht war. Hätte Klaus sich irgendwo das Leben genommen, man hätte ihn gefunden und sie benachrichtigt.
Sie stand auf, schleppte sich auf die Toilette. Erleichterte sich, wusch sich das Gesicht und hörte dann das Tuten ihres Handys: irgendjemand hatte eine SMS geschickt! Augenblicklich verkrampfte sich alles in ihr.... Hatte man ihn gefunden? Lebte er noch? Gleich würde sie es wissen!

Ungläubig las sie den Absender: Barbaras Handy. Sie öffnete die SMS, zitterte am ganzen Körper, konnte kaum das kleine Gerät festhalten, dann las sie etwas, was sie überhaupt nicht verstand. >Nasenbär gefunden. Melde mich bei dir sobald es geht! K.<

Was soll das?? Du blödes Arschloch, was soll der Scheiß?? Ingeborg war gleichzeitig erleichtert und wütend. Erleichtert, weil Klaus sich gemeldet hatte, wütend, weil er so einen Unsinn schrieb. Nasenbär?? Was für ein Nasenbär denn?
Ruhig bleiben!, dachte sie. Erst einmal nachdenken. Mal dieses komische Tier googeln. Sie öffnete ihren Browser, sah unzählige Bilder von Nasenbären, und verstand immer weniger. Südamerika?? Konnte er jetzt schon in Südamerika sein? Warum aber sandte er ihr eine so seltsame SMS?? Sie versuchte, ihn anzurufen, aber bekam nur den Bescheid, dass der Teilnehmer im Moment nicht zu erreichen sei.

Vielleicht wusste Evelyn etwas? Die Sanitäterin hatte ihre private Handynummer da gelassen, auch für den Fall, dass sie neues über Klaus erführe. Sie stand auf, fand den Zettel auf ihrem Küchentisch, setzte sich, ohne groß nachzudenken, auf einen Stuhl, fuhr aber wie von der Tarantel gestochen wieder hoch; nein, Sitzen war keine gute Idee!
Sie rettete sich zurück in ihr Bett, legte sich wieder auf den Bauch, so war es auszuhalten. Ingeborg wählte ihre Nummer.

Evelyn meldete sich sofort. "Ingeborg? Gibt es Neues? Und wie geht es Ihnen?"

Ingeborg freute sich, scheinbar hatte Evelyn ihre Nummer bereits abgespeichert. In kurzen Worten erzählte sie ihr von der seltsamen Nachricht, die sie erhalten hatte.

"Nasenbär?? Nein, das sagt mir gar nichts. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er in Südamerika ist. Wenn schon, dann eher im Zoo bei den Affen..."

"Wo er sicherlich auch hingehört!" Ingeborg konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen. "Also, Sie haben auch keine Ahnung?"

"Nicht die geringste. Leider. Und wenn Sie ihn anrufen? Irgendwo muss er ja wohl stecken, und scheinbar hat er etwas gefunden, etwas sehr wichtiges, so wichtig, dass er es Ihnen mitteilen wollte. Könnte es ein Code sein, Ingeborg?"

"Ein Code, Evelyn? Das klingt gut. Könnte ich mir bei ihm auch gut vorstellen. Leider aber hat er wohl vergessen, mir vorher das Codebuch auszuhändigen. Und anrufen klappt leider nicht; er hat ganz abgeschaltet. Nun gut, wir müssen abwarten. Ich melde mich, sobald ich wieder von ihm höre!" Sie beendete ihr Gespräch, dann raffte sie sich noch einmal auf, ging zurück in die Küche, nestelte eine Tablette aus der Packung und schluckte sie mit etwas Wasser hinunter.



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AlfvM
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:29.01.18 12:11 IP: gespeichert Moderator melden


Hallo Daniela
ich finde es ist eine spannende Geschichte. Ich bin neugierig ie es weiter geht.
Lg ALF
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MarioImLooker Volljährigkeit geprüft
Fachmann

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:29.01.18 15:56 IP: gespeichert Moderator melden


Auch die gestrige Fortsetzung hat mich wieder gefesselt. Welche Wendungen in der Geschichte erwarten uns Stammleser wohl nächstes Wochenende? Wird Barbara noch weiter in Rom weilen und wird es zu noch mehr Kontakten mit Ruprecht kommen, oder nimmt er irgendwie Lackproben vom Auto mit und übergibt sie Ingeborg zur Abklärung?
Mag kaum die nächste Folge erwarten.

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Toree
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:31.01.18 21:18 IP: gespeichert Moderator melden


So,dann will ich auch mal meinen Senf zu dieser tollen Geschichte abgeben.
Erst einmal herzlichen Dank dafür.
Nun kommt der BER, der Aber!
Zitat
…. Endlich saßen sie beisammen. Sie hatte eine Flasche 'Echt Stonsdorfer' gefunden; nun gut, ein ordentlicher Whisky wäre ihr lieber gewesen, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. ...

Echt Stonsdorfer, das ist ja schon Körperverletzung!!!
Also meine Oma hatte keinen Stoni im Haus,bei ihr gab es als 'Medizin' Selbst gemachte Schwarze Johanna!!!

Und dann ist mir noch ein Kleiner Fehler aufgefallen.
[quote]
"Es geht ihr gut, ja...," wiederholte Gertrud seine Worte. "Wenn wir davon ausgehen, dass ausreichend zu essen und ein Dach über dem Kopf für ein gutes Leben schon ausreichen."

"Sie kennt es ja wohl nicht anders?"

Ingeborg straffte sich. "Glaube mir, ich habe genug Elend in der Welt gesehen. Und Leute getroffen, die eine tägliche Schüssel Reis mit etwas Gemüse hatten und in einer wackligen Wellblechhütte hausten und allen Ernstes behaupteten, es ginge ihnen gut!"
[quote]

Da hat doch jemand die Beteiligten Personen verwechselt!
Er sitzt bei seiner Großtante und kurze Zeit später strafft sich Ingeborg




[Edit]: Dieser Eintrag wurde zuletzt von Toree am 31.01.18 um 21:20 geändert
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Daniela 20
Story-Writer



Semper firma occlusa!

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:04.02.18 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Diesmal habe ich mich sehr gefreut, von einem lange vermissten Leser wieder zu hören. Und mein Dank geht auch gleich an Toree, der einen dummen Fehler in meiner Geschichte melden konnte.
Allerdings gibt es noch so manch anderen Leser meiner früheren Teile, den ich vermisse. Haben diese den Absprung geschafft? Oder ist ihnen meine Geschichte zu langweilig geworden? Ich weiß selber, dass ich die Gewichtung jetzt anders, nicht mehr so BDSM-mäßig, lege.
Und was ist mit den neuen Lesern? Haben sie sich die Mühe gemacht, die ersten vier - langen - Teile aufmerksam zu lesen, um jetzt den Hintergrund besser zu verstehen?
Sicherlich sehr viele Leser werden gar keine Mitglieder sein. Also, meldet Euch einmal an und schreibt einen kleinen Gruß; ich würde mich sehr freuen! Oder helft dem Forum mit einer kleinen Spende!

Jetzt aber weiter im Text...

PS: Oh, ich vergaß! Die nächsten Sonntage kann es wegen einer Reise zu Unregelmäßigkeiten kommen. Wahrscheinlich werde ich es eher nicht schaffen, immer am Sonntagabend einen neuen Teil hochzuladen. Also schaut auch mal während der Woche nach!!

Es grüßt ganz herzlich Eure Daniela 20





Rom, 6. Juni, abends

Klaus schlenderte langsam zum Auto zurück. Es war spät geworden, er hatte längere Zeit in der Pizzeria verbracht, als er gewollt hatte. Er hatte sich zum Nachdenken zwingen müssen, sein Hirn wollte nicht, es war müde und ausgepowert, am liebsten hätte er sich irgendwo verkrochen, in irgendeinem Loch das groß genug war, ihn nie wieder freizugeben.
Wie schnell sich doch das Leben ändern konnte! Vor gerade einmal 24 Stunden war er sich sicher gewesen, seinen Endpunkt erreicht zu haben, alles, was fehlte, war der Sprung von der Brücke, hinab in die ewige Ruhe, die doch irgendwo dort im Dunkel auf ihn wartete. Und jetzt? Jetzt steckte er schon wieder mitten drin, hatte er schon wieder ein Problem am Hals, das er sich so nicht gewünscht hatte. Es war alles viel zu schnell gegangen, er hatte viel zu unüberlegt gehandelt, jetzt saß er wieder mal voll in der Scheiße; egal, was er machte, es führte zu nichts.

Die Sonne hatte ihre letzten Strahlen über der italienischen Hauptstadt verschossen, kaltes Abendlicht löste den Sonnenuntergang ab, die Luft wurde leichter. Was willst du machen, Klaus Behrend?, fragte er sich.
Was wollte eigentlich Pater Ruprecht hier machen? Warum hatte er, trotz seiner Meldepflicht, Deutschland verlassen und war, wahrscheinlich genau wie er selber, Hals über Kopf nach Rom gereist? Wegen des Autos? Was mochte er denn vorgehabt haben? Und wieso befand sich der Wagen überhaupt hier in Rom, bei diesen beschissenen Knaben Gottes? Er konnte nur raten. Klaus betrachtete den Wagen etwas genauer, was das schnell abnehmende Licht gerade noch zuließ. Der Wagen hatte einige Roststellen, aber insgesamt schien der Lack noch halbwegs in Ordnung zu sein. Auch die Reifen waren noch nicht total runter. Erst jetzt bemerkte er, dass der Wagen immer noch deutsche Nummernschilder besaß; zugelassen war er demzufolge in Regensburg. Ihm fiel auf, dass allerdings das amtliche Siegel durchgekratzt und die TÜV-Plakette bereits vor Jahren abgelaufen war. Zufall? Sicherlich nicht.
Es schien offensichtlich, dass Pater Ruprecht seinen Wagen bereits vor Jahren der Bruderschaft zur Verfügung gestellt hatte. Für kaputte Siegel würde sich kein römischer Polizist interessieren! Er beschloss, den Wagen noch einmal etwas genauer zu untersuchen. Gab es Dinge, die auf eine Verwendung durch die Bruderschaft schließen ließen? Er fand nichts. Auch im Kofferraum, nichts. Keine Kisten, kein Reisegepäck, gar nichts. Nur im Handschuhfach, ein kleiner Zettel, ein Computerausdruck mochte es sein: PARCO ROTTAMI. Eine Adresse stand dabei, nebst einer kleinen Skizze für den Anfahrweg.

