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Daniela 20
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  Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:26.11.17 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Liebe Leser! Es ist so weit. Hiermit möchte ich nun den fünften und wirklich letzten Teil meiner München-Trilogie im Forum veröffentlichen. Wie man sieht, es wurden bereits zwei Teile mehr, als ich selber gedacht hatte. Weswegen wir von einer Pentalogie sprechen müssen.

Wie üblich werde ich mich bemühen, die Fortsetzungen immer an einem Sonntagabend um 22 Uhr hochzuladen; an Heiligabend wahrscheinlich nicht, da wollen wir doch mal an etwas anderes denken. Aber zeitnah werde ich es machen, wenn ich daran denke.

Freuen werde ich mich als Autorin über kurze, nette Kommentare. Natürlich möchte ich wissen, wie diese Geschichte bei Euch ankommt. Ich weiß, sie fordert dem Leser einiges ab. Wirklich verstehen kann man sie nur, wenn man sich die Mühe macht, die ersten vier Teile vorher zu lesen: "Herbstferien", "Frust", "Agonie" und "Schuld". Und noch einmal der Hinweis: wer hier, bei mir, den schnellen Kick sucht, möge sich besser anderswo bedienen.

Es ist in Ordnung, wenn jemand heftige Kritik üben möchte. Aber tut das bitte nicht hier, direkt in der Geschichte - Ihr könntet anderen das Lesevergnügen nehmen. Für Kritik ist Platz in der Rubrik 'Diskussion über Stories' --> Die München-Trilogie.

Jetzt wünsche ich allen Lesern viel Vernügen und einen langen Atem....

Eure Daniela 20





Prolog

"Du hast WAS?? Du hast uns WO angemeldet?? Ich soll.....??" Der Gedanke kam Ingeborg so verrückt, so lächerlich, so bizarr vor, dass sie die Frage nicht eimal aussprechen konnte. "Nein, Klaus! Ohne mich! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich bei so einem Kinderkram wirklich mitmache?" Sie legte eine Kunstpause ein, erinnerte sich an die Gedanken, die ihr genau zu diesem Thema vor gar nicht allzu langer Zeit selbst durch den Kopf gegangen waren. Nein, nie im Leben. Dann aber wurde sie sich einer seltsamen Spannung, einer inneren Unruhe bewusst. Ihre Hand fuhr unbewusst über ihre Brust, wieder war es nur der harte Stahl des Keuschheits-BHs, den sie spürte, und obwohl sie genau wusste, dass sie auch weiter unten nichts spüren würde, legte sie trotzdem ihre Hand auf ihre verschlossene Scham.

Klaus hatte ihre Reaktion genau beobachtet, sich aber ruhig verhalten. Nur der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen, doch seine Augen lächelten nicht mit. Der Blick war matt, nach innen gekehrt, wie seit längerer Zeit schon.

Die junge Kriminalbeamtin, seit längerer Zeit mit Klaus eng befreundet, wiederholte ihre Frage. "Klaus, du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich da mitmache? Du konntest doch nicht einfach unsere Namen da aufschreiben! Ingeborg Wimmer und Klaus Behrend. Wir sind doch viel zu alt für diesen Scheiß! Und gibt es da nicht eine Altersbegrenzung?"

Jetzt reagierte er. "Nein, es gibt keine Altersbegrenzung. Erwachsene können das auch machen. Und außerdem habe ich meinen Namen da nicht hingeschrieben."

"Aber sagtest du denn nicht eben, du hättest uns beide angemeldet?"

Er lächelte. "Ich habe Barbara angemeldet! Und ich glaube schon, dass du mitmachen wirst." Er griff in seine Hosentasche, kramte etwas herum, zog dann ein kleines Schlüsselbund hervor und klimperte damit herum. Nächste Woche geht es schon los! Wir bekommen zwei Wochen Schnelltraining. Wir waren die einzigen, die sich gemeldet haben, und die Not ist groß. Glaube mir, der Pfarrer war heilfroh wegen der Anmeldung. Und mach dir keinen Kopf wegen Barbara. Gott sind alle willkommen, besonders diejenigen, die freiwillig dienen wollen!"

Freiwillig? Von freiwillig und wollen konnte gar keine Rede sein, dachte Ingeborg. Auf einmal sah sie sich selber vor dem Altar knien. Eine bescheidene Dienerin. Nein, dachte sie, bescheiden war falsch. Eine keusche Dienerin, das wäre besser. Zusammen mit Barbara. Zwei keusche Messdienerinnen! Das war das beste!



München, Januar

Es war anders. Nicht mehr so, wie zuvor. Komplizierter irgendwie. Was ihm lange wie ein Spiel vorgekommen war, eine Art lustiger Zeitvertreib, oder auch eine Rückzugsmöglichkeit, wenn die Sorgen des Alltags zu groß wurden, jetzt kam es ihm vor wie eine schwere, eiserne Kugel, die das Schicksal an sein Bein gekettet hatte.

Es fröstelte ihn. Klaus stand oben auf der Luitpoldbrücke und schaute in die schwarzen Fluten der Isar hinab. Du musst nur springen, dann bist du deine Probleme los! Es ist ganz einfach...., was willst du dich noch weiter quälen?? Er schloss die Augen; Bilder liefen vor seinem Inneren ab, wie ein Film. Wie ein Horrorfilm, dachte Klaus. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Daniela hier in hohem Bogen über die steinerne Brüstung geflogen war, weil dieses junge Mädchen aus Frankfurt all ihre lange aufgestaute Wut in einen furchtbaren Schlag gelegt hatte, der, so muss es wohl gewesen sein, sie einfach unglücklich getroffen hatte. Mordabsicht würde man ihr nicht unterstellen können.
Wie anders aber verhielt es sich mit der fast identischen Nachfolgetat? Es war erst wenige Wochen her, seit er hier, an genau dieser Stelle, im letzten Augenblick hatte dazwischengehen können. Er hatte die Waffe gesehen, die genau auf die Brust der Kommissarin zielte, einen Augenblick später hätte es Mord und Totschlag gegeben, wäre er nicht beherzt dazwischen gesprungen.

Ein kalter Wind blies unter seinen Rock; er hätte sich doch besser zwei Strumpfhosen anziehen sollen, dachte er. Oder besser gleich eine dicke Hose. Aber Hosen mochte Barbara nicht. Wer aber trug bei solch einer Witterung überhaupt einen Rock? Vielleicht die eine oder andere Frau, dachte er. Frauen, die im Büro arbeiteten, die ihren Wagen bequem in der Tiefgarage abstellen konnten, die kaum je mitbekamen, dass es Winter war. Männer? Nein, Männer eher nicht. Männer trugen keine Röcke.

Wo genau mag sie gelegen haben, fragte er sich. Er hatte Daniela nie gesehen, hatte ihren Lebenskampf nicht miterlebt, hatte sich feige aus dem Staub gemacht. Oh ja, er trug Mitschuld an ihrem Tod. Aber niemand hatte ihn angeklagt, niemand außer ihm selbst. Und er hatte lange schon das Urteil gefällt, mit dem er würde leben müssen: mitschuldig zu sein am Tode seiner damaligen Freundin. Eine Strafe, die nie gebüßt werden sollte, eine Zukunft ohne wirkliche Aussicht auf Versöhnung.

Barbara! Wieder glaubte er die schwere Fußfessel zu spüren. Unsicher knickte er auf seinen hohen Schuhen um, lange hatte er keine mehr getragen, aber Barbara besaß keine flachen Latschen, ich ziehe doch keine flachen Schuhe zum Rock an, hatte sie gesagt, wie sieht das denn aus??
Sie war nicht sofort tot gewesen, hatte die Obduktion erbracht. Daniela war nicht in die Fluten gestürzt, sondern knapp links davon auf einen steinernen Brückenpfeiler aufgeschlagen, hatte sich mehrere Knochenbrüche zugezogen und war schließlich ihren inneren Verletzungen erlegen. Ob sie noch einmal zu Bewusstsein gekommen war, oder nicht, war nicht zu sagen gewesen. Einzig einige Kratzer an ihrem Bein ließen diese Vermutung zu.

Nun mach schon! Oder willst du ewig diese Schuld mit dir herumtragen? Komm, es ist ganz einfach..., du wirst es gar nicht merken.....

Für einen Moment nahm der Verkehr auf der Brücke wieder zu. Klaus blickte hinüber zum Friedensengel, der, angeleuchtet, vor dem Hintergrund des dunklen Nachthimmels über allem zu schweben schien. Frieden, dachte er, wo finde ich endlich Frieden? Unten, im schwarzen Wasser? Oder oben, bei dir? Er schloss die Augen, beugte sich weiter über die Brüstung der Brücke. Lag sie noch dort unten? Wartete sie auf ihn? Er spürte den Sog der Tiefe, schwarze Schatten, die nach ihm griffen. Wogen, die ihm zuflüsterten.... komm her... komm her.... komm zu mir.... ich warte auf dich....

Klaus richtete sich auf. Nein, Daniela wartete nicht auf ihn. Wohl aber Gertrud, die ältere Schwester seiner vor wenigen Wochen verstorbenen Großmutter. Gertrud hatte ihm den Schlüssel geliefert, sie hatte ihm endlich Klarheit darüber geben können, was Schreckliches passiert war, als er noch ein kleines Kind war. Und sie hatte ihm von den Anfängen von Barbara berichten können. Jetzt lag es einzig an ihm, Schlüssel und Schloss zusammenzubringen. Er hatte es versucht, hatte einige Wochen von Barbara nichts mehr wissen wollen, von ihre vielen Klamotten, von Keuschheitsgürteln und -BHs, dann aber war sie plötzlich wieder da, ließ sich nicht mehr abweisen, nicht mehr aussperren. Willst du mich nicht mehr?, hatte sie geflüstert, brauchst du mich nicht mehr, deine gute Barbara? Und er hatte sie wieder zurück gelassen in sein Leben, war vor ihr in die Knie gegangen, hatte sich alten Gewohnheiten hingegeben, wieder den Rausch der fließenden Stoffe erlebt, wieder die Sicherheit ihrer stählernen Unterwäsche.

Und jetzt stand er hier und dachte über das Ende nach. Das endgültige Ende. Oder seine endlose Schuld.


% % %

Ingeborg Wimmer stand vor ihrem Spiegel und sah doch nicht hin. Sie schloss die Augen, blickte sofort wieder in den Lauf der Waffe, die auf sie gerichtet war, sah den eiskalten Killerblick in den Augen der jungen Frau, die vor ihr stand und deren Finger sich um den Abzug krümmte. Im Gerangel hatte sie ihre eigene Dienstwaffe verloren, die sie vorsichtshalber unter den Beinabschluss ihrer engen Miederhose geschoben hatte, ein Griff unter den weiten Rock ihres Dirndls hätte genügt, aber ihre Hände waren auf dem Rücken mit den Bändern ihrer Dirndlschürze gefesselt und sie hatte nicht die Kraft aufgebracht, sich zu befreien. Dann hatte sie einen lauten Schrei gehört, einen schwarzen Schatten gesehen, der von irgendwo her angeflogen kam und der jungen Frau die Waffe aus der Hand schlug, dann war sie bewusstlos zusammengebrochen. Klaus hatte sie gerettet, im allerletzten Moment.

Keine zwei Monate waren seitdem vergangen. Nein, so etwas steckt man nicht einfach weg, dachte sie. Für solche Ereignisse ist der Mensch einfach nicht eingerichtet. Es gab genug Fälle von im Dienst angegriffenen Kollegen, die nach weit weniger gefährlichen Situationen nicht mehr arbeiten konnten. Hunderte von guten Polizeibeamten wurden selber Opfer von Gewalt, Schlafstörungen waren da die mildesten Probleme; so mancher musste früher oder später aus dem Dienst ausscheiden. Woher kam bloß all diese Gewalt, fragte sie sich?

Sie hatte in den letzten Monaten ein gutes Vertrauensverhältnis zu Klaus aufbauen können, dafür war sie mehr als dankbar. Der Altersunterschied von knappen acht Jahren spielte im Moment keine große Rolle, die gemeinsam durchlebte Schreckensnacht hatte ihre Freundschaft noch verfestigt. Sie wusste, dass es in ihrem Falle wohl schon mehr als nur Freundschaft war. Was sie aber nicht wusste, war, ob sie Klaus oder Barbara liebte.
Sie hatte lange gebraucht, bis sie es richtig verstanden hatte. Nein, Klaus war wohl mehr als bloß so eine drag queen, oder wie sich das nannte. Auch der seltsame Ausdruck eines Transvestiten schien auf ihn nicht zuzutreffen. Ganz zu schweigen von angeblicher Persönlichkeitsspaltung, falls es so etwas überhaupt gab. Klaus war ein ganz normaler junger Mensch. Und Barbara war ebenfalls ein ganz normaler junger Mensch. Nur halt eben so, dass Klaus kein normaler Mann und Barbara keine normale Frau war.