Ein Park?? Er wollte zu einem Park! Jemanden treffen? Wo lag dieser Park? Er stieg wieder aus, es war gerade noch hell genug, den Zettel lesen zu können. Er musste jemanden fragen! Klaus blickte sich um, viel Verkehr war hier nicht, in dieser Straße, aber er hatte Glück, sah von weitem ein funzeliges Licht auf sich zukommen, ein Radfahrer. Er stellte sich so, dass er schon von weitem erkannt werden würde, hob die Hand, der Radfahrer bremste.
Er stellte fest, dass er all sein Italienisch vergessen hatte, mühsam radebrechte er einige Worte hervor. "Scusi signore, il parco rottami??"
Der Radfahrer zuckte mit den Schultern, murmelte etwas Unverständliches, und war schon wieder weg, bevor Klaus hätte nachfragen können. Nun gut, lass dich nicht unterkriegen!, also einfach ein neuer Versuch. Aber niemand kam. Es war erstaunlich, wie einsam manche Nebenstraßen in großen Städten werden konnten, wenn es Abend wurde! Sollte er jetzt hier, wo es schon fast dunkel war, einen Wagen anhalten? Als Barbara?? Nie im Leben! Autofahrer, die jetzt hielten, würden ihn höchstens nach dem Preis fragen! Er musste sich etwas anderes einfallen lassen!


München, 6. Juni, abends

Ingeborg hatte das Klingeln ihres Handys gehört, hatte sich aber nur schwer aus ihrem Traum verabschieden können. Sie hatte mit gefesselten Händen an einem Balken gehangen, die Hände weit auseinander, und Barbara hatte hinter ihr gestanden und war dabei gewesen, sie in ein enges Korsett einzuschnüren. Sie hatte an den Fesseln gezerrt, hatte gespürt, wie die soliden Ledermanschetten in ihre Haut schnitten, aber sie hatte sich nicht befreien können. Und als sie angefangen hatte, lautstark zu protestieren, da hatte sie nur einen dicken Knebel in den Mund bekommen.

"Ja?" Sie war zu müde, auf dem Display nachzusehen, wer angerufen hatte. Es war Evelyn.

"Ingeborg? Habe ich Sie geweckt? Tut mir leid."

"Schon gut, Evelyn. Konnten Sie ja nicht wissen. Was gibt es denn? Was Neues von Barba...., äh, Klaus?"

"Ja, das kann man wohl sagen. Ich bekam jetzt auch eine SMS von ihm. Er hat nach einem Park gefragt." Ein seltsamer Unterton schwang in ihrer Stimme mit.

"Ein Park? Was für ein Park denn? Hier in München? Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen?"

"Nein, da können wir wohl ganz beruhigt sein. Nein, er fragte nach einem 'Parco rottami'...."

"Kenne ich nicht", unterbrach Ingeborg sie, "nie gehört. Klingt auch nicht so, als läge der irgendwo hier in der Gegend. Eher spanisch oder so?"

"Es ist italienisch! Ich habe es herausgefunden!"

"Italienisch?? Und glauben Sie jetzt, dass er in diesem komischen Park seinen blöden Nasenbären gefunden hat??" Ingeborg konnte kaum die Augen offen halten. Eine Welle aus Müdigkeit und Schlaf schwappte wieder heran, sie hatte einfach nicht die Energie, sich mit wilden Spekulationen zu beschäftigen. "Evelyn, ich kann Ihnen da leider auch nicht weiterhelfen, tut mir leid..."

"Ingeborg!! Es ist kein Park! Es bedeutet Schrottplatz! Ich glaube, Klaus ist in Italien und sucht nach einem Schrottplatz!"


7. Juni, unterwegs

Ein Schrottplatz?? Klaus starrte ungläubig auf das schwach leuchtende Display seines Handys. Evelyn hatte ihm nur wenig später geantwortet. War Pater Ruprecht auf dem Weg zu einem Schrottplatz gewesen? Oder lag der kleine Zettel zufällig im Wagen? Hatte eventuell einer der Brüder einmal ein nicht mehr gängiges Ersatzteil auf einem Schrottplatz gesucht?
Ein VW Ersatzteil auf einem römischen Schrottplatz? Wohl eher nicht. Hier mochte es durchgerostete Fiats geben, Alfa Romeo, möglicherweise auch Maserati und Ferrari, aber doch keine deutschen Volkswagen!

Er hatte es sich, so gut es ging, im Wagen bequem gemacht. Hätte er doch bloß andere Klamotten dabei! Seine enge Miederhose war längst wieder trocken, aber sie blieb immer noch unangenehm eng. Er überlegte, sie auszuziehen, aber der Gedanke, unten rum, unter seinem engen Jeansrock, nichts mehr anzuhaben, war noch unangenehmer. Was sollte er tun?
Während es um ihn herum immer dunkler wurde, hatte er Mühe, gegen seine aufkommende Müdigkeit anzukämpfen. Er hatte neben der Pizzeria in einem kleinen Laden diverse Knabbersachen und Wasser gekauft, Dinge, die ihm für den Moment etwas Kraft gaben, aber was er brauchte, war ein paar Stunden Schlaf. Vorher aber musste er nachdenken.
Erste Frage: Wurde bereits nach ihm gefahndet? Immerhin hatte er einen Wagen geklaut. Zweite Frage: Warum wollte Pater Ruprecht den Wagen verschrotten lassen? Jetzt, nachdem er sicherlich viele Jahre hier bei seiner Bruderschaft in einer Garage gestanden hatte. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, die schwer zu kontrollieren waren. Pater Ruprecht, Thomas, das Internat in Ettal, Regensburg, die Domspatzen, Bamberg, Fahrerflucht, Lacksplitter... Und es gab immer nur ein Szenarium, bei dem alle Teile zusammenpassten.
Pater Ruprecht musste der flüchtige Unfallfahrer sein! Bamberg und Regensburg lagen nicht so weit auseinander. Irgendwie musste Thomas Kontakt zu seinem ehemaligen Lehrer bekommen haben. Und sie müssen sich getroffen, oder zumindest wohl ein Treffen verabredet haben. Aber warum? Klaus wusste es nicht. Aber so wie er Thomas kannte, konnte er sich alles vorstellen.
Höchstwahrscheinlich hatte Pater Ruprecht dann den Wagen verschwinden lassen. Er mochte ihn als gestohlen oder sogar ganz legal abgemeldet und ihn dann seinen Mitbrüdern zur Verfügung gestellt haben. Kein Mensch in Rom scherte sich doch um ein deutsches Kfz-Kennzeichen. Aber jetzt? Warum war er, trotz seiner Meldepflicht, jetzt nach Rom gereist um die Karre endgültig loszuwerden? Hatte er irgendwie Wind davon bekommen, dass Ingeborg sich erkundigt hatte, wie Thomas ums Leben gekommen war? Oder hatte er sich einfach nur an zwei Fingern abzählen können, dass man ihn früher oder später mit Thomas Tod in Zusammenhang bringen würde?

Es mochten immer noch Spuren am Wagen zu finden sein, die nie ausgebessert wurden. Er selber hatte bei seinem Rundgang um den Wagen nichts Verdächtiges bemerkt, aber ein Kriminaltechniker würde mit Sicherheit etwas finden.
Klaus erschrak, als er sich der Tragweite seiner Gedanken bewusst wurde. Ein Kriminaltechniker würde etwas finden, ja, kein Zweifel, es musste etwas sein, weswegen Pater Ruprecht das Risiko eingegangen war, sich einmal nicht auf der Wache zu melden. Er würde sich herausreden, irgendwie, er hatte sich immer herausreden können. Klaus wusste, wie manipulativ sein ehemaliger Lehrer sein konnte.Er würde irgendetwas faseln von ziellosem Herumirren, von Suche nach innerer Einkehr, wahrscheinlich sogar, dass er irgendwo, in irgendeiner Kirche im tiefen Gebet versunken sei, im Gebet für den verirrten Menschen, der ihn der Pädophilie bezichtigte. Ja, das würde er tun, und man würde ihm wieder einmal aus der Hand fressen. Und der Prozess gegen ihn würde im Sande verlaufen...

Er überlegte, was er tun könnte. Und als ihm klar wurde, was er tun müsse, da hörte sein Herz für einen Moment auf zu schlagen. Nein, niemals! Das kannst du nicht machen, Klaus Behrend! Man wird dich finden....
Die Polizei müsste den Wagen untersuchen, das war der einzig richtige Weg! Die italienische Polizei?? Nein, die ganz bestimmt nicht. Aber.... es geht nur so, Klaus! Es ist der einzige Weg!! Wenn die Polizei nicht zum Wagen kommen konnte, dann musste halt der Wagen zur Polizei kommen - zur bayrischen Polizei!!
Er setzte sich auf, suchte und fand eine Zigarette in Barbaras Handtasche. Sie rauchte, er aber nicht. Auch so eine komische Sache. Aber Barbara hatte oft genug stressige Situationen erlebt, wo eine Zigarette die flatternden Nerven beruhigte. Er zündete die Zigarette an, inhalierte tief und wartete auf die Wirkung des Nikotins. Nein, niemand würde nach dem Wagen suchen, Pater Pius oder seine vermaledeite Brüderschaft würde den Teufel tun, den Wagen als gestohlen zu melden. Da konnte er ganz sicher sein. Wie aber - dritte Frage! - wie sollte er den Wagen nach München bringen?? Er grübelte und grübelte - per Schiffstransport, oder gab es Autoreisezüge? - doch als ihm die Antwort einfiel fand er sie so durchgeknallt, dass er laut lachen musste und sich am Rauch seiner Zigarette verschluckte! Gott, bin ich aber doof! Es ist doch ein Auto!!
Diesmal setzte sein Herzschlag nicht aus, wohl aber schlug es schneller als erlaubt. Beruhige dich, Klaus! Es ist nur eine lange Autofahrt, mehr nicht. Eine lange Nachtfahrt....
Er überlegte, wie weit es sein mochte. Neunhundert Kilometer? Oder mehr? Auf jeden Fall wäre er sehr lange unterwegs. Zehn Stunden mindestens. Oder mehr. Sollte er jetzt einfach losfahren? Nein, er war hundemüde. So wie es jetzt war, würde er kaum heil aus Rom herauskommen. Also etwas schlafen. Zwei Stunden. Um ein Uhr nachts würde er losfahren.


Klaus wachte auf; er hatte sich vorsorglich den Wecker an seinem Handy gestellt. Besorgt checkte er den Batteriemodus; viel Power war nicht mehr auf dem Akku. Er schaltete es aus, für seine lange Nachtfahrt würde er es eh nicht brauchen.
Richtig wach war er immer noch nicht. Er öffnete die Wagentür, ließ frische Luft hineinströmen, stieg dann aus, machte einige Kniebeugen und erleichterte sich an einem dürren Baum. Die Wasser des Tibers glitzerten im hellen Mondlicht, Grillen zirpten irgendwo; eine Italienkulisse fast wie aus einem der kitschigen Bella-Italia-Filme der 50er Jahre, die ab und zu im Fernsehen gezeigt wurden.
Er schnappte sich eine Zigarette, nachts rauchen war eigentlich nicht so sein Ding, aber er musste sich jetzt zur Ruhe zwingen. Schade, dass ich jetzt nicht meinen geilen Petticoatrock an habe! Er stutzte, als er merkte, dass er ich gedacht hatte und nicht, wie so häufig, von Barbara sprach. ICH mag es so, ICH trage gern diese Sachen!! Löste sich hier in Italien ein Knoten, der ihn lange bedrückt hatte?
Klaus tat einen letzten Atemzug, trat die Kippe mit dem Schuh aus, strich sich mit den Händen über den engen Rock. Er war bereit.

Der Tiber gab ihm eine ungefähre Richtung vor. Er erkannte Anzeichen dafür, dass er sich zumindest in der richtigen Gegend befand, behielte er diese Richtung vor, müsste er irgendwann einmal auf Hinweisschilder zur Autobahn stoßen.
Er hatte das Glück des Tüchtigen, da, ein Hinweisschild: E35 Firenze Bologna. Das klang schon mal recht gut. Besorgt betrachtete er die Tankanzeige des Wagens; viel Benzin war da nicht mehr. Und er hatte wieder Glück, fand eine Tankstelle, die am Automaten Banknoten annahm, es lief wie geschmiert; hoffentlich hielt der Wagen die lange Fahrt aus. Der Ölstand?? Er hatte keine Ahnung, ebenso wenig vom Reifendruck. Wird dieser Wagen so lange halten, bis ich wieder in München bin?? Keine Sorge, Klaus. Es ist doch ein Volkswagen, kein Fiat! Er musste lachen. Etwas Zuspruch war immer wichtig, notfalls musste man ihn sich selber geben.
Es war noch dunkel, als er nach drei Stunden Florenz umfuhr. Anderthalb Stunden später wurde es hell in Bologna. Wie weiter? Er wechselte zur E45, sie würde ihn direkt nach München führen. Wenn er nicht einschliefe! Sonst würde er wohl erst oben im Norden Dänemarks wieder aufwachen!
Er brauchte diese kleinen Witzchen, um wach zu bleiben. Die Fahrt war langweilig genug. Ab und zu gab es Mautstellen, ein Glück, dass er genug Geld dabei hatte. Hinter Verona ging es langsam in die Alpen; den Gardasee und Bozen ließ er links liegen; es tat gut, hier nun wieder deutschsprachige Schilder zu sehen. Am späten Vormittag hatte er es bis zum Brennerpass geschafft; er machte eine lange Pause. Besorgte sich einige belegte Brote und zu trinken; auch an die in Österreich geltende Maut dachte er; bloß nicht auffallen! Das Mautpickerl klebte er ordnungsgemäß hinter die Windschutzscheibe, er würde daran denken müssen, es in München wieder zu entfernen, also nicht zu doll andrücken!
Eine knappe Stunde später war er in Innsbruck, tankte noch einmal nach, bis München müsste es jetzt reichen, er aß eines der Brötchen, die er gekauft hatte, dann ging es weiter. Er hatte die Nase voll von der langen Autobahnfahrt, brauchte Abwechslung, sonst würde er es nicht mehr schaffen. Er hatte in der Tankstelle eine Straßenkarte gesehen; jetzt wählte er die Strecke über Mittenwald und Garmisch. Sie forderte ein anderes Fahren von ihm, sie hielt ihn wach.
Irgendwo hinter Garmisch fuhr er von der B2 ab in einen Feldweg. Er schaltete sein Handy ein, gut, es war noch Akku drauf, Ingeborg hatte ihm noch einmal eine SMS geschickt, er las sie, ja, er solle sich melden. Immer noch haderte er mit sich selber, was er sagen, was er schreiben sollte, raffte sich dann aber wenigstens zu einem kurzen Gruß auf. Dann schaltete er wieder ab.

Er konnte sich Zeit lassen. Es wäre unklug, jetzt bereits nach München hinein zu fahren und den Wagen der Polizei zu übergeben. Wie hatte er sich das überhaupt gedacht? Er legte sich neben dem Wagen ins Gras. Kuhglocken bimmelten ihm zu; er war wieder dahoam. Und doch, er konnte die Erinnerung nicht verdrängen, die schlimmen Monate in Ettal, wenn er nachmittags mit Thomas und den anderen Jungs auch irgendwo auf einer Wiese gelegen hatten, die Kuhglocken damals, und wenn sie schon den Plan gesehen hatten, Pater Ruprecht wieder.... Und sie hatten sich schweigend angesehen und sich gefragt, wen er wohl diese Nacht zu sich holen würde....
Müdigkeit übermannte ihn, überfiel ihn wie eine Welle am Strand, die man nicht hatte kommen sehen. Er streckte sich aus, blickte in den Himmel, der jetzt, nur zwei Tage nach dem schlimmen Unwetter, so ganz anders aussah: friedlich zogen weiße Kumuluswolken über den blauen Himmel. Das Paradies? Gab es das wirklich? Wenn ja, dann musste es wohl hier in Bayern liegen. Du spinnst, dachte er noch, bevor ihm die Augen zufielen.
Er schlief lange, träumte von einem Mann, der, nur mit einem Unterhemd und einer Hose bekleidet, barfuß durch ein wahres Meer von Glasscherben lief, eine blutige Spur hinter sich herziehend und ständig denk, denk, denk! zu sich selber sagte.
Als er aufwachte hörte er eine nahe Kirchturmuhr schlagen, er rappelte sich auf, besah seine Füße, nein, es war nur ein Traum gewesen, bemerkte nicht die Frau, die sich ihm langsam näherte.

"Grüß Gott! Geht es Ihnen nicht gut? Bis Regensburg haben sie noch einen weiten Weg vor sich..."

Er erschrak zu Tode, griff sich ans Herz, ein Glück, es schlug noch!, räusperte sich, vergaß alle Vorsicht. "Herr im Himmel, haben Sie mich erschreckt! Ich hatte.... ich muss eingeschlafen sein, dann hörte ich das Glockenläuten...." Klaus sah, die Frau wich einen Schritt zurück, erst jetzt bemerkte er, dass er mit seiner natürlichen Stimme gesprochen hatte. "Keine Angst...." Er hob, in hilfloser Geste, seine Hand.

"Ja, das Angelus-Läuten. Es ist 18 Uhr."

"Wie bitte?" Er war immer noch nicht ganz bei sich. Wahrscheinlich ist es nur ein weiterer Traum! Du schläfst noch, Klaus Behrend!

"'Der Engel des Herrn'. Kennen Sie es nicht?" Sie faltete die Hände, begann leise zu murmeln: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder...." Sie hörte auf zu beten, ließ die Hände sinken und lächelte ihn an. "Ist wohl nicht so ihr Ding?"

"Nicht wirklich," gab Klaus zurück. Es musste ein Traum sein! So einen Blödsinn erlebt man nur im Traum!

"Männer im Rock sieht man hier nicht so häufig... leider." Die Frau hatte ein offenes Gesicht.

"Was? Ich...."

Sie hob ihre Hand. "Schon gut, schon gut. Mich stört es nicht. Ich erinnere mich an die schlimmen Kämpfe, als ich noch jung war, Hosen durften wir da nie tragen. Und wenn wir es dann manchmal doch taten, dann war immer gleich der Teufel los. Ehrlich! Die Zeiten haben sich ja nun Gott sei Dank geändert!"

"Ja, das haben sie wohl. Ich wollte, es wäre für uns Männer genauso leicht, Röcke oder Kleider zu tragen."

"Leicht? Es war nie leicht. Und es war ein ewiger Kampf, ein Kampf, der hier unten immer noch weitergeführt werden muss." Sie blickte ihn interessiert an. "Sie sehen ja nicht schlecht aus, aber etwas herrichten sollten Sie sich schon!"

"Ja, das sollte ich wohl. Ich habe alles im Auto."

"Soll ich für sie beten?"

Klaus erschrak. "Sie wollen für mich beten? Also...."

"Schon gut, schon gut. Lassen Sie, ich habe es schon getan. Ich glaube, Sie werden noch eine ganze Menge Hilfe von oben benötigen. Jetzt aber machen Sie, dass Sie sich etwas auffrischen. Und dann machen Sie sich auf den Weg, damit Sie nicht zu spät ankommen, bevor Sie den Wagen abstellen."

Klaus war aufgestanden, hatte die Wagentür geöffnet und fand seine Handtasche im Fußraum vor dem Beifahrersitz. Er musste hinabtauchen, um sie greifen zu können; hätte er die rechte Tür öffnen können, wäre es einfacher gewesen. Aber der Wagen stand mit der rechten Seite an einer Böschung, die Tür dort ließ sich nicht öffnen.
"Und Sie meinen also, dass ich den Wagen irgendwo abstellen will?? Wie kommen Sie zu der Annahme?"

Er lauschte, wartete auf eine Antwort, aber es kam keine. Hatte sie ihn nicht gehört? "Wie kommen Sie zu der Annahme, dass ich den Wagen wo abstellen will?" Er fragte lauter dieses Mal, zog den Kopf zurück und schlug sich am Türrahmen. Er blickte sich um. Sie musste weitergegangen sein. Er blickte in alle Richtungen, aber da war niemand zu sehen. Seltsam...

Du musst den Wagen abstellen, Klaus!
Und mit einem mal wusste er ganz genau, wo er den Wagen abstellen musste und was er dann zu tun hatte!


München, 7. Juni

Nasenbär?? Was für ein Nasenbär denn bloß?? Ingeborg Wimmer wälzte sich unruhig im Bett. Sie hatte sich, verständlicherweise, krankschreiben lassen, niemand konnte von ihr erwarten, dass sie mit den erlittenen Verletzungen ernsthaft ihrer Arbeit nachgehen konnte, obwohl gehen nicht das große Problem war, eher sitzen. Seit Stunden hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, was genau Klaus mit seiner geheimnisvollen Botschaft wohl bezweckt haben mochte, und war schlussendlich zu einer für sie befriedigenden Antwort gekommen: Nichts! Er hatte wahrscheinlich gar nichts bezweckt und ihr nur einen Bären aufbinden wollten, wahrscheinlich einen Nasenbären.
Wo steckte er denn bloß??