Was war denn heutzutage überhaupt noch normal? Und wer hatte das Recht, Normen zu erstellen? Schubkästen, in die Menschen einsortiert werden konnten? Und wie konnte es sein, dass die Gesellschaft einerseits vom Unnormalen angezogen wurde, es aber gleichzeitig fürchtete, wie der Teufel das Weihwasser? Sie fragte sich, welche Gesellschaft eigentlich lebenswerter sei. Ein wilder Haufen von lauter spannenden oder spinnenden Individualisten, oder eine gleichgeschaltete, uniformierte Masse? Und gab es nicht schon wieder hirnlose Schreihälse, die genau jenes propagierten, als einzige Rettung eines bedrohten Vaterlandes? Welcher dämonische Trieb brachte Menschen immer wieder dazu, die eigene Individualität zu leugnen und sich statt dessen in der grauen Masse einzuordnen, eigene Vollkommenheit in der Selbstunterdrückung zu suchen?

Der Gedanke an das Weihwasser ließ sie abschweifen. Sie hatte sich furchtbar aufgeregt, als Klaus ihr von der blödsinnigen Idee mit dem Messedienen erzählt hatte. Nie im Leben würde sie so einen Unfug mitmachen! Und Klaus Drohung, sie einfach nicht mehr aus ihrem Keuschheitsgürtel und dem lästigen -BH herauszulassen, hatte sie auch nicht wirklich beeindruckt. Sie hatten keine SM-Beziehung, bis jetzt war eigentlich alles nur eine Art erweitertes Spiel gewesen. Und richtig, bereits zwei Tage später hatte er sie wieder befreit, als sie ihre Tage bekommen hatte. Keuschheitsgürtel konnten lustig sein, wenn man viel Sex im Kopf hatte und richtig angetörnt war, sonst aber waren sie eher nur ein nerviges Übel. Der Reiz des Eingeschlossenseins nutzte sich schneller ab, als so mancher Phantast glauben mochte.

Sie zögerte, wusste nicht recht, was sie heute anziehen sollte. Sie hatte Spätschicht, etwas Besonderes lag nicht an, der übliche Alltag wartete auf sie. Das hieß, Akten unaufgeklärter Fälle aus dem Archiv zusammensuchen, diese in ihr gammeliges Büro zu schleppen, und dann diese noch einmal nachzulesen und auf eine eventuell neue Sachlage auszuwerten. Und gerne bevor die Fälle verjährten. Sie brauchte sich also nicht wirklich schick zu machen.
Ein schneller Blick aus dem Fenster und auf ihr Handy verhießen nichts Gutes. Es war kalt und der Wind war frisch. Ekeliges Januarwetter halt. Also Hose. Am besten Strumpfhose und Hose!
Ingeborg öffnete die Schublade mit ihrer Unterwäsche. Ach ja, das Weihnachtsgeschenk von Klaus! Er hatte ihr ein hübsches, weißes Hosenkorselett geschenkt, etwas verschämt, aber sie hatten schon öfters über Wäsche und Korsetts gesprochen, und, nun ja, für ein richtiges Korsett fehle ihm leider das Geld, da müsse man auch vorher Maß nehmen. Aber so ein Hosenkorselett sei doch auch eine schöne Sache. Und schön warm, hatte er lachend hinzugefügt. Ja, hübsch war es ja anzuschauen, aber getragen hatte sie es bis jetzt nur einmal ganz kurz, nur um ihm einen Gefallen zu tun. Ihre Welt war das nicht. Irgendwie eng und unbequem, dachte sie.

Ihre Finger glitten suchend über den glatten Stoff. Er fühlte sich kühl an. Sie zog das Korselett hervor, berührte ihren nackten Körper damit. Augenblicklich reagierten ihre Brustwarzen. Sie schloss erneut die Augen, schaffte es diesmal, das Bild von der drohenden Kanone zu verscheuchen. Ihre Hand glitt in ihre Scham. Sie verstand es nicht: wieso konnte ein simples Stück Stoff solch eine Reaktion hervorrufen?
Neu war dies nicht. Auch als sie im letzten Sommer ab und zu ihr Dirndl getragen hatte, hatte es ähnliche Gefühle gegeben. Gefühle, die sehr sanft unter ihren Fingerkuppen entstanden, ihren Arm emporkrochen und seltsamerweise häufig den Weg hin zu sexueller Stimulanz fanden.
Ingeborg fand einen sauberen Slip, zog darüber eine feste schwarze Strumpfhose an und schlüpfte dann, auf der Bettkante sitzend, mit beiden Beinen zugleich in das Korselett. Leicht ließ es sich über der Strumpfhose hochziehen. Wieder kam dieses seltsame Gefühl auf, unter Strom zu stehen. Ihr Becken machte kleine Probleme, dann spürte sie, wie sich der feste Stoff um ihre Taille legte. Sie schob die breiten Träger über ihre Arme, zog alles weiter hoch, legte gekonnt ihre Brüste in die festen Cups.
Ihr Spiegelbild lächelte sie zufrieden an. Wenn es bloß nicht so unbequem wäre! Sie überlegte, ob sie nicht besser zur Arbeit etwas anderes anziehen sollte. Niemand hatte schließlich was davon, dass sie in diesem engen Ding steckte. Sie würde es bestimmt gleich wieder ausziehen... es sei denn....

Zwei Wochen! Zwei Wochen, dachte sie, hatte sie ihren Keuschheitsgürtel nicht mehr getragen. Hatte sie ihn das letzte Mal wenigstens ordentlich gereinigt in den Schrank gelegt? Sie öffnete die Schranktür, holte den stabilen Karton hervor, der alles enthielt. War der schwer!
Als sie ihn öffnete sah sie gleich das Malheur! Ja, sie hatte ihn gereinigt, aber Klaus hatte damals nur die beiden Schlösser am BH und am Taillenreifen geöffnet; er war in Eile gewesen und hatte keine Zeit. Jetzt hing alles immer noch zusammen! Mist!
Ihre Hände glitten über den kalten, polierten Stahl und die breiten Ketten, die alles verbanden. Wieder spürte sie dieses Prickeln, das sie durchwogte. Ihr Atem ging schneller, als sie ihre Beine vorsichtig in die breiten Schenkelbänder schob. Der Schrittreifen legte sich wie eine schützende Hand über ihren Venushügel und die tieferen Teile. Es war nicht ganz einfach, die Schulterkette des BHs über ihren Kopf zu bekommen, aber irgendwie klappt es beim vierten Versuch; sie konnte nun die Halbschalen von hinten über ihre Brüste ziehen. Ihre Brustwarzen standen steil hervor, so als wüssten sie, dass sie gleich hinter stählernen Cups verschlossen würden.

Ingeborg Wimmer suchte die beiden Schlösschen aus dem Karton hervor, nestelte das eine an die Befestigung zwischen ihren Brüsten, dann das andere an ihren Taillenreifen, was einfacher ging. Sie versuchte, tief durchzuatmen, aber der Brustreifen des BHs ließ das nicht zu. Sie würde wieder etwas flacher atmen müssen. Ihre Hände spielten mit den beiden Schlössern. Wenn sie sie zudrückte, würde sie das Korselett nicht mehr ausziehen können. Sie dachte nicht darüber nach, wie schwierig es werden könnte, wenn sie auf die Toilette musste. Sie dachte eigentlich nie richtig nach, wenn sie so weit war, wie jetzt. Sie wusste nur, dass sie die Schlösser jetzt zudrücken musste. Nur so wäre es richtig. Egal, wie falsch alles eigentlich war.

Ingeborg wachte auf, als sie das leise Klicken der Schlösser hörte. Sie hatte sich im Griff, hatte es gelernt, eine unmittelbare Paniksituation zu vermeiden, wusste sie doch, dass alles Gezerre und Gejammere nicht wirklich halfen. Schließlich waren es Schlösser, die sich mit einem Schlüssel wieder aufschleßen ließen. Ihre Hand zuckte dennoch zu ihren Brüsten, dann in ihre Scham, aber sie hatte sich jede Möglichkeit der Stimulierung genommen. Dummerweise auch die Möglichkeit, eine Hose anzuziehen! Also doch wieder Rock! Ein Glück, dass sie die Möglichkeit hatte, in der Tiefgarage des Präsidiums zu parken. Warm war es dort zwar auch nicht, aber wenigstens windgeschützt.

Sie sah auf die Uhr. Etwas Zeit hatte sie noch. Sie zog sich fertig an, dann nahm sie ihr Handy und schrieb Klaus eine kurze SMS: >Komme heute Abend! Kuss!< Klaus hatte die Schlüssel. Er musste sie heute Abend einfach wieder herauslassen!!


% % %

Klaus hatte sein Handy ausgeschaltet. Warum hätte er es auch ständig eingeschaltet lassen sollen? Es gab kaum Leute, die Umgang mit ihm hatten. Er drehte die Heizung in der Küche etwas höher, das alte Haus war geräumig, aber leider schlecht isoliert. Und die alte Ölheizung war wohl auch nicht mehr auf dem Stand der Technik. Immerhin, Großmutters Haus bot ihm eine gute Bleibe. Er korrigierte sich. Sein Haus, musste es jetzt heißen. Er hatte es geerbt. Seine Großmutter hatte ein schlichtes Testament hinterlassen aus dem hervorging, dass er als Alleinerbe eingesetzt war. Was auch immer dies zu bedeuten hatte.

Für den Moment bedeutete es, ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber Häuser kosten Geld für den Unterhalt, und viel Geld hatte er leider nicht geerbt. Früher oder später würde er vermieten müssen, vielleicht ein oder zwei Zimmer an Studenten; man würde sehen. Jetzt wärmte er sich mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen auf.
Wie häufig in letzter Zeit kreisten seine Gedanken um die Geschehnisse des letzten Jahres. Die hoffnungslosen Monate seiner Gefangenschaft bei Andrea in Rom. Seine Flucht. Seine Jagd auf Pater Ruprecht, der ihn als Schüler misbraucht hatte. Und natürlich das Zusammentreffen mit Ingeborg. Weitere Namen und Bilder tauchten in seiner Erinnerung auf. Daniela, die nette Abiturientin aus Köln, die Opfer einer Gewalttat wurde, die niemand hatte vorhersehen können. Monika, die ihre sadistischen Spielchen an ihm ausgelassen hatte. Ihre Mutter Pia, die selber schon als Kind Opfer wurde, als ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, verursacht durch einen jungen Mann, der sich selbst und sein Fahrzeug nicht mehr unter Kontrolle gehabt hatte. Seine Oma Annegret und deren Schwester Gertrud. Auch sie waren schon als Kinder von schlimmen Ereignissen geprägt worden, als sie erst die Naziherrschaft und dann den Zusammenbruch erleben mussten. Sein eigener Vater, der die Ängste seines Vaters geerbt und seine Schwester mishandelt hatte. Nicht viel besser war jener alte Pfarrer gewesen, der glaubte, Monika zwecks Buße quälen zu müssen und schließlich in der Kirche einem Herzinfarkt erlag. Es war ein Wunder, dass Monika das damals überlebt hatte.
Er grübelte. Noch jemand war gestorben. Aber wer? Er versuchte, sich an ein Gesicht zu erinnern, aber es gelang nicht. Egal. Es würde ihm schon wieder einfallen!
Evelyn! Ja, Evelyn gab es ja auch noch! Die nette Rettungssanitäterin, die er kennen gelernt hatte, als er damals seine Oma mit gebrochenem Bein unten im Keller gefunden hatte und die dann mit dem Rettungswagen gekommen war. Evelyn war sicherlich, neben Ingeborg, der wichtigste Mensch. Mit einigem Schauder dachte er an jenen schneereichen Dezembertag zurück, als es ihm gelungen war, seinen frühern Lehrer zu überführen. Die im Turm angebrachten Überwachungskameras hatten nichts gebracht, erst auf einem der Fotos, die Evelyn mit ihrer Kamera gemacht hatte, war er eindeutig zu identifizieren gewesen!

Aber Evelyn war mehr, als nur eine Sanitäterin. Sie war zu einem wichtigen Ratgeber und Wegweiser geworden. Sie hatte angefangen, sich auch um sein Seelenheil zu kümmern. An jenem Tag hatte sie ihm unerwegs einen langen Vortrag gehalten, was sein weiteres Leben betraf. Klaus hörte auf zu kauen. Was hatte sie doch gleich gesagt? Ein Schlüsselwort? Ach, das war ja wieder einmal typisch! Er erinnerte sich daran, dass sie von einem Schlüsselwort gesprochen hatte, aber an das Wort selber erinnerte er sich nicht! Vielleicht sollte er sie einmal anrufen? Lange hatte er nichts von ihr gehört, Weihnachten und der Jahreswechsel, hatte sie gesagt, da gäbe es immer viel zu tun, die Leute sind besoffen oder spielen mit Feuerwerkskörpern herum und sprengen sich die Hände kaputt, und bei mieser Witterung, bei Glatteis, da stürzten die Leute reihenweise, weil niemand mehr die Bürgersteige sauber hält beziehungsweise streut.

Klaus schaltete sein Handy ein. Ein leichtes Summen bestätigte ihm den Empfang einer SMS. Er öffnete die App, ah, Ingeborg wollte ihn abends sehen, sehr schön, da würde es nicht langweilig werden!!