Sie hörte leise das Klingeln ihres Handys, eine SMS, hurrah, gleich würde sie es wissen, leider war diese in der Küche angekommen, wo sie ihr Handy hatte liegenlassen. Mit etwas Mühe wälzte sie sich aus dem Bett, was gar nicht so einfach war, denn sie durfte sich keinesfalls erst einmal aufsetzen; es galt, jeden Kontakt mit ihrem Allerwertesten zu vermeiden.
Sie holte ihr Handy, ließ sich wieder in ihr Bett fallen und las die kurze Nachricht. >Geht mir gut. Bin bald wieder in München. Melde mich morgen. Tut mir leid mit Kirche... K.< Immerhin. Besser als gar nichts. Eine feste Zusage, dass er sich am nächsten Tag wieder melden wollte.

'Tut mir leid mit Kirche...' Ein kurzer Satz, der vieles ausdrücken mochte. Sie schloss die Augen, ließ sich von der Erinnerung mitreißen; erst jetzt wurden die Stunden wieder erlebbar, die Stunden der Angst, der schwindenden Kräfte, dann des Schmerzes.
Sie hätte sich einen Spiegel gewünscht, oder wenigstens eine Videoaufnahme ihrer Qual. Geblieben war ihr einzig das Bild in der Erinnerung. Wie Barbara plötzlich davon gelaufen war. Wie ihr langsam bewusst wurde, dass es kein geiles Spiel mehr war. Wie mit zunehmender Stunde Emotionen in ihr aufstiegen, die sie nie zuvor gekannt hatte. Das Alleinsein in einem großen, dunklen Raum. Das Tosen des Sturms draußen. Ihre schmerzenden Handgelenke. Wie sie immer wieder versucht hatte, sich zu befreien. Wie sie merkte, dass es keine Befreiung geben würde. Schließlich das immer heftiger werdende Zittern ihrer Beine. Die Schwerkraft, die unerbittlich an ihr zog...

Längst hatte sie ihre Hand zwischen ihren Beinen. Ingeborg lag auf der Seite, hatte sich in fast embryonaler Stellung zusammengerollt. Sie spürte die Feuchte ihrer Scheide, ließ ihre Finger etwas tiefer gleiten, mehr Feuchtigkeit aufnehmen, umkreiste sanft ihre Klitoris.
Sie war hilflos gewesen, hätte sich nie allein von dieser furchtbaren Strafbank befreien können. Und es hatte sie erregt. Eine nie zuvor gekannte Mischung aus Schmerz und sexueller Erregung, mächtig, besitzergreifend, böse. Eine Messdienerin, die die Kontrolle verloren hatte. Eine Messdienerin, die nur noch aus einer äußerst brisanten Mischung aus Angst, Schmerz und Erregung bestand.
Ihr Atem wurde schneller. Sie erkannte die untrüglichen Anzeichen eines bevorstehenden Höhepunktes. Ingeborg zog ihre Hand zurück, wischte ihre Finger an der Bettdecke ab. Will ich das hier??

Sie hatte es auf jeden Fall nicht gewollt. Nicht so!, verbesserte sie sich. Aber es war geschehen. Weil es geschehen musste?? Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Antworten, die sie nicht finden konnte, nicht hier und jetzt. Vielleicht einmal, wenn sie in Ruhe mit Klaus - oder lieber noch mit Barbara - über diese Dinge reden konnte. Es musste niemandem leid tun, was geschehen war. Ist es nicht eher so wie eine vorher verborgene Höhle, die durch einen Felssturz freigelegt wurde? Ingeborg wunderte sich über sich selbst. Eine Höhle? Sollte diese nur Sinnbild für ihre Sexualität sein? Lag unter der spielerischen Oberfläche, die sie mit Bruno erkundet hatte, noch etwas ganz anderes? Lichtlose Finsternis? Bodenlose Tiefe?? Ein Abgrund, der sie verschlingen würde?

Sie quälte sich noch einmal hoch. Ging an den Kühlschrank, trank etwas Apfelsaft direkt aus der Flasche. Suchte nach Schokolade im Küchenschrank, fand sie, steckte sich ein Stück in den Mund.
Im Badezimmer klatschte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht. Betrachtete sich im Spiegel. Du spinnst, Ingeborg Wimmer! Du bist eine gut ausgebildete, erfolgreiche Kriminalkommissarin bei der Münchner Polizei.
Sie schlug den Klodeckel hoch, musste sich erleichtern, wünschte sich ein Mann zu sein, der doch so bequem im Stehen schiffen konnte. Ihr Gesäß brannte immer noch wie Feuer, sie ließ ihr Urin laufen. Trocknete sich ab. Aber nicht alles ließ sich abtrocknen.

Mit aller Macht hinderte sie ihre Hand daran, wieder ihr betörendes Spiel zu beginnen. Wo ist mein Keuschheitsgürtel? Sie fand ihn unten in ihrem Schrank; er war gereinigt, die Schlösser standen offen, die Schlüssel aber fehlten. Lange hatte sie ihn und ihren stählernen BH nicht mehr getragen. Hatte Klaus die Schlüssel? Sie erinnerte sich nicht.
Sie zog sich nackt aus. Betrachtete den unförmigen Verband auf ihrem Gesäß. Ein Verband, der zum Glück ihre Poritze freigelassen hatte. Ingeborg stieg in ihren Keuschheitsgürtel, bog das steife Taillenband auseinander, griff zwischen ihre Beine, fand das Schrittteil, hakte es vorn mit dem Taillenband zusammen. Der Gürtel drückte auf einige der Wunden, es war kaum auszuhalten, aber der Schmerz tat gut, sie verstand es nicht, sie spürte das zunehmende Verlangen ihrer Scham, nach Berührung, nach einem Höhepunkt. Ihre Hand zitterte, als sie das kleine Schloss einsetzte, sie schloss es nicht ab, es musste auch so gehen.
Ohne ihren BH wäre es gemogelt; sie war gut darin, Stimulanz über ihre Brustwarzen zu erlangen. Ihre Nippel richteten sich steil auf, als sie gegen die kalten Metallschalen stießen; auf die stacheligen Einlagen wollte sie diesmal verzichten. Die Dinger waren einfach zu unbequem....

Ingeborg flüchtete zurück in ihr Bett. Du mogelst, Ingeborg Wimmer! Du hast beide Schlösser nicht zugedrückt! Sie konnte sie nicht zudrücken, sie wusste nicht, wo die Schlüssel waren! Hatte Barbara sie? Oder hatte sie selber sie beim letzten Reinigen verlegt?
Sie steckte ihre Finger im Rücken unter den Taillenreifen; sicher ist sicher. Rollte sich wieder zusammen.

Nein, Klaus, du brauchst dich nicht zu entschuldigen!! Sie wusste, dass sie mogelte. Und dass sie mehr wollte...., Angst, Schmerz, Hilflosigkeit....


München, 8. Juni

Klaus hatte den Schlaf der Gerechten geschlafen. Jetzt kriegen sie das miese Schwein dran!, war sein erster Gedanke, als er aufgewachte. Er hatte seinen Teil der Arbeit erledigt, jetzt musste die Polizei ihren Teil tun. Vorausgesetzt, sie würden seinem Hinweis folgen und dann nicht allzu viele Fragen stellen. Ingeborg, verbesserte er sich, Ingeborg musste jetzt ihren Job tun, und Ingeborg sollte besser nicht zu viele Fragen stellen!

Er stand auf, ging in die Küche, bediente sich aus dem Kühlschrank, ja, die Sachen sind noch gut, war ja nur zwei Tage weg! Er machte sich einen Kaffee, einen starken Kaffee, denn er musste langsam wieder klar werden im Kopf, denn auch gestern Abend hatte er sich noch aus dem Kühlschrank bedient, Hopfen und Malz, Gott erhalt's!, und hatte sich dann, jetzt mit der nötigen Bettschwere, hingelegt.
Klaus rieb sich die Augen, wurde die Schreckensbilder des Traums nicht los, die ihn verfolgt hatten. Der Schwarze Mönch, der wieder hinter ihm her rannte, wild fuchtelnd und gestikulierend, er hatte ihn laut schreien gehört: 'Mir hat es immer Spaß gemacht!!'. Anders nur in diesem Traum, er rannte nicht mehr die Stufen der Spanischen Treppe empor, die ihm sonst wie die Stufen einer Rolltreppe entgegen kamen, die man umgekehrt hochlief, sondern er saß diesmal in einem etwas antiquiert anmutenden VW, einem leuchtorangenen Auto, und er gab ordentlich Gas und fuhr dem Mönch einfach davon.

Diese Frau, dachte er, wer mochte diese Frau gewesen sein? Der Engel des Herrn.... Hatte sie ihn nicht irgendwie auf den Gedanken gebracht, den Wagen dort abzustellen, wo es am wahrscheinlichsten war? In der Nähe der Wohnung von Pater Ruprecht? Vielleicht nicht direkt am Funtenseeweg, aber halt in einer der kleinen Nebenstraßen?
Er hatte lange warten müssen, bis die Dämmerung an diesem Sommerabend einsetzte. Zeit, die er nutzte, sich über vieles klar zu werden. Er musste jetzt nicht nur einen geeigneten Platz für den Wagen finden, er musste auch wieder Kontakt zu Ingeborg aufnehmen. Ohne Ingeborg ging jetzt gar nichts. Und er hatte sogleich gespürt, dass hier für ihn das größte Hindernis lag. Hatte er sie nicht im Stich gelassen? Sie der Gefahr ausgesetzt??

Die Fahrt nach München hinein war kurz und ereignislos. Der Wagen schnurrte, wie er schnurren sollte, das Benzin reichte, die Reifen hielten. Er machte sich Sorgen wegen der Nummernschilder, aber da er nicht vorhatte, irgendwo noch anzuhalten, würde es schon gehen. Etwas schwieriger war es, sich mit dem Wagen in der Stadt zurecht zu finden; er wusste nur grob die Richtung, vertraute aber auf seinen guten Stern. Anhalten und jemanden fragen war keine Option; niemand sollte ihn mit diesem so auffälligen Fahrzeug in Verbindung bringen.
Trotzdem war es bereits gegen Mitternacht, als er endlich die kleine Straße fand. Langsam und möglichst leise fuhr er am Haus von Pater Ruprecht vorbei; es war dunkel und verlassen. Aber wie lange noch? Wenn er recht behielt, dann würde sein ehemaliger Lehrer so schnell wie möglich die Heimreise antreten; wahrscheinlich mit der Bahn. Wenn er ebenfalls mit dem Nachtzug unterwegs war, dann mochte er bereits am kommenden Morgen wieder in München sein.
Klaus kurvte einige Male durch das Viertel, niemand sah ihn, niemand ging so spät mit dem Zamperl Gassi. Endlich glaubte er, eine passende Parkmöglichkeit gefunden zu haben, eine Sackgasse; eher eine kurze Zufahrt zu einem abgesperrten Gelände; wenn er sich nicht täuschte befand dieses sich hinter dem Garten von Pater Ruprechts Haus. Wäre es da nicht naheliegend, dass dieser auch dort manchmal parkte?

Sorgfältig beseitigte er Spuren seiner langen Fahrt. Räumte Plastikverpackungen weg, stopfte sich auch den Zettel mit der Anfahrt zum römischen Schrottplatz in die Tasche, kratzte die österreichische Autobahnvignette von der Windschutzscheibe. Gründlich untersuchte er noch einmal den Fußraum, fand eine leere Flasche, Cola, die er unterwegs getrunken hatte, dann drückte er leise die Tür zu und schloss sie ab.
Erst jetzt bemerkte er, dass sein Plan einen kleinen Fehler hatte! Der Schlüssel! Was sollte er mit dem Schlüssel machen? Ihn einfach in die Büsche werfen? Nein. Aber er konnte den Schlüssel auch nicht behalten. Ihn einfach bei seinem Peiniger in den Briefkasten werfen? Noch blöder geht's ja wohl nicht, oder??

Er betrachtete die Gärten. Gehörte einer davon Pater Ruprecht? Einige dieser Gärten hatten kleine, hölzerne Schuppen. Er musste es herausfinden. Hätte er doch bloß seine eigenen Kleider an! Dieser blöde, enge Rock! Außerdem war ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, hier mitten in der Nacht als Frau allein herumzulaufen. Auch seine Schuhe machten mit ihren spitzen Absätzen mehr Lärm, als eigentlich nach 22 Uhr erlaubt war. Bestimmt gab es Leute, die aus den Fenstern schauten, wer denn da so unverschämt war, mitten in der Nacht mit seinen Schuhen solch einen Lärm zu machen!
Egal. Das Leben konnte so wunderbar einfach sein, wenn man keine Wahlmöglichkeiten hatte! Ausziehen mochte er seine high heels auch nicht, eine zerborstene Flasche hatte ihn noch rechtzeitig gewarnt; scheinbar gab es auch in diesem friedlichen Viertel Idioten, denen es Spaß machte, Flaschen auf Gehwegen zu zerdeppern! Deppen halt!, hatte er gedacht.

Verstohlen öffnete er die kleine Gartenpforte, schlich links am Haus vorbei in den hinter dem Gebäude liegenden Garten. Ja, es gab eine kleine Gartenlaube, er drückte die Klinke herunter, die Tür war nicht verschlossen.
Er konnte kaum etwas sehen. Sollte er Licht machen? Besser nicht. Nachbarn würden es sehen können. Sein altes Handy vielleicht? Das schwache Glimmen des Displays konnte nicht so verräterisch sein, ihm aber schon genug helfen. Schnell orientierte er sich. Links eine Werkbank, rechts rostige, zusammengeklappte Gartenstühle. Ein Schrank mit vielen kleinen Schubläden, er öffnete eine, lauter zusammengesammeltes Zeug. Er bemerkte, der Schrank hatte kleine Rollen, sicherlich ideal für eine größere Werkstatt, hier aber völlig sinnlos. Hinter der hölzernen Laubentür bemerkte er einen rostigen Nagel, ginge es hier? Er nahm den Wagenschlüssel, ein Schlüssel noch ganz ohne Plastikdings, ohne Fernbedienung, nur mit dem großen alten VW-Logo, ausgesägt oder gestanzt. Die Polizei würde ihn hier finden.... hoffentlich.

Es hatte lange gedauert, bis er endlich wieder zu Hause in seinem eigenen Haus angekommen war. Er hatte ein gutes Stück bis zur nächsten S-Bahn Station zurücklegen müssen, er kannte den Weg von seinen früheren Observationen im letzten Spätherbst, ein Glück, aber damals hatte er bequemere Schuhe an den Füßen gehabt. Und ihm war wieder bewusst geworden, was es hieß, so spät noch allein in der Stadt unterwegs zu sein als Frau; es war schlichtweg scheiße.


Genug gegrübelt, dachte er, als er zum Telefon griff und Ingeborgs Nummer wählte. Er hörte das Rufzeichen, es dauerte etwas, aber dann kam Ingeborgs Stimme: "Klaus!? Klaus, bist du es?"
Er drückte das Gespräch weg, ohne zu antworten. Schaltete das Handy aus. Sein Puls begann zu rasen, viel schlimmer noch, als vor wenigen Stunden in Rom in der Via Formosa, der Schönen Straße, einer öden römischen Straße, die spätestens mit der Ansiedelung dieser Bruderschaft ihre Schönheit verloren hatte, ganz so wie andere Orte in der Welt, an denen Schlimmes geschehen war. War dort überhaupt Schlimmes geschehen? 'Ordo pueri dei'...., was verbarg sich wirklich hinter diesem seltsamen Namen? Gab es gar ein ganzes Netzwerk, auch hier in Deutschland??

Es gibt Situationen im Leben, wo man nicht mehr davonlaufen kann. Wo es auf das eigene Können, den eigenen Mut ankommt. "Siegen oder untergehen!", hatte der betrunkene Marineoffizier gerufen, als er mit seiner Waffe Löcher in ein großformatiges Plakatgesicht schoss.[
Ich habe keine Wahl,
dachte er. Er musste hin zu ihr, durfte es nicht auf die lange Bank schieben. Was, wenn Pater Ruprecht schon heute oder morgen wieder zu Hause wäre? Das knallige Auto, konnte man es eventuell sogar von seinem Haus aus sehen? Wundern würde er sich, der Pater, wundern über Gottes Fügung, die ihm das gestohlene Auto wieder in die Hände gegeben hatte, und diesmal würde er es mit Sicherheit irgendwo verschwinden lassen.
Er musste zu Ingeborg, sie informieren, und sie müsste dann umgehend eine Sicherstellung des Fahrzeugs veranlassen. Ich muss, ja, aber ich kann nicht!! Mutlos hatte er sich auf den Boden fallen lassen, ein Häufchen Elend bloß. Ketten klirrten leise, sein Gesäß protestierte, warum liegt der nervige Stahl-BH eigentlich hier, was soll ich denn noch damit?, er hatte keine Wahl mehr, konnte dem bevorstehenden Weltuntergang nicht mehr aus dem Wege gehen.

Barbara! Klaus zog die Nase hoch. Könnte Barbara helfen? Ingeborg würde sich freuen, sie zu sehen. Hatte er nicht längst gespürt, wieviel mehr ihr Barbara als Klaus bedeutete?
Er zog sich aus, nahm eine kurze Dusche, rasierte sich ordentlich. Sah auf das Thermometer, ein altes Ding, das seine Großmutter vor Jahrzehnten außen an einem Fenster angebracht hatte. Er erinnerte sich, er und Thomas hatten oft darauf nachgesehen, ob es kalt genug war zum Schlittschuhlaufen, oder warm genug für das Freibad. Seltsam. Eine ganze Welt ist zusammengebrochen, aber das Ding hängt immer noch da!
Sein Penis ließ sich ohne Probleme in der engen Röhre des Keuschheitsgürtels verstauen. Nicht immer war das so einfach gewesen. Er legte sich das Taillenband um, achtete darauf, sich nicht einzuklemmen, schob die verschiedenen Teile zusammen, verschloss alles mit dem kleinen Schloss. Der BH war wie immer etwas tricky, eine Kette musste er sich über den Kopf ziehen, jedes Mal hatte er Angst, sich mit den Haaren zu verheddern, von hinten legte er sich die stählernen Cups um den schmalen Oberkörper, wie ist das, wenn man Brüste hat und diese dahinter eingesperrt werden??, dann schloss er auch hier mit dem Schloss ab, steckte die dazugehörenden Schlüssel in seine Handtasche, die seltsamerweise die lange Reise nach Rom und zurück überlebt hatte.
Was soll ich denn bloß anziehen, ich habe ja nichts!! Er lachte, als er merkte, wie leicht es schien, sich in Barbara zu verwandeln. Der enge Jeansrock, den er fast drei Tage lang ununterbrochen getragen hatte, lag immer noch, achtlos hingeworfen, auf einem Stuhl. Nein danke! Heute will ich meine Beine bewegen können! Es dauerte nicht lange, dann hatte er sich entschieden! Zog alles an, suchte eine dezente Perücke dazu, einen hübschen Haarreifen aus hellblauem Satin, dann war er bereit.

% % %

Ingeborg Wimmer warf genervt ihr Handy auf die Bettdecke. So ein geiler Traum!!, dachte sie. Sie hatte mit verbundenen Augen mitten in einem Zimmer gestanden, die Arme hoch über dem Kopf an eine Stange gefesselt. Und sie war nackt, bis auf Schuhe mit sehr sehr hohen Hacken und einem wunderhübschem Korsett aus glänzendem Brokatstoff, Stoff, der bloß dazu diente, den darunterliegenden festen Stoff mit den vielen Korsettstäben zu kachieren. Allein hatte sie dort gestanden, unsicher auf ihren hohen Absätzen hin und her trippelnd, das Korsett lag nur lose an ihrem Oberkörper, hinten in ihrem Rücken war die Schnürung weit geöffnet, auf beiden Seiten hingen nur kurze Stücke der festen Schnur herab, wie lange noch, gleich wird jemand kommen und mich in dieses furchtbare Ding schnüren, ich kann nichts dagegen tun... Und dann hatte sie gehört, wie jemand den Raum betrat, hinter sie trat und die Schnüre in die Hand nahm und dann....