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Ingeborg Wimmer war genervt. Trockenes Aktenstudium war nie ihre Stärke gewesen. Selten nur gab es dank technischer Neuentwicklungen die Möglichkeit, Fälle nach Jahren noch aufzulösen. Dementsprechend war auch ihre Erfolgsquote sehr bescheiden.
Obendrein war es eine eher eintönige Arbeit. Der berufliche Umgang mit Kollegen fehlte. Sie arbeitete für sich allein, Gesprächspartner war Kollege Computer. Was manchmal auch sein Gutes hatte. Ihr ehemaliger Vorgesetzter, Hauptkommissar Bruno Rick - gern 'derRick' genannt, hatte sie mit dieser Arbeit beauftragt, weil es ihr, ausgestattet mit Keuschheitsgürtel und Schenkelbändern, unmöglich geworden wäre, auf normale Verbrecherjagd zu gehen.

Sie hatte zu wenig getrunken. Ingeborg hatte Angst, ihre Blase nicht mehr unter Kontrolle zu haben, und genau das wäre jetzt ausgesprochen schlecht, denn sie trug ihren Keuschheitsgürtel über Slip, Strumpfhose und Korselett. Ließe sie es laufen, dann gäbe es eine ziemliche Sauerei. Mit etwas Glück konnte sie es bis zum Feierabend aushalten. Und dann, wenn sie bei Klaus wie gewohnt parken konnte, dann könnte sie sich bei ihm erleichtern. Er würde sie aufschließen.
Zum wiederholten Male klappte sie ihr Handy auf. Immer noch keine SMS von Klaus! Wahrscheinlich hatte er sein Handy wieder ausgeschaltet! Sie sah auf die Uhr: noch eine Stunde bis Feierabend! Würde sie es noch so lange aushalten? Und würde er sie denn wirklich aufschließen? Sie merkte, wie genau diese Frage ihren müden Körper wieder belebte. Sie legte ihre Hand in ihren Schoß, aber der straff sitzende Rock ließ sie nicht einmal den Schrittreifen ihres Keuschheitsgürtels spüren. Ihre Hand glitt aufwärts, unter ihren Pullover, sie ertastete den festen, glatten Stoff des Korseletts, sie begann, ein wenig heftiger zu atmen. Weiter oben stießen ihre Finger an die stählernen Halbschalen ihres BHs, den sie ebenfalls über dem Korselett trug. Sie spürte ein leichtes Ziehen in den Brustwarzen, es verstärkte sich sogar, aber im Moment war jede Berührung ausgeschlossen.

Sie versuchte, sich wieder auf ihr Arbeit zu konzentrieren. Es war still auf den Fluren. Nachts im Museum? Nein, natürlich nicht. Aber nachts in der Löwengrube war im Augenblick nicht viel besser. Sie erinnerte sich an eine der besten Fernsehserien der letzten Jahre, ebenfalls mit dem Titel "Löwengrube". Da wurde die Arbeit in Münchens Polizeiinspektion während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts thematisiert! Immer noch lief es ihr kalt den Rücken runter, wenn sie an die Stelle dachte, als die SS die Polizei übernahm... dieser fiese Nazi... Sie werden sich an eine schärfere Gangart gewöhnen müssen! Ekelhaft, absolut ekelhaft! Konnte es denn wirklich wieder Leute geben, die sich solche Zeiten zurückwünschten?

Eine halbe Stunde später hielt sie es nicht mehr aus. Ihr Mund war trocken, ihre Augen tränten vom künstlichen Licht. Und ihre Blase würde nicht mehr lange mitmachen! Sie klappte die Aktendeckel zu und fuhr ihren Computer herunter. Egal, sie hatte Gleitzeit, konnte es sich selber einteilen. Sie sah auf die Uhr. Genau hatte sie Klaus nicht geschrieben, wann sie kommen würde. Aber das sollte nicht das große Problem sein. Der Feierabendverkehr würde schon vorbei sein, meistens schaffte sie es in knappen zwanzig Minuten.
Sie packte ihren wenigen Kram zusammen, schnappte sich ihren Mantel, nein, es war kein Kollege mehr da, dem sie einen schönen Feierabend hätte wünschen können. Dann ging sie zum Fahrstuhl, stempelte elektronisch aus und fuhr hinunter in die Tiefgarage.

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Was sollte er anziehen?? Klaus wusste, dass Ingeborg einen Narren an Barbara gefressen hatte. Auch wenn er es nicht so ganz verstand. Sie hatte öfters enttäuscht ausgesehen, wenn er in Jeans bei ihr ankam, hatte es ihn sogleich mit spürbarer Distanz wissen lassen: Nein, Klaus interessiert mich nicht so sehr! Ich möchte Barbara bei mir haben!

Er seufzte. Warum musste es denn so kompliziert sein? War er denn als Barbara so viel attraktiver als als Klaus? Er griff zu einem Dirndl, hielt es sich prüfend vor den Körper. Normalerweise hätte es genügt, eine komplizierte Handlungskette in Gang zu setzen, aber nichts geschah. Es ist abgeschaltet, dachte er. Und wieder hörte er Gertruds Stimme, wie sie ihm gesagt hatte, du hattest ihre Sachen entdeckt! Ja, wenn du die Sachen deiner Schwester anzogst, dann wurdest du gleich ruhiger!
Es war der lang gesuchte Schlüssel zu der Frage gewesen, warum in Gottes Namen er immer wieder das Verlangen verspürte, seine weibliche Seite auszuleben. Lange hatte er geglaubt, es hinge einzig und allein mit dem zusammen, was er im Internat hatte erleben müssen. Aber dass es eine noch viel sublimere Ursache gab, das war wie ein Sonnenstrahl an einem dunklen Regentag gekommen, gänzlich unerwartet und überraschend, aber auch blendend, was er bis jetzt übersehen hatte.
Er hatte sich beeilt, Schloss und Schlüssel zusammenzubringen, hatte Barbaras Sachen nicht mehr beachtet, kein Verlangen mehr verspürt, aber er verstand auch, dass dieser eine Sonnenstrahl schon längst wieder erloschen war. Kurz und gut, es ging ihm nicht wirklich besser, seitdem er diese neue Erkenntnis mit sich trug.


[Edit]: Dieser Eintrag wurde zuletzt von Daniela 20 am 01.02.18 um 17:25 geändert
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:28.11.17 09:54 IP: gespeichert Moderator melden


Schön geht die Münchner Geschichte weiter... Freue mich auf die vielen Fortsetzungen die einem durch den Winter begleiten werden
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:03.12.17 22:01 IP: gespeichert Moderator melden


Und schon ist es wieder Sonntagabend und es geht weiter. Ein herzliches Dankeschön denjenigen, die mir geschrieben haben, und allen Lesern wünsche ich auf diesem Wege eine schöne Adventszeit!! Eure Daniela 20

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Es konnte einfach nicht wahr sein! Scheiß Karre, dachte Ingeborg Wimmer, als sie zum wiederholten Male den Schlüssel im Zündschloss drehte, der Motor einen gequälten Laut von sich gab, die Scheinwerfer müde aufblitzten. Muss das wirklich jetzt sein? Ich pisse mich gleich ein!
Sie überlegte, ob es Sinn machen würde, mit dem Kopf einmal kräftig gegen das Armaturenbrett zu schlagen, so wie Marty McFly in ihrem Lieblingsfilm, aber als sie das hohle Quietschen von Reifen in der Einfahrt zur Tiefgarage hörte, wusste sie, dass Hilfe unterwegs war.

Sie winkte die beiden uniformierten Kollegen herbei, die ganz in ihrer Nähe ihren Streifenwagen abgestellt hatten. "Guten Abend, Kollegen! Ich glaube, ich brauche mal eine Starthilfe. Könntet ihr mir bitte mal helfen?"

"Frau Wimmer? Kein Problem, das machen wir doch gern. Warten Sie mal, ich hole eben ein Überbrückungskabel aus dem Wagen!", antwortete die junge Beamtin, die den Wagen gefahren hatte. Aber ihr Kollege hielt sie auf. "Dit kleene Ding? Dit kriejen wa och ohne Kabel hin, wa?" Es bedurfte keiner Sonderausbildung zu hören, woher der Kollege stammte. "Nu stejen Se ma in, Frau Kollejin, zweeten Gang, wenn ick bitten darf und wir beede schaffen dit schon!"
Herrlich! Beinahe hätte Ingeborg gelacht, aber ihre Blase musste unter Kontrolle gehalten werden. Es tat gut, hier einmal etwas anderes als die lokale Mundart zu hören. Wie aufgefordert legte sie den zweiten Gang ein, die Kollegen gaben ihrem kleinen Mini einen ordentlichen Schubs, sie ließ die Kupplung kommen, und schon schnurrte der kleine Motor in sanftem Ton, als sei nie etwas gewesen. Sie winkte und bedankte sich mit zweimaligem, kurzem Hupen, dann suchte sie den Weg hinaus in die abendliche Dunkelheit.

Wimmer beschloss, zur Sicherheit einen größeren Umweg zu fahren. Sie konnte es einfach nicht riskieren, dass ihr Wagen nachher wieder nicht ansprang. Dann würde sie halt etwas später zu Klaus kommen. Aber nicht viel später, dachte sie, als ihre Blase sich wieder meldete. Wie konnte ich nur so dämlich sein, den Keuschheitsgürtel überm Korselett anzulegen?? Als ob das nun heute so viel Spaß gemacht hätte!
Machte es überhaupt Spaß, diese Sachen zu tragen?? Sie hatte es sich schon öfter gefragt. Schon als sie ihre ersten diesbezüglichen Erfahrungen mit Bruno gemacht hatte. Er hatte sie nie zu irgendetwas gedrängt. Sie nie verschlossen. Immer war sie es selber gewesen, die sich die metallene Unterwäsche angezogen und verschlossen hatte. Spaß? Sie wusste es nicht. Spaß war etwas anderes. Dies hier war eine seltsame Mischung aus Angst und Geilheit, unerklärlich für denjenigen, der derlei Emotionen nicht kannte. Hatte es eigentlich Bruno Spaß gemacht?

Sie trat voll in die Bremsen, als ein lebensmüder Radfahrer vor ihr die Fahrbahn kreuzte. In Gedanken schleuderte sie dem jungen Mann eine Unzahl bajuwarischer Flüche hinterher, aber der war längst irgendwo verschwunden. Pass besser auf, Wimmer!, dachte sie. Einen Unfall heute Abend kannst du dir nicht leisten!
Als sie das Gefühl hatte, ihre Batterie genug aufgeladen zu haben, und gleichzeitig ihr Drang immer stärker wurde, fuhr sie endlich auf kürzestem Wege zu Klaus Haus. Sie mochte das hübsche, alte Viertel mit den gemütlichen Einfamilienhäusern, wusste aber auch, dass hier niemand mehr würde neu einziehen können. Zumindest niemand mit einem schmalen Beamtengehalt!
Sie hatte Glück, ihr normaler Parkplatz war wieder frei. Sie stellte den Wagen ab, tätschelte sicherheitshalber das Armaturenbrett, möge es helfen, wenn ich wieder fahren will!, dann stieg sie aus und knallte die Tür zu.

Es war still in der Straße. Gut, hier war es eigentlich immer still, aber war es heute nicht stiller als sonst? Sie lief die wenigen Stufen zur erhöht gelegenen Eingangstür hinauf und klingelte.
Das Haus war dunkel. Dunkler als sonst, dachte sie. Wahrscheinlich saß Klaus im nach hinten gehenden Wohnzimmer. Oder? Sie drückte noch einmal auf den altmodischen Klingelknopf; nichts tat sich. Seltsam.

Wimmer spürte wie eine seltsame Mischung aus Kälte unter ihren Rock griff. Sie drückte ihre Hand gegen ihren Schritt, vielleicht half es ja, das 'Wasser-lassen' noch einen Moment zurückzudrängen, aber lange würde es nicht mehr gut gehen.
Der Türklopfer! Sie hatte ihn bisher immer als eine antiquierte Dekoration angesehen, aber jetzt schlug sie mehrmals mit dem kleinen, eisernen Hammer gegen die Tür. "Klaus!? Klaus, mach auf! Ich müsste dringend mal für kleine Mädchen!!" Sie kam sich blöde vor, als sie so laut rief, dass sie befürchten musste, Nachbarn zu alarmieren. Warum zum Teufel machte er nicht auf??

Sie ging wieder hinab, bog um die Ecke des Hauses um zu sehen, ob eventuell irgendwo Licht war. Aber alles war dunkel. Dann sah sie, dass etwas fehlte! Klaus kleiner Roller war weg! Sie erschrack, verlor nun endgültig die Kontrolle über ihre Blase und ließ es laufen. Gern hätte sie wenigstens ihre Beine etwas gespreizt, aber der enge Rock und die verdammten Schenkelbänder verhinderten es. Ein erst warmes, dann schnell kälter werdendes Gefühl ekelte sie. Gut, damit könnte sie leben. Aber was nun?
Wenn ich heute gar nicht mehr aus diesem Scheißteil herauskomme?? Sie würde nach Hause fahren, so wie sie war in die Badewanne steigen, sich anschließend halbwegs warm und trocken rubbeln und vor die Heizung setzen. Und dann ein Hühnchen mit Klaus rupfen! Falls sie ihn irgendwo erreichte.