Dann hatte ihr Handy geklingelt. Barbara!! - Hatte Barbara hinter mir gestanden, um mich zu schnüren?? "Klaus? Klaus, bist du es?" Nichts. Abgebrochen. Sie beeilte sich, suchte die Rückrufoption, verdammter Touchscreen!!, aber als sie bei ihm anrief kam nur noch die Ansage, die sie in den letzten Tagen bis zum Geht-nicht-mehr gehört hatte: "Der Teilnehmer bla bla bla...."
Sie glitt problemlos zurück in ihren Traum, ja, das musste Barbara sein, die hinter ihr stand und die jetzt langsam aber kräftig an den Schnüren zog! Und sie war hilflos, konnte nichts dagegen machen, hing mit gefesselten Armen in der Mitte des Raums....
Ihre Hand glitt zwischen ihre Beine - nur im Traum hing sie noch gefesselt! - wollte Erleichterung in einem ordentlichen Orgasmus finden, aber ihre Finger trafen nur auf den dünnen Stahl ihres Keuschheitsgürtels. Nichts! Komisch, dachte sie, nur so ein dünnes Stück Stahlblech, und ich kann nicht zu einem Höhepunkt kommen! Völlig verrückt! Ihre Finger glitten weiter hoch, ertasteten das kleine Schloss, oh ja, nicht abgeschlossen; weiß ja nicht, wo die Schlüssel sind! Auch ihre Brüste, verschlossen, verwehrt, versperrt...

Es war still im Haus; diesmal hörte sie das leise Tuckern des Motorrollers sofort. Oder bildete sie es sich nur ein? Das Geräusch erstarb. War er weitergefahren? Vielleicht war es gar nicht Klaus gewesen. Nein, es war nicht Klaus! Sie entspannte sich, ließ sich zurück in die Kissen fallen, wieder durchzuckte sie diese gemeine Mischung aus phyischem Schmerz und verschlossener Begierde. Was will ich eigentlich? Endlich aufwachen, oder tiefer in diesen Traum hinabgleiten?
Das Läuten ihrer Türklingel ließ sie zusammenfahren. Ihr Hirn schlug einen wahren Purzelbaum - der Leutnant von Leuthen befahl seinen Leuten nicht eher zu läuten, als bis der Leutnant von Leuthen seinen Leuten das Läuten befahl! - dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle, raffte sich eiligst auf und nahm an der Wohnungstür das Türtelefon. "Ja bitte?"

"Klaus." Seine Stimme klang müde, verzagt. Quatsch, Ingeborg Wimmer! Das kannst du bei einem Wort gar nicht heraushören! Sie drückte auf den Türöffner; sie musste sich anziehen, so wollte sie ihm nicht gegenübertreten, ihr Bademantel, wo war ihr Bademantel? Ingeborg ließ die Wohnungstür angelehnt, suchte in ihrem Schlafzimmer, nichts, in der Küche, nichts, fand ihn schließlich zusammengeknüllt hinter ihrem Wäschekorb.

Barbara öffnete die Haustür. Sie war sich nicht sicher, ob sie jetzt das richtige tat. Aber jetzt war es zu spät. Du hast immer eine Wahl, hatte Evelyn einmal zu Klaus gesagt. Aber jetzt hatte sie ihre Wahl getroffen! Es gab kein Zurück mehr, nur noch Vorwärts.
Das Schild am Aufzug passte zu seiner Stimmung. 'Wartungsarbeiten!' Gab es irgendwie Wartungsarbeiten? Vielleicht bräuchte sie ja selber einmal 'Wartungsarbeiten'? Einfach mal zu einem Mechaniker hingehen können und sagen: 'Hallo, ich bin kaputt. Ich funktioniere nicht mehr richtig?' Du spinnst, dachte er, so etwas gibt es doch gar nicht!!
Sie musste den Treppenaufgang nehmen! In den zweiten Stock, in diesem Aufzug! Diese Killerabsätze, und auch die verhassten Schenkelbänder! Er hatte sie nicht gewollt, aber Barbara musste sie tragen, auch wenn sie es nicht wollte.
Es ist ein Canossagang, überlegte er. Er spürte jede verdammte Treppenstufe, er hörte das klirrende Geräusch der kurzen Verbindungskette - hier im Treppenhaus war es deutlich zu hören. Die Aufzugsmonteure, wenn mir jetzt einer entgegen kommt! Ein Blinder würde hier den Transvestiten erkennen. Und man konnte sich nie sicher sein, wie andere damit umgingen.
Wie war das? König Heinrich IV. war von Papst Gregor VII. mit einem Bann belegt worden, was für ihn auch den Verlust seiner weltlichen Macht bedeutete. Schließlich war er bis nach Oberitalien zur Burg Canossa gewandert, wo er sich dem dort anwesenden Papst unterwarf, und dieser ihn somit vom Bann befreite. Es schauderte ihn. Er hatte über diese Reise gelesen, hatte davon erfahren, dass der König damals mehrere Tage, nur spärlich bekleidet, auf Einlass warten musste. Und Ingeborg? Wird sie ihn überhaupt hereinlassen? Müsste Barbara sich ihr auch unterwerfen??
Barbara holte tief Luft. Das blöde an der Zukunft war, dass man sie nicht vorhersagen konnte! Auch wenn es sich nur noch um ganz wenige Minuten handelte!
Die Wohnungstür war offen, aber angelehnt. Ingeborg stand nicht, wie üblich, in der offenen Tür, um ihn zu empfangen. War dies ein schlechtes Zeichen?

Ingeborg zog ihren Bademantel hervor, sie musste etwas anziehen, wollte Klaus nicht so gegenübertreten. Oder sollte sie BH und Keuschheitsgürtel schnell noch abnehmen? Abgeschlossen hatte sie die Schlösser nicht! Nein, es würde zu lange dauern! Sie haderte mit einem auf links gedrehtem Ärmel, fluchte leise über so viel Unordnung, ging zurück zur Wohnungstür, just in dem Moment, als Barbara in ihre Wohnung trat.
"Barbara!!" Sie hatte mit allem gerechnet, nur nicht mehr mit Barbara. Ingeborg blieb stehen, so als wäre sie gegen eine unsichtbare Glasscheibe gerannt. Sie holte tief Luft, fummelte immer noch mit dem Ärmel herum, schaffte es endlich ihren Arm hineinzustecken, dann suchte sie nach dem Gürtel, der irgendwo hinten am Bademantel leblos von einer einzigen Schlaufe herabhing.

"Hallo Ingeborg?" Es war mehr wie eine Frage betont. Fast hätte er gefragt, ob er hereinkommen dürfe. Barbara merkte sofort, welche überraschende Wirkung sie auf Ingeborg hatte. Die acht Jahre ältere Kommissarin, eine gute Freundin, vielleicht eine Geliebte, stand vor ihr und rührte sich nicht. Ihr Gesicht drückte Überraschung aus; Ärger konnte er nicht erkennen.
Sie trat auf sie zu, legte ihre Hände auf Ingeborgs Schultern, bemerkte nun, dass diese wieder anfing, nach dem Gürtel zu fummeln. Barbara zog sie flüchtig an sich, schob sie dann aber wieder auf Armeslänge von sich und betrachtete mit einigem Gefallen die stählerne Unterwäsche, in der ihre Freundin steckte. Ein leichtes Stirnrunzeln legte sich auf ihre Stirn, nanu, Keuschheitsgürtel und BH und beide nicht abgeschlossen??, dann holte sie das scheinbar Versäumte nach, drückte die kleinen Schlösser zusammen und ihre Mine entspannte sich wieder. "Schon besser!"

Ingeborg hörte das Klicken der Schlösser erst, als es zu spät war. Komisch, überlegte sie, warum lässt man immer wieder Dinge so weit kommen, bis man es nicht mehr verhindern kann? Egal, ob es sich darum handelt, den Bombenschacht der Enola Gay zu öffnen und eine einzige Bombe auszuklinken, die die Welt veränderte, oder um das Abschließen zweier kleiner Schlösser, zu denen sie keine Schlüssel hatte.
"Hast du die Schlüssel?" hauchte sie. Natürlich hat er meine Schlüssel! Wer sonst sollte sie haben?



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master1104
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:05.02.18 07:27 IP: gespeichert Moderator melden


Tolle Geschichte weiter so, ich freu mich schon immer auf Montag morgen
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MarioImLooker Volljährigkeit geprüft
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:05.02.18 10:23 IP: gespeichert Moderator melden


Immer diese Cliffhanger... Ich hasse Cliffhanger...
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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:06.02.18 19:29 IP: gespeichert Moderator melden


Liebe Daniela 20!
Die aktuelle Fortsetzung hatte ich unter Zeitdruck noch in der Sonntagnacht „gefressen“ weil die Spannung in der Handlung einfach zu groß war. Dabei hattest Du doch empfohlen, die aktuellen Teile sorgfältig zu lesen!
Und beim zweiten Lesen sind mir daher dann heute die literarischen Feinheiten so richtig bewusst geworden! Die innerliche Aufregung von Barbara und ihre hilflosen Zweifel in Rom, die Mühe einer Nachtfahrt, oder wie zart und gleichzeitig vieldeutig ist doch die Schilderung des Korsetts im Traum von Ingeborg! Oder der Wachtraum auf der Wiese in der Nähe von Ettal mitsamt dem Glockengeläut! Die Liste liesse sich lange fortsetzen. Daher ein besonderer Dank für diese Feinheiten verbunden mit der Empfehlung an die anderen Leser, sich diese Schilderungen langsam auf der Zunge zergehen zu lassen!
Euer Maximilian
Alt werden will jeder, alt sein aber keiner
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MartinII
Sklavenhalter

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Versklavung einer Frau geht nur freiwillig.

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:11.02.18 13:03 IP: gespeichert Moderator melden


Einfach wunderschon geschrieben - großartig!
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Daniela 20
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Semper firma occlusa!

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:12.02.18 09:25 IP: gespeichert Moderator melden


Guten Morgen! So, jetzt schnell mal den Text hochladen, den ich Samstag bereits vorbereitet hatte. Habe gerade etwas Zeit. Ich wünsche allen Lesern einen schönen Tag und den Jecken unter Euch Alaaf und Helau und einen tollen Tag! Eure Daniela 20






Barbara antwortete nicht. Sie hatte den Verband wahrgenommen, augenblicklich hatte sie die physischen Schmerzen an ihrem eigenen Körper vernommen. Tränen traten ihr in die Augen. "Es tut mir leid, Ingeborg. Ich....ich wollte das nicht. Ich war ja wie von Sinnen...."

"Sch....! Schon gut. Ja, ich weiß, dass du es nicht wolltest. Vielleicht hatte ich es ja selber so gewollt.... Komm, Barbara. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Komm mit ins Schlafzimmer, ich muss mich wieder hinlegen!"

Barbara folgte ihr ins Schlafzimmer. Setzte sich ans Fußende des Bettes, während Ingeborg sich wieder hinlegte. Sie zögerte. "Ich...."

"Nein, Barbara, nicht du, sondern ich. Es war meine Schuld. Ich wusste, dass du keine Lust hattest zu dieser ganzen Strafbanksache. Ich musste dich irgendwie aus der Reserve locken. I c h wollte ja wissen, wie das so ist, wenn man da kniet!"