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Klaus sah auf seine Uhr. Schon so spät? Normalerweise kam Ingeborg doch immer früher! Ob sie etwas aufgehalten hatte? Er machte es sich bequem, so gut es ging. Mehr würde er sowieso nicht machen können.
Leise drang der Verkehrslärm zu ihm hinein. Das da, konnte das vielleicht ihr Mini sein? Nein, der Wagen fuhr vorüber. Beeile dich, Ingeborg! Mir wird langsam kalt!, dachte er und mummelte sich fester in seine Winterjacke. Vielleicht sollte er doch einmal sein altersschwaches Handy einschalten? Wenn sie ihm nun eine Nachricht geschickt hatte?

Es kostete ihn einige Überwindung, sein Handy hervorzuziehen. Jede Bewegung ließ kalte Luft an seinen Körper kommen, irgendwo gab es immer Löcher, und weil er keine Lust hatte, wie ein dämliches Michelin-Männchen herumzulaufen, besaß er auch keine modische Daunenjacke. Bloß gut, dass ich nicht wieder als Barbara....., dachte er, während er sein Hady mit steifgefrorenen Fingern aktivierte. Wieso gab es eigentlich noch keine Handys mit Wärmeelement? Doch jetzt konnte er nicht mehr an sich halten. Wärmeelement?? Doch, die gab es ja schon! Die neuen Dinger von Samsung! 900 Glocken teuer und dann gehen sie einfach in Flammen auf! Hahaha! Immerhin hätte er sich schön an so einem Teil wärmen können!

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Ingeborg hatte sich eine alte Decke, die sie normalerweise im Kofferraum aufbewahrte, unter das unangenehm feuchte Gesäß geschoben. Sie hatte den Wagen wieder angemacht, diesmal hatte er gottlob keine Mucken gemacht, und die Heizung erst einmal voll aufgedreht. Was nun? Sie beschloss, noch für eine Zigarette vor dem Haus warten zu bleiben. Immerhin hatte ihr ärgstes Problem sich gerade von selber erledigt. Vielleicht würde er ja doch noch kommen?
Es blieb dunkel. Niemand kam. Jetzt würde sie in den sauren Apfel beißen müssen. Ihr war der Notschlüssel eingefallen, an den hatte sie aus gutem Grund gar nicht mehr gedacht.

Klaus hatte die kleinen Schlüssel, die sie zum Öffnen ihres stählernen BHs und des Keuschheitsgürtels brauchte, irgendwo in der Wohnung versteckt. Die Zweitschlüssel, korrigierte sie sich. Die normalen Schlüssel trug er ja meist bei sich in der Hosentasche.... oder der Handtasche, wenn er als Barbara unterwegs war. Wo genau, wusste sie nicht. Und obwohl sie schön einige Male sehr intensiv nach ihnen gesucht hatte, hatte sie bisher keine Schlüssel gefunden. Wohl aber einen lustigen Reklamekugelschreiber, den sie lange vermisst hatte.
Die Sache hatte allerdings einen Haken. Sie hatten ausgemacht, dass wenn einer von ihnen um den Reserveschlüssel bat, dann dürfte der andere ein ganzes Wochenende mit einem machen, was er - oder sie - machen wollte. Was würde er mit ihr machen? Sie hatte sich bizarre Dinge ausgedacht, hatte ab und zu eine seltsame Gefühlsmischung aus Angst und Spannung erlebt, aber bisher war es noch nicht zu derartigen Handlungen gekommen. Ja, sie hatten Sex miteinander gehabt. Aber irgendwie war es immer etwas sonderbar gewesen. Kam er als Barbara, was meist der Fall war, dann wirkte er ausgeglichen und anschmiegsam, kam er als Klaus, dann machte er eher einen unruhigen und unsicheren Eindruck auf sie.

Sie klappte ihr Handy auf, ging sofort in das SMS Menü und tippte eine einzige, kurze Botschaft: >Ich brauche den Notschlüssel!<. Das musste reichen. Sie konnte nur hoffen, dass er antwortete, am besten, noch während sie unterwegs war.

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Klaus sah verwundert auf das Display seines Handys. Was sollte das jetzt? Wieso brauchte Ingeborg den Notschlüssel? Jetzt, wo sie doch gar nicht zu Hause war? Wahrscheinlich würde sie bald kommen. Und bestimmt hätte sie eine gute Erklärung. Trotzdem wunderte er sich. Sie muss sich wieder eingeschlossen haben!, dachte er. Sie kann es einfach nicht lassen...., sie braucht den Kick! Nun gut, die Sache mit dem Notschlüssel hatte sich sowieso erledigt. Er hatte den richtigen Schlüsselbund dabei, er würde sie aufschließen können.... Wenn es wichtig ist...., vielleicht aber tue ich es nicht!

Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Spielchen miteinander spielten. Auch anders herum war es vorgekommen. Aber er hatte lange schon den Verdacht, dass Ingeborg es zwar lieber sah, wenn Barbara zu ihr kam, als Klaus, aber sie hatte andererseits auch öfters Interesse an Sex mit ihm gehabt. Und dabei war ein verschlossener Keuschheitsgürtel doch eher hinderlich.
Etwas anders verhielt es sich mit seinem stählernen BH. Es war eigentlich eine verrückte Idee, einem Mann solch einen BH anzulegen und zu verschließen, es gab schließlich keine Brüste, keine Nippel, deren Berührung verhindert werden sollte - gut, ja, er hatte Brustwarzen, aber er hatte auch einen dicken Zeh, geile Gefühle hatten sie ihm nie beschert, aber er hatte schnell gemerkt, welche Macht sie über Barbara ausübte, wenn er den BH nicht mehr abnehmen konnte. Dann konnte er nicht aus der Barbara-Rolle aussteigen, denn die ihm aufgezwungene weibliche Form wäre nie unter seiner männlichen Kleidung zu verbergen gewesen.

Noch einmal las er die SMS. >Ich brauche den Notschlüssel!<. Er blätterte aus Gewohnheit zurück. >Komm heute Abend!<, hatte sie nachmittags schon geschrieben. Hoffentlich musste er nicht mehr lange warten; es war schon ungewöhnlich, dass sie so spät nach Hause kam. Es war ein Glück gewesen, dass ihn jemand wenigstens ins Haus gelassen hatte; so hatte er wenigstens nicht draußen warten müssen. Aber auch das Treppenhaus war ungeheizt; ewig würde er es hier nicht aushalten können.

Das Summen des Fahrstuhls erweckte seine Lebensgeister. Der Fahrstuhl fuhr hinab ins Erdgeschoss, dann kam er wieder hoch, blieb jedoch eine Etage tiefer stehen. Er hörte Stimmen, Schlüssel klapperten, eine Wohnungstür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Dann wurde es wieder ruhig.

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Ingeborg Wimmer fand einen Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung. Sie war heilfroh, dass sie nicht weit zu laufen hatte. Sie fühlte sich dreckig, auf eine gewisse Weise ausgestoßen. Eine Hure auf dem Weg nach Hause.
Seltsamerweise erregte sie dieser Gedanke etwas. Gleich würde sie.... Nein, geht ja nicht, erinnerte sie sich. Und warum hatte Klaus immer noch nicht von sich hören lassen? Wo steckte der Kerl denn bloß? Ob sie noch einmal nach dem Notschlüssel suchen sollte? Keine Chance! Du hast doch schon alles abgesucht! So ein blöder kleiner Schlüssel konnte doch überall stecken! In einem Plattencover. In einem Buch. Unter einer Teppichleiste. Im Badesalzbehälter. Hinter einem Bilderrahmen. Nein. Sie würde sich, mit ihren Klamotten, in die Badewanne setzen und sich dann halt eben so gut waschen, wie es möglich war, wenn man unterm fest verschlossenen Keuschheitsgürtel Slip, Strumpfhose und Korselett trug.

Sie schloss ihre Haustür auf, drückte auf den Knopf des Fahrstuhls und brauchte die kurze Wartezeit, um schnell einen Blick in ihren Briefkasten zu werfen. Nichts, außer blöder Reklame, die sie sofort in einen fast überquellenden Abfallbehälter warf. Sie öffnete die Fahrstuhltür, das eklige Kaugummi klebte immer noch dort, hatte die Reinigungsfirma einmal übersprungen? Sie drückte den Knopf zu ihrem Stockwerk; ein Glück, dass sie nicht laufen musste, aber es war auch schon vorgekommen, dass sie mit schwer beladenem Einkaufstrolley die Treppen bis nach oben hatte nehmen müssen.

Oben angekommen hatte sich das Licht bereits wieder ausgeschaltet. Sie fummelte nach dem matt schimmernden Lichtknopf, als eine Stimme sie zu Tode erschreckte: "Ingeborg? Da bist du ja endlich! Wurde auch langsam Zeit! Ich bin schon halbtot!"


"Bist du wahnsinnig?? Willst du mich zu Tode erschrecken? Was machst du eigentlich hier? Hier, bei mir??" Ingeborg war kurz davor, ihrem Freund eine deftige Ohrfeige zu verpassen - teils aus Ärger, teils aus Erleichterung. Etwas unsanft schubste sie ihn zur Seite, dann schloss sie ihre Wohnungstür auf. Sie war endlich zu Hause, gleich würde alles besser.


Sie hatte heiß geduscht und sich wie immer in ihren weißen Bademantel gehüllt. Ihr Haar war noch nass. Klaus hatte sie, ohne zu zögern, sofort aufgeschlossen; eine Wohltat, nach den vielen Stunden, die sie hatte leiden müssen. "Also??"

"Also was?" Klaus hatte die Frage längst wieder vergessen.

"Warum bist du hier? Weißt du eigentlich, wie lange ich vor deiner Haustür gewartet habe? So lange, bis ich mich am Ende eingepisst habe....!!"

"Wie....? Ich verstehe nicht ganz..."

"Was gibt es da nicht zu verstehen?" Sie war schon wieder auf hundertachtzig.

"Aber du hattest doch selber geschrieben, dass ich heute Abend kommen sollte!"

"Was?? Ich hatte geschrieben, dass ICH heute Abend komme!"

"Hattest du nicht! Wart mal..." Er kramte sein Handy hervor; es war noch eingeschaltet. "Hier! Siehst du, hier steht es: 'Komm heute Abend!'"

"Quatsch! Ich habe geschrieben: 'Komme heute Abend!' Hier...!" Geübt wischte sie über das Display ihres Smartphones. "Hier, sieh selbst!" Sie warf einen Blick auf den Text, dann zog sie den bereits ausgestreckten Arm wieder zurück. "Scheiße!!!"

Klaus versuchte, sie ein wenig zu trösten. "Ach komm, ist doch nicht so schlimm. Kann ja jedem in der Schnelle mal passieren! Und ist doch alles gut ausgegangen. Und jetzt hast du schön geduscht und dein Haar duftet gut..." Er umarmte sie und roch an ihren noch nassen Locken. "Kannst ja froh sein, dass es nicht schon während der Arbeitszeit passiert ist. Komm, lass uns was essen. Ich habe schon mal etwas angefangen in der Küche, während du im Bad warst."



Eine halbe Stunde später saßen sie gemütlich bei einem Glas Wein zusammen. Ingeborg studierte ihren Kalender. "Oh, das hätten wir bald vergessen!"

"Was denn?"

"Diese Messdienersache mit der alten Kirche!"

"Ach, ich weiß nicht...." Er blickte weg.

"Was weißt du nicht? Du hast uns doch selber angemeldet! Mich - und Barbara..." Sie schaute ihn verblüfft an. "Jetzt sag nicht, dass du einen Rückzieher machen willst!"

"Barbara...," wiederholte er. "Es gibt keine Barbara mehr!" Seine Stimme wirkte kraftlos.

Ingeborg stellte ihr Glas ab und rückte näher an ihn heran. Sie legte ihren Arm um ihn. "Was ist los? Wieso sollte es Barbara nicht mehr geben? Die hübschen Kleider, die sie hat. Die Petticoats und Röcke, ihren geilen high heels?" Sie legte ihre Hand in seinen Schritt. "Das soll es nicht mehr geben? Das glaubst du doch selber nicht!" Sie fühlte, dass sie irgendwie recht hatte. Aber sie bemerkte auch, dass es ihrem Freund nicht gut ging.

"Es ist nicht richtig..."

"Was ist nicht richtig? Dass du Frauenkleider trägst? Dass es dich aufgeilt, ein enges Korsett zu tragen? Dass du es toll findest, wenn du im Petticoat draußen herumlaufen kannst? Zumindest im Sommer?"

Klaus drückte ihre Hand weg. "Lass das bitte! Ja, genau das! Es ist nicht richtig!"

Ingeborg goss etwas Wein nach. "Ach Quatsch. So musst du nicht denken! Ich mag Barbara. Sie ist offener, mutiger und vielleicht auch lustiger als du! Ich finde auf jeden Fall, wir sollten das machen. Ist doch bestimmt lustig!" Sie schwieg. Lustig?? Wieso hatte sie das gesagt? Sie wusste doch selber, dass es so nicht stimmte. Es gab andere Gründe, weshalb sie es machen wollte. Unbestimmte Gründe, dachte sie.

"Aber nicht als Barbara!" muckte er auf.

"Du hast dich dort als Barbara angemeldet. Und wir sind beide dort so angenommen worden: zwei junge, erwachsenen Frauen, die Messe dienen wollen. Hatte der Pastor nicht gesagt, genau das sei eine schöne Sache? Wie hatte er sich ausgedrückt?"

Klaus erinnerte sich gut an das kurze Gespräch. "Wegen der Symmetrie! Ja, das hatte er gesagt." Sie waren beide zu einem kurzen Vorgespräch eingeladen gewesen. Der Pastor hatte sich anfangs überrascht gezeigt, statt einer Barbara einen Klaus zu begrüßen, war aber nicht abgeneigt, ihn trotzdem aufzunehmen, nachdem er über die Hintergründe gehört hatte. Gott liebt alle sein Schäfchen, hatte er gesagt, da wolle er nicht der erste sein, der die schwarzen von den weißen trennte!

"Siehst du!" Ingeborg spürte leichten Rückenwind. "Ach komm, sei kein Spielverderber! Ab nächste Woche vier Wochen Training, wenn ich mich recht entsinne. Und danach dann soll es wohl losgehen. Aber wahrscheinlich erst zu Ostern, also so richtig. Hochamt, oder wie das heißt. Habs schon wieder ganz vergessen. Vorher könnten wir möglicherweise auch schon mal bei der Abendmesse eingesetzt werden!"

"Da kommt doch kein Mensch!" Er ärgerte sich, hätte es besser für sich behalten sollen.

"Wieso? Was weißt du denn darüber?" Ingeborg beäugte ihn misstrauisch. Ihre Polizeiinstinkte ließen sich nicht ausschalten.

Klaus griff zu seinem Handy. Musste er nicht bald nach Hause fahren? Er gähnte gekünstelt. Sollte er wirklich Ingeborg erzählen, was er bereits in dieser alten Kirche erlebt hatte? Und wie lange würde es dauern, bis Ingeborg aus ihm herausgequetscht hätte, was er selber dort gemacht hatte?? Seine Hand begann zu zittern. "Nichts. Ich kannte mal eine, die war auch Messdienerin. Die hat mir oft berichtet, gerade diese Abendmessen seien totlangweilig, und außer ein paar alten Leuten käme da sowieso niemand mehr hin." Überzeugend klang es nicht, was er vor sich hinstammelte.

"Ach so." Gern hätte Ingeborg mehr erfahren. Diese untertriebene Beschreibung, 'ich kannte mal eine', es klang so beiläufig, so bewusst uninteressant. Sie war sich sicher, dass sie hier einen wunden Punkt entdekt hatte. Was hält er zurück, was ich nicht wissen soll?, dachte sie. Aber fürs Erste beschloss sie, keinen Druck auf ihn auszuüben.
Wichtig war es jetzt, Barbara wieder aufzubauen. Sie konnte seine plötzlich erwachten Zweifel gut verstehe, sah aber auch, wie unglücklich er auf sie wirkte. Da war etwa zerbrochen, was nicht kaputt gehen durfte. Klaus kam ihr im Moment vor wie ein Querschnittsgelähmter, der seinen Rollstuhl nicht mehr benutzen wollte. Er brauchte Barbara, daran gab es gar keinen Zweifel. Aber sie selber brauchte Barbara auch, obwohl es ihr schwerfiel, sich das einzugestehen. Das Spiel von Unterwerfung und Dominanz, das sie gerade erst begonnen hatte, durfte nicht schon wieder aufhören, bevor es richtig spannend wurde.

"Ich sehe schon, du musst ins Bett! Schaffst du es noch nach Hause? Oder möchtest du lieber bei mir schlafen?"

Er griff, ohne zu zögern, nach dem Strohhalm, den sie ihm bot. "Klar schaffe ich es noch nach Hause. Hab ja kaum was getrunken! Und du musst morgen ja wieder früh raus, nicht wahr?"

Sie verabschiedeten sich. Ingeborg Wimmer drückte ihren jungen Freund an sich. Ach, er wirkte mit einem Mal so dünn, so zerbrechlich. Was war denn bloß los mit ihm? Sie hatte davon gehört, was alles in den Tagen nach Weihnachten geschehen war. Die Schwester, von der er nichts gewusst hatte. Die alte Dame, Schwester seiner verstorbenen Großmutter, die ihm über vieles die Augen geöffnet hatte! All dies mochte Auswirkungen gehabt haben.
"Ich möchte, dass nächste Woche Barbara kommt, wenn wir da in der Kirche anfangen. Bitte..."

Er entwand sich ihrer Umarmung. Er verzog die Lippen, ließ ein kaum zu deutendes Kopfnicken sehen. Dann ging er hinaus, schaltete das Licht im Treppenhaus ein und sprang die Treppe hinunter.


München, Anfang Februar

"Lyn!! Das ist aber schön! Lange nichts mehr von dir gehört!" Klaus hatte Glück gehabt, hatte sein Handy diesmal eingeschaltet gelassen und verpasste deshalb Evelyns Anruf nicht. Oder sollte er besser sagen, sie habe Glück gehabt?

"Danke gleichfalls. Du hast dich ja in letzter Zeit sehr rar gemacht. Was ist los? Hast du ein Studium angefangen?" Ihre Stimme hatte einen ironischen Unterton. "Oder wenigstens eine Ausbildung?", beeilte sie sich hinzuzufügen.

Er krümmte sich innerlich. Er wusste, sie hatte recht. Auch mit dem, was sie zuletzt noch zu ihm gesagt hatte. Er hatte ihr, auf dem Weg zum tief verschneiten Chinesischem Turm, erzählt, er würde gern etwas mit Kindern machen, sich aber sogleich eine heftige Abfuhr eingefangen. 'Nein, das machst du nicht! Du darfst nichts mit Kindern machen!' Und sie hatte argumentiert, mit seiner Vorgeschichte als Missbrauchsopfer sei die Gefahr viel zu groß, dass er eines Tages selber zum Täter würde.
"Nicht wirklich, Lyn. Nein, ich überlege noch, was ich machen könnte." Er spürte sofort, wie dünn seine Antwort war. "Ich habe lange darüber nachgedacht, was du mir gesagt hattest."

"Gut, Klaus. Das freut mich, zu hören. Und wie geht es Barbara so? Oder ist sie selber am Telefon? Kann dich ja nicht sehen..." Ihre Stimme wurde heller, wahrscheinlich lachte sie am Telefon.

"Barbara? Ach...." Er verstummte. Wusste er selber eine Antwort auf die Frage?

"Wohl nicht so gut?"

"Nicht wirklich. Nein. Ist nicht so die richtige Zeit für Transenspielchen.... zu kalt, weißt du?" Er spürte förmlich, wie seine Nase immer länger wurde.

Evelyn horchte auf. Transenspielchen?? Was sollte das jetzt? So etwas war es bei ihm doch nie gewesen, das hatte sie schnell begriffen. Kerle, die zum Fasching in unsäglichen Männerballetts auftraten, fielen unter diese Kategorie. Bei Klaus war es anders. "Hm... kannst du sie mal ans Telefon holen?"

Er zögerte. "Sie... sie ist nicht da?"

"Sie ist nicht da? Wo ist sie denn?" Evelyn hielt den Atem an.

"Sie ist weg."

Als erfahrene Rettungssanitäterin hatte sie es gelernt, genau hinzuhören, wie ein Patient etwas sagte. Was er sagte war oft nicht so ausschlaggebend als vielmehr, wie er es sagte. Und sie erkannte sofort, dass es nicht stimmen konnte, was Klaus da gerade gesagt hatte. Aus seinen wenigen Worten ließ sich leicht die seelische Qual heraushören, die ihn belastete. Was schlimm war, auch für sie. Sie war zwar Sanitäterin, hatte es gelernt, bei Verunglückten eine Erstversorgung vorzunehmen, Blutungen zu stillen, Knochenbrüche zu schienen, aber das hier lag außerhalb ihrer beruflichen Kompetenz.

"Sehen wir uns bald mal wieder, Klaus?"

Er schüttelte den Kopf.

"Klaus??"

"Äh, entschuldige. Ich hatte nachgedacht. Nein, im Moment ist es schlecht, Lyn."

"Viel zu tun, ja?"

"Ja."

"Was denn? Gehst du irgendwo hin, mit dieser netten Kommissarin? Kino und so?" Sie machte eine Pause, aber als Klaus nicht antwortete, fiel ihr ein, dass sie noch gar nicht gefragt hatte, wie es in dieser Sache mit Ruprecht Huber, ex Pater Ruprecht, stand. Nicht zuletzt wegen ihres Fotos würde man ihn überführen können.
"Sag mal, wie steht es nun um diesen verfluchten Kerl, der dir und anderen das alles angetan hat? Sitzt der im Bau?"

"Pater Ruprecht?" Er biss sich auf die Zunge. Er hatte sich geschworen, diesen Namen nie wieder auszusprechen, jetzt, da er seinen wirklichen Namen wusste. Huber, Ruprecht Huber. Funtenseeweg! Aber alte Gewohnheiten ließen sich nur sehr schwer ablegen. "Ingeborg - Kommissarin Wimmer - sagt, dass das Verfahren gegen ihn läuft. Wahrscheinlich kommt es in einigen Monaten zum Prozess. Man möchte die Anklage wasserdicht machen. Aber es sei schwierig, frühere Opfer ausfindig zu machen, die gegen ihn aussagen. Ist ja eine öffentliche Verhandlung, da hat so mancher Schiss."

"Ja, das glaube ich sofort. Aber schade, dass du im Moment so wenig Zeit hast. Bei mir ist gerade etwas weniger los. Wird aber bald wieder losgehen, Fasching, du weißt. Da wird viel gesoffen. Und wenn es dann noch glatt ist, dann landen die alle bei uns. Also, ruf doch einfach mal an, wenn du Zeit hast. Ja? Würde mich gern mal wieder mit dir treffen - und mit Barbara!"

"Sie ist nicht hier! Sagte ich doch!" Seine Reaktion war heftig. Zu heftig, wie sie fand.

"Schon gut! Du, ich muss wieder! Wir sprechen uns! Kannst jederzeit bei mir anrufen, ja?" Sie legte auf. Unruhe machte sich in ihr breit. Was war mit Klaus los, und wo war Barbara??



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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:10.12.17 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Es kann weitergehen!! Heute kam der Schnee, und auch die langen und dunklen Winternächte sind wieder da. Ich muss meine Leser um etwas Geduld bitten; ich weiß, im Moment ist die Handlung meiner Geschichte noch nicht so wirklich spannend. Aber das kommt schon noch!!

Die Fortsetzungen an den kommenden Sonntagen könnten etwas unregelmäßig ausfallen, da ich zu Besuch bin. Etwas unsicher bin ich mir, ob ich am Heiligen Abend etwas hochladen soll. Einerseits widerstrebt es mir etwas, andererseits aber könnte es für viele einsame Leser das Highlight des Tages sein, die vielleicht einzige 'Bescherung', auf die sie sich freuen. Schreibt mir bitte mal, was ich tun soll!

Eure Daniela 20

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München, Ende Februar

"Ehrlich gesagt, ich hatte es mir spannender vorgestellt." Ingeborg Wimmer warf einen schnellen Seitenblick auf die Person, die sie begleitete.

"Spannender? Was zum Teufel soll denn daran spannend sein?"

"Nun ja... ich weiß auch nicht. Aber eigentlich ist es doch Kinderkram, meinst du nicht... - sie zögerte, den Namen auszusprechen - ...Barbara?"

"Wird ja normalerweise auch von Kindern gemacht. Erwachsenen Messdiener gibt es solange noch nicht!"

"Ich hatte gelesen, dass es früher einmal ganz anders gewesen sein muss? Da hatten es nur Erwachsene gemacht."

Klaus verlangsamte seinen Schritt. Es war und blieb ein heikles Thema. "Ja... früher. Das war wohl, bevor der Klerus sein Interesse an keuschen Jungs entdeckt hatte!" Es sollte eine lustige Bemerkung sein, aber bei seinem persönlichen Hintergrund war die Bitternis in seinen Worten nicht zu überhören. "Hoffentlich werfen sie das Schwein den Krokodilen zum Fraß vor!!"

Ingeborg brauchte kein Horoskop um zu wissen, von wem er sprach. "Das dürfte schwierig sein...."

"Du meinst, er kommt völlig ungeschoren davon? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!" Er blieb stehen, sah die Kommissarin mit einem Blick an, als sei sie persönlich für die Rechtsprechung in Deutschland verantwortlich.

"Ich meinte das mit den Krokodilen, Klaus!" Klaus! Wieso hatte sie ihn jetzt Klaus genannt? "Und sieh mich bitte nicht so an! Ich bin nur dafür verantwortlich, die bösen Buben zu fangen. Für den Kerker sind andere zuständig. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Huber - Pater Ruprecht - ungestraft davon kommt."

"Immerhin haben wir sein Geständnis auf Video!"

"Nun ja..." Sie wusste, was es wert war. Nicht viel. "Ich will dich nicht entmutigen, aber solch ein Geständnis..., also, das wird ein geschickter Verteidiger leicht zerpflücken können!"

"Was zum Teufel brauchen wir denn noch? Du weißt doch, wie schwer es der Anklage fällt, glaubwürdige Zeugen zu finden!"