"Ja. Ja, vielleicht war es so. Aber wolltest du nicht eigentlich viel mehr? Wissen, was ich dort einmal erlebt hatte? Zuerst mit Daniela und Monika, später dann mit Andrea, diesem blöden Itaker!"

Ingeborg horchte auf. Klaus hatte den Namen Andrea einmal erwähnt, hatte aber nie Näheres dazu erklärt. Dass diese Andrea in Wahrheit ein Mann war, ein Italiener, das war vollkommen neu für sie. "Ja, du hast recht. Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht so aushorchen dürfen! Ich wollte halt einfach nur wissen...."

"Manchmal ist es vielleicht besser, wenn man nicht immer alles weiß, Ingeborg. Wie kann man anderen Menschen denn noch gegenüber treten, wenn diese immer alles von einem wissen? So wie diese Sache mit Pater Ruprecht. In deinen Augen bin ich doch für alle Zeiten das Missbrauchsopfer, der arme kleine Junge, dem sexuelle Gewalt angetan wurde. Vielleicht magst du mich ja gar nicht? Vielleicht ist es schon so eine Art Florence-Nightingale-Syndrom? Pures Mitleid??" Sie hob ihre Arme und ließ sie in hilfloser Geste auf ihren Rock fallen.

Ingeborg horchte auf. Betrachtete jetzt Barbara in einem ganz neuen Licht. Diese wunderschöne Frau, die da auf der Bettkante saß? Der weite Petticoatrock, der sich widerstrebend aufbauschte, als Barbara ihre Hände wieder zurückzog. Sie hörte das leise Klirren der Verbindungskette der Schenkelbänder; den stählernen BH hatte sie bereits gespürt, als Barbara sie umarmt hatte. Stahl auf Stahl, das lässt sich nicht verbergen.
"Ja, Barbara. So wie du es jetzt darstellst, so kann ich es besser verstehen. Es ist nur...."

"Es ist nur...", nahm Barbara ihren Gesprächsfaden wieder auf, "dass du es nicht akzeptieren kannst, dass andere Geheimnisse haben, die sie gehütet wissen wollen. Ingeborg, das Recht auf Geheimnis ist das Grundwesen unserer Demokratie! Ich weiß, vom polizeilichen Standpunkt aus gesehen wäre es vielleicht einfacher, ihr könntet allen Leuten regelmäßig ein Wahrheitserum einspritzen, aber glaube mir, es würde unsere Gesellschaft nicht sicherer, unser Leben nicht besser machen! Kontrolle, oder Vertrauen!"

"Vertrauen, worauf?"

"Dass die Leute keinen großen Scheiß machen! Kleiner Scheiß ist in Ordnung, das machen ja alle; Du und ich auch, Ingeborg. Und Vertrauen darauf, dass die Leute halbwegs gebildet sind und Durchblick haben und keinen Idioten wählen, wenn sie mal wieder um ihre Meinung gefragt werden! Eine Berlinerin schrieb 1945, in den letzten Monaten des Krieges, einmal in ihr Tagebuch, dass keiner mehr Vertrauen in andere hatte; sie bezeichnete es als Zusammenbruch der Zivilisation!"

Ingeborg schüttelte über ihren jungen Freund ungläubig den Kopf. Stille Wasser sind tief, dachte sie.

"Vielleicht werde ich dir eines Tages einmal alles erzählen, oder ich schreibe ein Buch darüber, was in meinem Leben bis jetzt alles passiert ist. Aber nicht jetzt, nicht heute! Ich bin noch nicht so weit, Ingeborg. Ich weiß ja nicht einmal, wer von diesen beiden hier - Klaus oder Barbara, am Ende überleben wird. Alles ist so scheiß verdammt komplizert geworden, das lässt sich nicht einfach mal so eben wegdiskutieren oder -therapieren. Verstehst du?"

Ingeborg griff nach ihrer Hand. "Doch, doch das verstehe ich gut. Danke, dass du es mir so offen gesagt hast! Lass dir Zeit! Auf jeden Fall bin ich froh, dass es dich überhaupt noch gibt. Egal, ob als Klaus, oder Barbara! Ich hatte eine Scheiß Angst, dass du dir was antun könntest in jener Nacht. Und Evelyn ging es ganz genauso. Hast du dich schon bei ihr gemeldet?"

Barbara schüttelte den Kopf.

"Soll ich es für dich tun? Ja? Dann hol mir doch bitte mal mein Handy aus der Küche. Ich lasse es ständig dort liegen. Und vielleicht machst du uns einen Tee und siehst mal nach, was der Kühlschrank so hergibt? Wenn ich auf einem weichen Kissen sitze, dann könnte es vielleicht gehen.
Barbara holte Ingeborg ihr Handy, dann bereitete sie eine kleine Mahlzeit vor. Wenig später kam Ingeborg zurück. Diesmal hatte sie den Bademantel zugebunden. Sie brachte ein Kissen mit, das sie auf den Stuhl legte. Ja, so würde es gehen, wenn auch nicht für lange!

Sie aßen schweigend, wussten nicht recht, was sie wie sagen sollten. Ingeborg biss die Zähne zusammen, was schwierig ist, wenn man gleichzeitig essen wollte. Bald würde sie wieder eine Tablette nehmen müssen!
"Sag mal, was war das mit diesem 'Nasenbär'? Warst du im Zoo, oder was?"

Barbara schreckte hoch. Das hätte ich fast vergessen!! Sie schüttelte heftig den Kopf. "Nein," antwortete sie und schluckte ihr Brot herunter, "nein, ich war nicht im Zoo! Ich war in...." Sie zögerte. Muss sie das alles wissen?? Sie trank einen Schluck Tee, versuchte, ihre Irritation zu überspielen. "'Nasenbär' ist in diesen Kreisen der Kosename für ein Auto. Für ein ganz bestimmtes Auto." Sie sah Ingeborg an, wartete auf eine Reaktion, die aber nicht kam. "Ein Volkswagen, Ingeborg. Ein VW 411."

Jetzt verengte die Kommissarin ihre Augen. Barbara hatte dies bemerkt; es genügte ihr. "Ein VW 411 in leuchtorange. Ich habe ihn gefunden!"

"Barbara! Was heißt hier: 'ich habe i h n gefunden'? Du hast so einen gefunden. Prima. Und was soll ich jetzt damit?"

"Erinnerst du dich nicht an den Unfalltod von meinem früheren Mitschüler Thomas? Da oben in Bamberg und dann die Fahrerflucht?"

"Barbara, doch, jetzt wo du es sagst, ich erinnere mich. Aber das ist zehn Jahre her und ich verstehe nicht ganz.... wo hast du denn diesen Wagen gefunden? Und wem gehört er denn??" Ingeborg merkte pötzlich, irgendetwas hatte sich gerade verändert. Ein unbestimmtes Gefühl, eine Wahrnehmung. Etwas, das sie durchaus aus ihrem beruflichen Alltag kannte. Und plötzlich erkennst du den Zusammenhang und du weißt, jetzt wird sich alles auflösen!

Barbara hatte ihr Brot, von dem sie gerade abbeißen wollte, wieder auf den Teller gelegt. "Am Funtenseeweg, Ingeborg. Nicht direkt an diesem Weg, aber in einer Sackgasse hinter dem Weg. So eine eher unbenutzte Stichstraße, eine Zufahrt zu irgendeinem abgesperrten Gelände, und für die Gartenbesitzer auf dieser Seite des Funtenseewegs. Du weißt wer dort wohnt!"

"Ach du Scheiße!!" Ingeborg setzte ihre Tasse so heftig ab, dass es fast Scherben gegeben hätte. "Du meinst....??"

"Ja, Ingeborg. Ich bin mir sehr sicher, dass Pater Ruprecht derjenige war, der damals Thomas überfahren hat und dann geflüchtet ist. Frage mich bitte nicht, warum und wieso. Aber ich denke, eine genaue Untersuchung des Wagens dürfte noch Beweise ergeben."

"Das ist zehn Jahre her! Du glaubst doch nicht im Ernst....?"

"Doch, Ingeborg. Ich habe den Wagen gesehen. Er scheint noch den originalen Lack zu haben. Und sieht aber trotzdem noch recht gut aus. Wahrscheinlich hat er lange in irgendeiner Garage gestanden; angemeldet ist er nicht, der TÜV ist vor Jahren abgelaufen. Ich glaube, Pater Ruprecht hat den Wagen aus der Versenkung geholt um ihn jetzt endgültig verschwinden zu lassen, auf irgendeinem Schrottplatz!"

Beinahe hätte Ingeborg 'in Italien?' gefragt, aber sie konnte es sich gerade noch verkneifen. Vielleicht war es wirklich besser, wenn sie nicht alles wusste.

Barbara sah sie drängend, herausfordernd an. "Ingeborg, der Wagen muss sofort sichergestellt werden! Heute noch. Bevor Pater Ruprecht wieder zurückkommt!"

"Von wo?"

Barbara sah auf ihre Tasse. "Weiß ich nicht! Aber du sagtest ja selber, er hätte sich zuletzt nicht mehr auf der Wache gemeldet. Wahrscheinlich hat er seinen Wagen irgendwo abgeholt. Und wahrscheinlich wird er sich irgendwie herausreden können, warum er sich nicht gemeldet hat. Ich kenne diesen Typen, wenn du ihm begegnest wirst selbst du glauben, der kann übers Wasser laufen! Bitte, Ingeborg, rufe deine Kollegen an und lass den Wagen sicherstellen. Jetzt!!"
Sie war aufgesprungen, wäre wegen der engen Schenkelbänder fast gestolpert, stöckelte unsicher auf ihren turmhohen Absätzen in Ingeborgs Schlafzimmer und kam mit deren Handy zurück. "Jetzt, Ingeborg. Du musst anrufen! Es ist unsere letzte Chance!"