"Ja, ich weiß. Er wird sich herausreden wollen. Alles nur Hirngespinste einiger Jungen, die seinen Unterricht nicht mochten! 'Herr Vorsitzender, WER macht schon gern Latein?', wird er sagen. Oder so etwas in der Art. Und sein Geständnis, das wir oben im Turm aufnehmen konnten, als übertriebene Theatralik darstellen. Er habe halt einfach das gesagt, was du hören wolltest!"

"Ach, Scheiße! Aber ich werde gegen ihn aussagen!"

"Hast du Beweise? Sei nicht naiv, Klaus! Weißt du, deshalb bin ich eigentlich ganz gern in der Mordkommission!"

Klaus war weitergegangen, blieb jetzt aber stehen und hielt Ingeborg fest. Kalter Wind fuhr unter seinen Rock; hätte er doch eine dickere Strumpfhose anziehen sollen? "Weshalb, Ingeborg? Wie kann man gern mit Leichen zu tun haben?"

"Ganz einfach, weil sie da sind! Sie lassen sich nicht weg interpretieren! Die Anklage hat einen sehr triftigen Grund, gegen jemanden vorzugehen. Und ganz egal, wie lange es schon her ist! Mord verjährt nicht!"

"Ja, ich weiß. Die Auschwitz-Prozesse damals. Man hatte Angst, die Nazimörder von damals könnten sich ihrer Strafe entziehen, würde Mord nach den üblichen 20 Jahren verjähren. Also hatte man das abgeändert. Schade also, dass wir keine Leiche haben!" Sie waren weitergegangen. Schon hatten sie die kleine Kirche erreicht. "Komm, wir sind da. Können ja ein andermal darüber sprechen. Bin gespannt, was wir heute lernen sollen!"

Ingeborg lachte. "Vielleicht das korrekte Knien? Dass der Messdiener sich dabei nicht auf seinen Allerwertesten setzt! So, wir sind da!"




Die Messdienerstunde, die sie zusammen mit einigen wenigen Kindern und Jugendlichen absolvierten, war wie immer. Sie hatten bereits mehrer Male teilgenommen, es wurde viel gezeigt und geredet und viel gelacht. Der Pastor höchstselbst hatte das Training übernommen, er hatte sich erfreut gezeigt, dass jetzt sogar eine Kriminalkommissarin ministrieren wollte. 'Endlich jemand, der mir hilft, die schwarzen Schafe einzufangen!', hatte er amüsiert bemerkt. Und hinzugefügt, dass er sie eventuell einmal um einen Gefallen bitten müsse.

Bis jetzt war alles in etwa so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Seltsam war allerdings, dass sie bis jetzt noch kein einziges Mal die Gewänder anziehen mussten, in denen Messdiener während der Messe vor den Altar traten. Das kommt erst zu Ostern, wenn es den feierlichen Einführungsgottesdienst gibt, hatte sie in Erfahrung gebracht. Nun gut, sie konnte warten.

Sie hatten ihre Jacken und Mäntel angezogen und wandten sich zum Gehen, als der Pastor noch einmal auf sie zukam. "Frau Wimmer? Hätten Sie einen Augenblick Zeit?"

Ingeborg Wimmer hatte Zeit. Es war Samstag Nachmittag, es lag nichts an. "Aber sicher doch. Was kann ich für sie tun?"

"Frau Wimmer. Ich habe große Probleme mit den Aufgaben, die auf meinen Schultern liegen. Sie wissen, dazu gehören auch Besuche im Krankenhaus und in manchen Fällen auch Hausbesuche: Nicht jeder, der Probleme hat, geht damit zur Polizei. So mancher arme Sünder kommt auch zu mir, oder ich zu ihm. Und glauben Sie mir bitte, wäre dem nicht so, würden viele früher oder später bei ihnen landen!"

"Ja, das glaube ich gern. Sicherlich tun Sie in der Richtung mehr, als ich tun kann. Wo also drückt der Schuh?"

Der Pastor kam gleich zur Sache. Ich brauche jemanden, der sich um die Kirche kümmert! Zumindest um das Absperren abends, an einigen Tagen in der Woche. Nicht immer, aber es kommt halt vor, dass ich selber verhindert bin. Und heute bin ich es. Ich müsste dringend zu einem Gepräch...!"

"Können Sie nicht einfach so lange abschließen, bis Sie wieder da sind? Zur Abendmesse dann? Also in etwas über einer Stunde?"

"Nein. Nein, das geht nicht. Wissen Sie, ich werde pünktlich zur Messe zurück sein. Aber es gibt immer einige Leute, die gern schon eine halbe Stunde eher kommen. Und auch die Messdiener möchten ungern vor verschlossener Tür stehen." Seine Stimme drückte Enttäuschung aus. "Aber, wenn es nicht geht, dann geht es halt nicht...."

"Doch, doch, natürlich geht es! Nicht wahr, Barbara? Du hast doch auch nichts vor, oder? Also, kein Problem, Herr Pastor. Natürlich machen wir das! Sie wissen doch, die Polizei dein Freund und Helfer! Also, gehen Sie getrost, wir halten Wache!!"



Sie waren allein. Der Pastor hatte die Beleuchtung ausgeschaltet, ihnen aber erklärt, wo sie sie wieder anschalten könnten. Sie könnten solange in der Sakristei Platz nehmen, sollten aber auch die Kirche nicht unbeobachtet lassen.

"Und jetzt??"

"Weiß nicht. Rumgucken vielleicht? Klamotten anprobieren?" Klaus klang hohl. Wahrscheinlich nur wegen der schlechten Akustik in der Sakristei.

"Was für Klamotten denn?"

"Na, die Messdienersachen halt. Mal sehen, ob wir etwas in unserer Größe finden!" Er hörte sich selber sprechen. Warum laufe ich nicht einfach davon? Hinaus in die schwarze Nacht? Hinunter zur Luitpoldbrücke, sein letzter Blick würde dem leuchtenden Friedensengel gelten und dann....

Ingeborg stand auf. Öffnete einen der vielen Schränke. Schwarze Talare, nach Größe geordnet. Öffnete eine weitere Schranktür, weiße Rochetts. Sie griff danach, befühlte den festen Stoff. Stoff, der einen Hauch von Weihrauch ausströmte. Sie merkte, wie ihr Herz schneller schlug. Soll ich wirklich??

"Das hier müsste dir passen!" Barbara hielt ihr einen Talar entgegen. "Komm, probiere ihn mal an. Und dann das hier!" Sie suchte nach einem passenden Rochett.

Ingeborg hatte sich den Moment anders vorgestellt. Öffentlicher, nicht so intim wie hier und jetzt, in der stillen Sakristei, mit Barbara. Sie zog die Sachen an, sah sich nach einem Spiegel um, es gab keinen. Barbara zupfte die Kleidung etwas zurecht. "Und? Wie sehe ich aus? Gefalle ich Dir? Was soll ich jetzt tun?"

Ich bin im falschen Film!, dachte Klaus. Das alles hier konnte, nein, durfte nicht sein!! Ist Barbara so stark, dass ich jetzt wieder hier bin? Es gab eine kleine Kniebank vor einem Kruzifix. Klaus suchte nach Streichhölzern, fand sie in einer Schublade, entzündete die beiden Kerzen neben dem Kruzifix. Dann löschte er das Licht. "Komm, knie dich hin!" Mit sanftem Druck schob er Ingeborg hinüber zur Kniebank. Sie kniete sich hin. Er stand hinter ihr, legte seine Hände um ihren Hals, bückte sich, tastete weiter abwärts. Fand die sanfte Wölbung ihrer Brust. Kein stählerner BH. Er vergaß Zeit und Raum.

Sie sackte unter seinen Händen weg. Und fing an zu lachen. "Puh, das ist aber ganz schön spooky! Und anstrengend, so lange so gerade zu knien. Viel länger halte ich das so nicht aus!" Sie versuchte aufzustehen, aber er drückte sie weiter nach unten.

"Manchmal kann man es sich nicht aussuchen!" Er lockerte seinen Griff. "Es gibt....." Er sprach nicht weiter.

Ingeborg stand auf. Wann hatte sie zuletzt in einer Bank gekniet? "Es gibt.... was?"

"Nichts."

"Willst du dich nicht auch umziehen, Messdienerin Barbara?" Sie sah seine Verwandlung augenblicklich. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren; selbst hier, im flackernden Kerzenlicht, konnte sie es erkennen. "Was ist Klaus? Ist dir schlecht? Vielleicht möchtest du etwas an die Luft gehen? Komm, ich ziehe mich eben wieder um, dann gehen wir mal raus!"

Kalter Schweiß brach ihm aus. Klaus schloss die Augen, alles drehte sich. Er hielt sich an Ingeborgs Arm fest. Er brachte keinen Ton heraus, sein Hals war wie zugeschnürt. Dann hörte er es wieder: 'Messdienerin Barbara! Du hast Mist gebaut und in der Kirche mit deinem Handy telefoniert. Das trägt dir jetzt eine Stunde auf der Strafbank ein. Los, mitkommen, und kein Wort mehr!' Seine Hand zitterte.

"Soll ich ein Glas Wasser holen? Mensch, Klaus, du siehst ja aus, als wäre dir der Leibhaftige über den Weg gelaufen!" Ingeborg zögerte. Sie wollte sich die Messdienerkleidung ausziehen, aber Klaus hielt sie fest.

"Nicht! Es geht schon wieder. Nur ein kleiner Schwächeanfall...., Hunger...., ja, es muss Hunger sein, habe seit heute früh nichts mehr gegessen." Er wollte sich abwenden, wollte es damit gut sein lassen, aber er hörte sich weiterreden: "Komm, Ingeborg, komm mit. Ich muss dir etwas zeigen! Nein, lass es an. Du kannst es nachher ausziehen.... Komm jetzt!" Er griff fester zu, öffnete die Tür in den dunklen Kirchraum. Nur das Ewige Licht vorn am Altar warf etwas diffuses Licht in den großen Raum, kaum waren ihre Schatten auszumachen, als sie durch den Mittelgang nach hinten liefen.

"Hier! Sie ist hier, in der kleinen Anbetungskapelle..."

Ingeborg zögerte. Ihr war leicht unheimlich zumute. Sie hatte die kleine Kapelle bisher kaum wahrgenommen. "Was ist hier, Klaus? Oder WER ist hier??"

Er achtete nicht auf ihre Worte, die wiederum von einer ganz anderen Stimme überlagert wurden. 'Los, Messdienerin Barbara, hinknien, die Beine nach hinten in den Block und die Hände vorn in das Brett!' "Komm, ich zeige es dir! Hab keine Angst!"


Ingeborg schauderte. Sie hatte es schon einige Male in ihrem Berufsleben gehört, dieses hab keine Angst! Und sie wusste, es wurde nur in Situationen gesagt, wo jeder normale Mensch Angst haben musste. Sie blieb stehen, aber Klaus drängte sie weiter, bis in die vorderste der wenigen Kniebänke, die hier vor einem kleinen Altar und einem Blechtisch mit mehreren flackernden Kerzen standen.

"Hier, Ingeborg. Die alte Messdienerstrafbank!"

Ingeborg sah nichts. Das zuckende Irrlicht der Kerzen sorgte für einen schnellen Wechsel aus Licht und Schatten. "Was denn? Ich sehe gar nichts. Kannst du nicht Licht machen?"

Wie auf Kommando wurde es plötzlich heller in der Kirche. "Ja, so ist es besser! Also, was erzählst du mir da für komische Geschichten? Eine Strafbank? Für Messdiener? Was soll das denn??"

Klaus hatte gar nicht registriert, dass das Licht angegangen war. Was geschieht hier mit mir?, dachte er. "Hier! Siehst du, hier in der Mitte der Sitzbank, dieses etwas lose Teil? Es kann gedreht werden."

Ingeborg bückte sich. "Au! Da sind ja ganz spitze Stacheln auf der Unterseite!" Sie versuchte, es zu drehen. "Ich kann das nicht drehen. Es ist irgendwie fest. Aber sag mal, was soll dieses seltsame Ding? Und wieso eigentlich weißt du davon?" Sie versuchte es noch einmal, sah dann aber einige sehr lange Schrauben, die von mehreren Seiten so in die Bank geschraubt waren, dass es fest arretiert war.

Klaus erklärte ihr den Mechanismus. "Siehst du, hier unten ist so ein Brett, an dem können deine Füße festgemacht werden. Und hier vorne - er ging auf die Vorderseite der Bank - hier vorne ist ebenfalls so ein Brett. Man konnte es früher hochklappen und damit dann die Hände fesseln."

Ingeborg blickte skeptisch. "Das verstehe ich nicht. Du meinst also, man musste sich hier hinknien und wurde dann praktisch so, mit diesen Dingern da, an die Bank gefesselt. Aber das mit der umklappbaren Sitzbank kapiere ich nicht. Wenn die umgeklappt wurde, also dann...." Sie verstummte und biss sich auf die Lippe.

"Genau. Ich sage dir, das war eine ziemlich schmerzhafte Sache!"

"Klingt ja fast, als hättest du mal das Vergnügen gehabt."

"Man hat mir davon erzählt. Diese Bekannte von mir..."

"... die mal Messdienerin war!", ergänzte Ingeborg seinen angefangenen Satz. "Wer ist die Frau? Hat sie einen Namen?

Hatte er seine Stimme im Griff?? Zitterte sie leicht, als er weitersprach? "Monika. Eine Nachbarstochter. Sie... sie hat mir davon erzählt."

"Sie war hier Messdienerin?? Warum hast du mir nie von ihr erzählt? Und was macht sie jetzt? Ist sie - sie zögerte leicht - ist sie ein Kind?" Klaus und Monika? Hatte er auch schon angefangen....?

"Nein, sie ist ein Jahr älter als ich. Ist wohl dabei, zu ihrem Vater in Australien auszuwandern."

"Ah! Aber sie hat das hier wohl nicht selber erlebt, oder? Das sieht mir mehr nach finsterem Mittelalter aus! Das muss echt schlimm sein, wenn man hier sitzen soll!"

"Knien, Ingeborg. Sitzen kann man da nicht. Das ist ja Sinn der Sache! Monika hat...." Ein lauter Glockenschlag übertönte seine Antwort. Sofort darauf setzte ein bescheidenes Geläut ein, welches zur Abendmesse rief.

Sie hörten die Schritte nicht, die sich ihnen näherten. "Barbara? Frau Wimmer? Sind Sie hier?"

Ingeborg erschrak. Sie beeilte sich, aufzustehen; diese seltsame Strafbank würde sie ein andermal genauer untersuchen. Zusammen mit Klaus eilte sie zurück ins Kirchenschiff, wo ihnen der Pastor entgegenkam.

"Oh, Frau Wimmer....!" Er blieb überrascht stehen. "Wie ich sehe, konnten Sie es bis zur richtigen Aufnahme gar nicht mehr abwarten! Aber ich muss sagen, die Messdienersachen stehen Ihnen hervorragend! Wie vom besten Pariser Schneider!" Er lachte ein wenig über seinen platten Witz. "Ja. Es hat doch nicht so lange gedauert, wie ich vorher glaubte."

Wimmer bemerkte plötzlich, dass in einigen Bänken bereits erste Leute saßen. In der Mehrzahl alte Leute. Nur ein Mann Anfang Fünfzig war dabei. Gemeinsam eilten sie durch einen Seitengang zurück in die Sakristei.

Der Pastor blickte beunruhigt auf seine Uhr. "Wo bleibt er denn bloß? Er sollte doch schon längst hier sein!"

Ingeborg hatte die Unruhe des Pastors bemerkt. "Fehlt jemand? Gibt es Probleme? Der Organist?"

"Der Organist?? Nein, der kommt schon lange nicht mehr zur Abendmesse. Der steht ja selber bereits vor dem Umzug ins Altersheim. Und glauben Sie bitte nicht, dass ein jüngerer einfach so zu bekommen wäre! Wissen Sie - er beugte sich etwas näher an sie heran - es gibt bereits Gemeinden, wo eine mechanische Apparatur die Orgel bedient! Wirklich! Man sollte es kaum glauben.... eine Maschine, die 'Großer Gott wir loben dich' spielt! Furchtbar! Nein, der Junge, der heute Abend Messe dienen sollte, kommt mal wieder nicht. Also, auf die Messdiener ist heutzutage auch kein Verlass mehr..." Entmutigt ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen. Ingeborg stand vor ihm; er tat ihr leid.

Der Pastor schien einen Moment über seine Schuhe nachzudenken, dann blickte er unvermittelt auf. Sein eben noch so trostloser Blick hatte sich verändert. "Sagen Sie, Ingeborg, könnten Sie eventuell...??"

"Ja? Soll ich mal nachsehen, ob der Junge nicht bald kommt?"

"Nein." Er schüttelte heftig den Kopf. "Der wird nicht mehr kommen. Entweder eine Viertelstunde vor Beginn der Messe, oder gar nicht. Und jetzt ist es schon fünf Minuten vor! Nein. Vergessen Sie den Jungen! Könnten Sie nicht gleich für ihn einspringen? Eingekleidet sind Sie ja schon!"

Sie brauchte einen Moment, bevor sie es kapierte. Sie sollte hier und jetzt...?? Sie nickte. Jetzt also schon, dachte sie, und spürte wie ihr Herz etwas schneller schlug.

Dem Pastor huschte ein dankbares Lächeln über sein Gesicht. "Und Sie, Barbara? Kann ich auch mit Ihnen rechnen?"

Klaus trat erschrocken einen Schritt zurück. Was zum Teufel tue ich hier eigentlich?? "Nein," stotterte er. "Es tut mir leid. Ich.... ich kann nicht. Habe noch etwas Wichtiges vor!" Er schnappte sich seine Jacke, machte sich nicht einmal die Mühe, sie noch anzuziehen, dann war er auch schon verschwunden.


München, Mitte März

Evelyn Kasulke machte sich Sorgen. Seit Wochen hatte sie nichts mehr von Klaus gehört. Von Barbara einmal ganz zu schweigen. Sie erinnerte sich ungern an jenen Vorfall vor einigen Wochen.
Man hatte sie an einem Samstagabend zu einem verunglückten Radfahrer gerufen, der mit seinem Fahrrad zu Fall gekommen war und sich wahrscheinlich den Knöchel gebrochen hatte. Sie hatte den Rettungswagen so abgestellt, dass das Unfallopfer im Lichtkegel der Scheinwerfer zu liegen kam. Und wie immer hatte sie zu allererst an die Sicherung der Unfallstelle gedacht. um sich dann um die Versorgung des Mannes zu kümmern.
Glockenläuten von der kleinen Kirche ganz in der Nähe hatte eingesetzt, dann hatte sie schnelle Schritte gehört, eine Frau kam in hohem Tempo gelaufen, noch im Vorbeijagen zog sie sich ihre Jacke an. Und schon war sie auch wieder weg gewesen. Barbara?
Es war alles viel zu schnell gegangen. Außerdem musste sie sich um ihre Arbeit kümmern. Sie und ihr Kollege hatten Wichtigeres zu tun, als jemand hinterherzulaufen.

Erst als sie Stunden später daheim zur Ruhe kam, erinnerte sie sich des Vorfalls. Quatsch, du hast Gepenster gesehen, Evelyn! Wieso sollte es Barbara gewesen sein? Und dennoch, es war das Viertel, in dem Klaus wohnte. Sie wusste, er hatte das Haus seiner Großmutter geerbt. Sie schmunzelte etwas, als sie daran dachte, unter welchen Umständen sie ihn dort kennen gelernt hatte. Die alte Dame hatte sich etwas gebrochen, war wohl eine steile Kellertreppe hinabgestürzt und Klaus hatte die Rettung angerufen. Und dann war da kein Klaus, sondern Barbara, sein weibliches alter ego, die sie erwartete. Sie selber hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es besser sei, er würde als Angehöriger seinen richtigen Namen angeben, denn seine angenommene Rolle als Frau hatte sie schnell durchschaut.

Nicht durchschaut hatte sie, nachdem sie sich näher kennen gelernt hatten, warum genau er immer wieder in diese Rolle zurückfiel. Erst Gertrud, die ältere, noch lebende Schwester seiner Großmutter, hatte etwas Licht ins Dunkel bringen können. Sie hatte ein jahrelang gehütetes Geheimnis gelüftet, das so furchtbar war, dass sie es am Anfang als reinen Quatsch abgetan hatte. Nun waren alle schlauer.

Instinktiv aber spürte sie, dass etwas aus dem Lot gekommen war. Sie konnte den Finger nicht darauflegen, aber es kam ihr so vor, als würde Klaus im Moment vor Barbara davonlaufen. Auch wenn dies ihrer Meinung nach völlig unmöglich war. Aber was zählte schon ihre Meinung in diesen Dingen?
Sie hatte in letzter Zeit eine etwas ruhigere Arbeit gehabt. Mit dem fast gleichzeitigen Ende von Fasching und Eis und Schnee hatte sich die Zahl der Unfälle fast halbiert. Und so hatte sie mehrmals bei Klaus angerufen. Einem Treffen war er bis jetzt stets ausgewichen. Und zu Fragen nach Barbara schwieg er. Nur einmal hatte er, in einer Mischung aus Trauer und Wut, sie heftig angefahren: 'Es gibt keine Barbara mehr!'

Sie verstand, was er sagen wollte. Aber sie verstand auch, dass er unbewusst noch etwas ganz anderes gesagt hatte: 'Es gibt keinen Klaus mehr!'

% % %

Er war davongelaufen. Seit Tagen, ja seit Wochen machte er gar nichts anderes mehr, als immer nur wegzulaufen. Fort, nur fort von allem!! Aber er musste auch feststellen, dass der Mensch, und liefe er einmal um die ganze Welt herum, am Ende wieder an seinem Ausgangspunkt ankam. Back to the roots!, dachte er. Seine Wurzeln! Aber wo genau waren diese? War es möglich, die ganze Scheiße, die ganze Verzweiflung mit den Wurzeln auszureißen?

Er hatte längst gemerkt, dass seine Kräfte nachließen. Seit Tagen hatte er keine Lust mehr, ans Telefon zu gehen. Es waren sowieso immer nur zwei Nummern, die er auswendig kannte: Ingeborg und Lyn. Hatte er nicht alles gesagt, was er sagen konnte? Aber wie war es mit den Dingen, die er nicht sagen konnte? Weil er es nicht einmal wagte, sich die wichtigen Fragen zu stellen?
Ein Blick in den Spiegel ließ ihn erschrecken. Konnte man wirklich so schnell abgleiten? Zwei Wochen lang nicht rasiert und wenig gegessen und viel zu wenig geschlafen?
Sterben, dachte er. Es wird nur ein Schritt sein, dann bist du bei all den anderen, die schon dort sind.... im Jenseits.... Namen flogen wieder einmal durch seinen Kopf.... Daniela; Oma Gretl, der alte Pastor Flemming, Lenchen, seine Schwester.... Nein! Erschrocken fuhr er hoch. Lenchen gehörte nicht dazu! Sie brauchte ihn, sie wartete auf ihn - oder nicht!

Der Gedanke an seine Schwester belebte ihn. Er ging ins Bad, kramte sein Rasierzeug hervor, duschte anschließend und föhnte sich die Haare. Zum Glück fand er noch saubere Sachen in seinem Schrank; er würde wohl doch bald wieder Wäsche machen müssen. Ein schneller Blick in den Kühlschrank überzeugte ihn davon, dass er auch bald wieder einkaufen müsste. Ein Glück, dass es ihm nicht an Geld mangelte.



Schwarze Wolken begleiteten seinen Weg durch die Stadt. Hoffentlich blieb es trocken, denn seine Kleidung war nicht besonders wetterfest. Schon gar nicht wenn er mit dem Roller unterwegs war. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er das hübsch im Grünen gelegene Heim erreicht hatte.

Freundliches Lachen seitens des Pflegepersonals empfing ihn. Wie schon am Tag nach Weihnachten musste er wieder heftig schlucken, als er seine Schwester in ihrem Zimmer besuchte. Und wieder kämpfte er mit der Erkenntnis, dass menschliches Glücksempfinden nicht von der Stärke des Geistes abhängig war. Den Unterschied zwischen fossilen Energieträgern und erneuerbarer Energie würde er mit ihr nie diskutieren können, aber da war etwas, was ihn selbst an diesem Gedanken zweifeln ließ.
Sie freute sich wieder wie ein kleines Kind .... mein Gott, sie ist ein kleines Kind! .... sagte wieder 'Laus helfen!' und freute sich, als er ihr aus einem kleinen Bilderbuch vorlas. Eine Geschichte mit einem kleinen Mädchen. 'Ena!', sagte sie, zeigte auf das Kind und lächelte. Ein Kind, das von zu Hause weggelaufen war. Als es auf der letzten Seite wieder in die Arme der besorgten Eltern fiel, da klappte sie, bevor er den Text lesen konnte, das Buch schnell zu und stopfte es mit einiger Vehemenz unter einen großen Bücherstapel. Mein Gott, sie erinnert sich!, dachte Klaus. Sie erinnert sich, dass sie von den eigenen Eltern misshandelt wurde!

Er blieb noch eine Weile bei ihr. Es tat ihm gut, ihr unbefangenes Lachen zu sehen. Als er sich von ihr verabschiedete gab sie ihm einen dicken Kuss. Sie begleitete ihn bis zu jener Tür, die immer verschlossen blieb. Eingesperrt, dachte er. Sie wird ihr Leben lang eingesperrt sein. Dann aber sah er, dass sie nicht eingesperrt war, sondern beschützt. Wäre sie damals nicht die Treppe hinabgefallen, und in der Folge in dieses Heim gekommen, die Eltern hätten sie am Ende tot geprügelt. Er trat hinaus ins helle Sonnenlicht. Eine erste Amsel sang ihre lockende Strophe in den frühen Abendhimmel. Das Leben würde weitergehen.
Als er seinen Roller anwarf, merkte er es deutlich, die neue Energie, die ihm dieser Besuch gegeben hatte. Er würde weiterlaufen. Aber nicht mehr weglaufen.