Ingeborg versuchte, sich die ganze Angelegenheit durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn sie etwas überhaupt nicht mochte, dann war es der Übereifer von anderen Personen. Stress entstand in solchen Situationen, man fühlte sich schnell zu der einen oder anderen Handlung genötigt, übersah Details, machte Fehler. Und Fehler bei der Poizeiarbeit konnten verhängsnisvoll sein. Prozesse konnten platzen, weil während der Untersuchung eines Falls geschludert wurde, oder Kollegen konnten in einem Einsatz zu Schaden kommen, weil man nicht alle Eventualitäten bedacht hatte.
Unbewusst schüttelte sie leicht den Kopf. Das hier war doch der komplette Wahnsinn! Klaus hatte sich da in einen Gedanken verrannt, der momentan durch nichts zu beweisen war. Gut, Pater Ruprecht und Thomas hatten einander gekannt, und Bamberg lag nicht gar so weit von Regensburg entfernt, aber warum wieso weshalb hätten die beiden Kontakt aufnehmen sollen? Und dann dieses Treffen? Und der Unfall mit Fahrerflucht. Selbst wenn die Kriminaltechniker einen Zusammenhang zwischen den damals sichergestellten Lackspuren - an einem Laternenmast sichergestellten Lacksplittern, nicht etwa am Unfallopfer! - selbst wenn sich dieser Zusammenhang herstellen ließe, vor Gericht war man damit auf dünnem Eis. Sie wusste aus Erfahrung, einem Richter, der ja gezwungenermaßen an der Unschuldsvermutung festhalten musste, was den Angeklagten betraf, so einem Richter wäre es am liebsten, auf der Kühlerhaube des Unfallwagens einen Gesichtsabdruck des Opfers feststellen zu können. Dann hatte man eine gute Chance!

"Bitte, Ingeborg!"

Sie blickte in Barbaras Gesicht. Was konnte sie in diesen Augen lesen? Rache? Nein, Rache war es nicht. Eher Verzweiflung und tiefe Erschöpfung. Weiß der Himmel, was Klaus - oder Barbara - in den letzten Tagen erlebt hatte; schlimm musste es auf jeden Fall gewesen sein.
"Ich kann doch nicht auf deinen puren Verdacht hin die ganze Polizeiarmada aufbieten! Wie stellst du dir das vor? Erstens: der Fall ist nicht in unserer Hand. Sondern der liegt bei den Kollegen in Bamberg auf dem Tisch. Besser gesagt: im Keller. Zweitens: Ohne die Staatsanwaltschaft geht da gar nichts. Wir als Polizei sind nur das ausführende Organ der Staatsanwaltschaft. Wir können nicht so mir nichts dir nichts Untersuchungen vornehmen oder gar Leute verhaften. Genauso verhält es sich mit der Beschlagnahme von Gegenständen. Das kann nur ein Richter anordnen. Und drittens bin ich krank geschrieben. Also so einfach geht das nun wirklich nicht!"

Barbara ließ deutlich den Kopf hängen. Hätte sie die olle Karre doch besser gleich im Tiber versenkt und sich dann selber um den verhassten Pater gekümmert! Ein Messer zwischen die Rippen, niemand würde das je aufklären können. Tränen liefen ihr übers Gesicht; sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, griff hinein, zog wahllos etwas hervor, warf es auf den Tisch. Sie fand ein zusammengedrücktes Taschentuch, okay, besser als nichts. Schneuzte sich und räumte ihre Tasche wieder ein. Zurück auf dem Tisch blieb ein kleiner Schlüsselring mit drei daran befestigten Schlüsseln.

Meine Schlüssel!, durchzuckte es Ingeborg. Barbara hat meine Schlüssel!!

Niemand vermochte später zu sagen, wer den Gedanken zuerst gehabt hatte: Ingeborg oder Barbara. Barbara legte ihre Hand auf das kleine Schlüsselbund und bemerkte augenblicklich Ingeborgs unterdrückte Reaktion, das kurze Zucken ihrer Hand, ihren auf die Schlüssel fixieren Blick. Ihre Hand wanderte mit den Schlüsseln in die Mitte des Tisches, wo sie sie ruhen ließ.
"Ingeborg, du musst etwas unternehmen! Ich weiß, dass ich recht habe! Aber beweisen kann ich es nur, wenn wir den Wagen untersuchen lassen!"

Sie beugte sich vor. Das malträtierte Gesäß schmerzte furchtbar, ohne eine Tablette war es kaum noch auszuhalten. Sie streckte sich, bemüht, sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen. Und sie legte ihre Hand auf Barbaras Hand. "Es geht nicht, Barbara. Hast du eben nicht zugehört? Mir sind die Hände gebunden!" Barbara versuchte, ihre Hand zurückzuziehen. Sie hielt sie fest.

"Aber das kann doch gar nicht wahr sein! Willst du wirklich so ein gottverdammtes Arschloch laufen lassen? Und ich dachte immer, ihr kämpft für Recht und Gesetz!" Es war seine Stimme, die geantwortet hatte. Klaus saß wieder mit am Tisch.

Er hat recht, dachte sie. Ich sehe gleich wieder das Missbrauchsopfer in ihm! Ich kann mich davon nicht freisprechen! "Doch Klaus, genau das tun wir ja! Aber wir müssen uns an die Spielregeln halten. Tun wir das nicht, dann haben wir die absolut schlechteren Karten."

"Und die Justiz? Hält die sich auch immer an die Spielregeln? Ich sage nur Sofie Scholl!" Er zog seine Hand ganz zurück.

Ingeborg stöhnte auf. Der seelische Schmerz war schlimmer als der physische am Gesäß. "Klaus, lass uns jetzt nicht streiten! Wir leben nicht mehr in der NS-Diktatur. Ja, damals hielten sich die Richter auch an die Spielregeln, an das Gesetz. Aber dieses war ein Werkzeug des Bösen, der nationalsozialistischen Machthaber. Damals wurde das Gesetz zur Unterdrückung der Bevölkerung eingesetzt, das tun wir heute nicht mehr. Heute dient es dem Schutz der Bevölkerung. Das ist ein gewaltiger Unterschied."

"Dann unternimm bitte etwas!" Barbara war zurück. Sie entspannte sich, schob ihre Hand langsam wieder in die Mitte des Tisches zurück. Sollte es ein Angebot sein?, überlegte die Kommissarin. So wie im letzten Herbst, als ich das Angebot machte, bei ihrem ersten Treffen in jenem Café?
"Es ist nicht leicht. Mal sehen, ob ich eventuell..."

Sie beendete den Satz nicht. Sah die Hand, die sich langsam von der Tischmitte zurückzog. Ohne Schlüssel. Ingeborg stemmte sich mühsam hoch. Holte sich ein Glas Wasser, drückte eine Tablette aus der Packung und schluckte sie mit mehreren Schluck Wasser hinunter. "Warte bitte auf mich!" Sie nahm ihr Handy, schlich zurück in ihr Schlafzimmer, eine Tür wurde geschlossen, dann war es still.

Barbara musste lange warten. Endlich kam Ingeborg zurück. Sie lächelte. Die Tablette hatte geholfen und Bruno würde helfen! Sie setzte sich wieder hin. Es tat nicht mehr weh. "Ich kann dir nichts versprechen, Barbara. Aber ich habe wirklich alles getan, was ich tun konnte. Das gleiche gilt jetzt auch für andere. Glaube mir, im Moment laufen die Telefone heiß, zwischen München, Passau und Bamberg. Wir müssen abwarten." Ihre Schlüssel lagen immer noch auf dem Tisch. Barbara legte ihre Hände in den Schoß.

"Danke!", hauchte sie. "Und jetzt?"

"Jetzt wirst du wieder nach Hause fahren und ich lege mich in mein Bett und werde versuchen, ein wenig zu schlafen. Diese Tabletten sind zwar prima, aber ich werde davon furchtbar dösig und kann mich kaum noch wach halten. Ja? Bist mir nicht böse? Ich rufe dich an, wenn ich etwas erfahre. Dann kannst du wieder kommen. Und dann geht es mir bestimmt auch besser." Sie stand auf. Ging Barbara voraus in den Flur, wo diese ihre Jacke abgelegt hatte.
Sie umarmten sich. Ingeborg blickte in Barbaras Augen. Was konnte sie dort sehen? Dieser Blick... Sieg oder Niederlage?? Sie konnte ihn nicht deuten.


Ingeborg ging zu ihrem Wohnzimmerfenster, zog die Gardine etwas zur Seite, blickte hinunter und wartete, bis sie Barbara davonfahren sah. Sie ging zurück in die Küche und atmete tief durch, als sie das kleine Schlüsselbund noch auf dem Tisch sah. Sie lächelte, als sie es nahm, ohne den ganzen Metallkram würde sie wesentlich besser schlafen können.... und das andere!, dachte sie.
Ermattet legte sie sich vorsichtig in ihr Bett. Ihr Handy lag bereit, es konnte sein, dass Bruno heute noch anrief. Sie hatte ihn enttäuschen müssen, als er wieder von ihr verlangte, sich selber in Keuschheitsgürtel und -BH einzuschließen. Doppelt einschließen ging nun mal nicht! Sie steckte einen der Schlüssel in das kleine Schloss zwischen ihren Brüsten, welches die stählernen Cups zusammen hielt; es war der falsche Schlüssel. Auch der zweite Schlüssel passte nicht.

Alle guten Dinge sind drei! dachte sie müde. Steckte den letzten Schlüssel in das kleine, solide Schloss. Aber auch er öffnete nichts. Sie wiederholte dieselbe Prozedur mit dem Schloss an ihrem Taillenreifen, mit demselben Ergebnis. Es waren nicht ihre Schlüssel! Frustriert und verärgert warf sie die Schlüssel an die Wand, griff zu ihrem Handy, na, der kann was erwarten!!, dann aber, als sie sich gewahr wurde, was passiert war, ließ sie ihre Hand mit dem Handy wieder sinken.

Es sind i h r e Schlüssel!! Barbaras Schlüssel! Sie hat sich mir ausgeliefert! Oh mein Gott...


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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:13.02.18 20:04 IP: gespeichert Moderator melden


Schlüssel? und wo sind die Schlüssel zu Ingeborg?
Und dann noch ein eher zum heutigen Faschingdienstag passender Gedanke:
Wenn jetzt das alte Auto gestohlen wurde und nicht zum Schrottplatz gefahren wurde, wie groß ist dann der Schaden? Hätte Pater Ruprecht für den alten Kübel beim Schrottplatz vielleicht sogar Entsorgungskosten bezahlen müssen die ihm somit eine junge Frau erspart hat?
Ich wünsche alles Lesern heute viel Spaß, aber auch sonst nachdenkliche Momente.
Euer Maximilian
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Sir Dennis Volljährigkeit geprüft
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S/M ist eine spezielle Form vom Zärtlichkeit

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0  0  Dungeondogmaster  
  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:19.02.18 12:48 IP: gespeichert Moderator melden


ich finde das was Daniela schreibt *hüst* sau real.. also sie schreibt das man auch das miterlebt also das man mit fiebert ..

Und ja lese deine Geschichte sehr gerne!!!
S/M ist eine spezielle Form vom Zärtlichkeit (mein exsklave H.F.B.)

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