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MarioImLooker Volljährigkeit geprüft
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:11.12.17 09:48 IP: gespeichert Moderator melden


Auch wenn ich die Geschichte nicht gerade am 24. um 10 Uhr lesen würde, so würd ich mich echt auch über eine weihnachtliche Folge freuen. Irgendwann in der Woche werd ich sie mit Begeisterung verschlingen.
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AlfvM
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:11.12.17 10:32 IP: gespeichert Moderator melden


Hallo Daniela,
du könnest doch einen Teil am 23.12 u. ggf. einen weiteren am 25.12 hochladen, das wär dann genügend Lesestoff für die Feiertage für den der möchte und sofern du das willst und kannst.
LG Alf
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bd8888
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:12.12.17 16:27 IP: gespeichert Moderator melden


Hallo Daniela
Erst einmal danke für die neue Fortsetzung deiner Geschichte.
Wegen Weihnachten sehe ich eine Fortsetzung eher
als Weihnachtsgeschenk und wer nicht will, der kann
sie ja nach den Feiertagen lesen.
bd888
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:17.12.17 22:33 IP: gespeichert Moderator melden


Nur noch eine Woche bis zum Fest!! Herzlichen Dank den Lesern, die mir geschrieben und gute Argumente geliefert haben. Aber noch habe ich mich nicht entschieden.
Heute möchte ich einmal eine ganz andere Frage stellen. Ich möchte gern wissen, ob es eigentlich auch Frauen gibt, die Interesse an meiner langen Geschichte finden. Als Autorin würde mich dies schon sehr interessieren. Bitte, ich erwarte keine langen Berichte, ein kurzer Gruß genügt.

Ich möchte auch noch einmal klarstellen, dass mir jeder Gruß hier, auf dieser Seite, immer willkommen ist. Der anfangs angeführte Hinweis auf die Diskussionsseite war nur für tieferschürfende Kritiken, auch der ablehnenden Art, gedacht. Also, macht Eurer Daniela eine kleine Freude und meldet euch ab und zu. Immerhin liefere ich seit Jahren spannenden Lesestoff zum Nulltarif.

Vielleicht mag der eine oder andere auch ein paar Euro für das Forum spenden. Leider habe ich keinen Überblick über die finanzielle Lage, aber ich glaube gern, dass die Kassen immer leer sind.

Euch allen eine schöne vierte Adventswoche!!



München, Ende März

"Was ist los, Klaus? Hast du keine Lust mehr? Soll ich diese Sache jetzt ganz allein machen?" Endlich hatte Ingeborg wieder Kontakt zu ihm bekommen.

"Ja.... nein. Es ging mir nicht gut. Aber jetzt geht es schon wieder."

"Du machst also wieder mit?" Ingeborg wartete gespannt auf eine Antwort; sie kam nicht. "Klaus? Machst du wieder mit bei den Messdienern? Es war schließlich deine Idee gewesen. Du selber wolltest es doch so!"

"Barbara wollte es so, Ingeborg! Das ist ein Unterschied!"

"Ja.... und jetzt? Was willst du mir eigentlich sagen?"

Er schwieg wieder lange Zeit. "Sie will nicht mehr. Barbara will das jetzt nicht mehr! Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen!"

"Ach, das ist doch Blödsinn! Also ohne Barbara macht mir das auch keine Lust! Ich habe wahrlich besseres zu tun, als tausend Kniebeugen zu machen. Verbrecher fangen zum Beispiel!" Sie hatte etwas mehr Schärfe in ihre Worte gelegt; würde es ihn aus seiner Lethargie aufwecken?

"Thomas..." Er hatte keine Ahnung, warum er es gesagt hatte. Oder wo der Name so plötzlich herkam.

"Wer?" Ingeborg fragte sich, warum er plötzlich einen Namen nannte, den sie nie vorher gehört hatte. "Thomas?? Was für ein Thomas jetzt?"

Er dachte nach. Thomas, ein ehemaliger Mitschüler. Damals im Internat in Ettal. Thomas hatte den Stein ins Rollen gebracht. Sein Brief an den Bischof.... Klaus, wir müssen das Schwein fertigmachen, ehe es uns fertigmacht! Wir haben keine Wahl. Kämpfen, oder untergehen.... Und dann war er plötzlich von der Schule abgemeldet worden und er hatte nie wieder etwas von ihm gehört.
"Ein früherer Mitschüler vom Internat. Er war damals von der Schule genommen worden.... ich habe nie wieder von ihm gehört."

"Das soll ja wohl vorkommen! Ich habe auch lange nichts mehr von Barbara gehört!" Sie war gereizt, mochte diesen Themawechsel überhaupt nicht.

Klaus ging nicht darauf ein. "Ich dachte nur, vielleicht könntest du mal herausfinden, ob da was passiert ist! Du sitzt doch mit diesen Cold-case-Akten. Brauchst doch nur einmal seinen Namen einzugeben!"

Komisch, dachte sie, wie die Leute sich immer die Polizeiarbeit vorstellen. Total an der Realität vorbei. "Klaus, ich kann nicht einfach so Nachforschungen anstellen! Auf eigene Faust!" Sie merkte, dass es besser war, einen etwas versöhnlicheren Ton anzuschlagen. "Wie hieß er denn?"

"Aber mit dieser Pater Ruprecht Sache konntest du es doch auch! Und er hieß Thomas, sagte ich doch schon!"

Sie seufzte. "Ja, das war auch knapp am Rande der Legalität! Und nur Thomas ist schon ein wenig dürftig, findest du nicht? Nachname, Geburtsdatum, Wohnort.... oder was glaubst du, was mein Rechner sagt, wenn ich da nur Thomas eingebe?"

"Tut mir leid. Mehr habe ich nicht. Aber ich bin mir sicher, er würde sofort gegen das Schwein aussagen!"

"Ist er auch von diesem famosen Pater missbraucht worden?" Skepsis lag in ihrer Stimme.

Klaus zögerte. "Nein, ich glaube nicht. Irgendweshalb hatte Pater Ruprecht sich von ihm ferngehalten."

"Dann fällt er für uns doch sowieso aus. Ein Gericht möchte Opfer, wenigstens Augenzeugen. Nicht Leute, die von anderen was gehört hatten!" Sie ärgerte sich.

"Du kannst doch mal wieder in der Schule anrufen. Die haben es bestimmt irgendwo stehen, wie er mit Nachnamen hieß! Und wo er überhaupt herkam. UND sein Geburtsdatum...."

"Schon gut, schon gut! Nun beruhige dich mal!" Ihr kam ein Gedanke. "Aber dann musst du mir auch helfen, jemanden zu finden!"

"Und wen suchst du jetzt? Ich kenne doch sowieso niemanden!"

"Barbara, Klaus. Ich möchte Barbara wiederfinden! Und sie soll mit mir zusammen bei den Messdienern weitermachen! Wenn sie morgen Nachmittag zur Messdienerstunde kommt, dann werde ich am Montag mal da im Internat anrufen und sehen, ob ich diesen Thomas für dich ausfindig machen kann. Ja?" Ihr schlug das Herz bis zum Hals. "Also dann bis morgen Nachmittag.... Barbara...." Das letzte Wort hauchte sie so leise, dass sie es selber kaum hören konnte. Dann beendete sie das Gespräch.

% % %

Er hatte sich rasiert und war frisch geduscht. Dann aber hatte ihn alle Energie schlagartig verlassen. Jetzt stand Klaus in seinem Schlafzimmer, unschlüssig, was er tun sollte.
Es war Samstagnachmittag. Nur noch zwei Stunden! Warum konnte er nicht einfach so gehen, so wie er war. Klaus, nicht Barbara. Und warum hatte Ingeborg alles von Barbaras Erscheinen abhängig gemacht? Er konnte keine Entscheidung treffen. Oder will ich mich nicht entscheiden?

Der Stundenschlag der großen Standuhr hallte durch das leere Haus. Früher, als seine Oma noch lebte, hatte er ihn nie so deutlich wahrgenommen, da hatte es immer Leben im Haus gegeben. Und jetzt? Nur noch Tod??
Der Besuch bei seiner Schwester hatte ihn unerwartet mit neuer Energie versehen, alles schien plötzlich hell und klar, für einen Moment hatte er geahnt, welchen Weg er würde gehen müssen. Aber dann hatte ihn die Wirklichkeit wieder eingeholt. Seine Wirklichkeit, und die von Barbara. Hatte er sich nicht vorgenommen, nicht mehr wegzulaufen? Aber vor wem lief er eigentlich weg? Vor sich, oder vor Barbara??

Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Wieso hatte sich so vieles verändert, seit er die ganze Wahrheit über seine Schwester erfahren hatte? Sie war der Schlüssel zu seinem Gebahren, zu seinem Phantasieprodukt. Barbara hatte er sie genannt! Stimme das überhaupt? Er erinnerte sich schwach an Monika. 'Wir müssen einen anderen Namen für dich suchen! Wie wäre es mit Barbara? Der Name ist zwar furchtbar, aber da gibt es kein vertun. Nicht? Du meinst, er passt nicht zu dir? Hm...' Nein, er hatte sich den Namen wirklich nicht ausgesucht. Gab es nicht schönere Mädchennamen? Aber letzten Endes hatte er sich auch daran gewöhnt. Immerhin hatte seine Unterwerfung unter Monikas Dominanz einer latenten Schwäche bei ihm zum Ausdruck verholfen.

War es anfangs noch der reinste Horror, fühlte er sich ständig angegafft und beobachtet, so entdeckte er doch bald, dass Barbara ihm sogar Spaß bereiten konnte. Es war lustig, im Sommer mit wehendem Petticoatrock durch die Straßen zu laufen und so manchen Pfiff zu hören, der sicherlich ihm galt. Nein: ihr, verbesserte er sich. Ihn hatte es lange gar nicht mehr gegeben!

Ingeborg wollte Nachforschungen anstellen. Aber nur, wenn er wieder mitmachen würde, und nur, wenn er als Barbara mitmachen würde! Habe ich überhaupt eine Wahl?, fragte er sich.
Mechanisch leerte er den kleinen Beutel, in dem er Keuschheitsgürtel und -BH aufbewahrte. Das Metall war kalt, als es seinen Körper berührte. Kein Wunder, denn er heizte wenig in seinem Schlafzimmer. Sein schlaffes Glied ließ sich problemlos in die enge Röhre einführen, gekonnt verband er die einzelnen Teile miteinander, setzte das kleine Schloss am Taillenreifen ein und schloss es ab.
Der BH war wie immer eine dämliche Fummelei, er brachte die breite Kette über seinen Kopf, griff hinter sich nach den stählernen Halbschalen, führte sie nach vorn um seinen Oberkörper herum, dann führte er sie über den Stift der kleinen Platte, die vorn herabhing; auch hier setzte er ein Schloss ein und verschloss es. Ein Schloss, zu dem er keine Schlüssel hatte, wie auch zu seinem Keuschheitsgürtel.

Klaus stand ein wenig da, wie ein begossener Pudel. Ist es das, was du willst? Fühlt es sich gut an? Macht es Spaß?
Er wusste es nicht. Nein, er wusste nicht, ob es das war, was er wirklich wollte. Oder ob es sich gut anfühlte. Spaß machte es auf jeden Fall nicht.

% % %

Ingeborg blickte nervös auf ihre Uhr. Sie war rechtzeitig zur Messdienerstunde gekommen, einer der letzten, bevor die offizielle Aufnahme stattfinden sollte. Obwohl sie bereits den perfekten Fehlstart hingelegt hatte! Bereits zweimal hatte sie abends einspringen müssen; es machte ihr nichts aus, so kam sie unter Menschen; es war allemal besser, als nur zu Hause seinen Gedanken nachzuhängen.
Würde Klaus kommen? Nein, falsch! Würde Barbara noch kommen? Sie brauchte Barbara, brauchte hier, in dieser Kirche, jemanden, mit dem zusammen sie ihren Plan würde ausführen können. Sie wollte unbedingt ausprobieren, ....

Die schwere Tür zur Sakristei wurde aufgestoßen. Herein kamen der Pastor und Barbara, mit der er sich scheinbar einmütig unterhielt. "....ja, aber das kann doch jedem mal passieren! Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, Barbara! Auf jeden Fall ist es schön, dass Sie jetzt wieder dabei sein können. Sie werden sehen, wirklich viel haben Sie die letzten Male nicht versäumt..." Er warf einen verschmitzten Blick in die kleine Runde - neben Ingeborg waren auch drei Kinder zum Unterricht erschienen - dann fuhr er lachend fort: "....höchstens einige wirklich gute Witze und ein paar Negerküsse - oh! das darf man wohl nicht mehr sagen??" Er setzte eine Unschuldsmine auf, begab sich dann nach nebenan und traf einige Vorbereitungen für die Stunde.

"Schön, dass du gekommen bist, Barbara!" Ingeborg sandte Klaus einen dankbaren Blick. Aber sie merkte sogleich, dass er ihr auswich.

"Klaus!" Er sagte es sehr leise; die Kinder sollten es besser nicht hören.

"Ja. Okay. Alles wird gut! Und am Montag werde ich mal einige Nachforschungen anstellen." Sie kamen nicht mehr dazu, sich einmal auszusprechen. Ingeborg beobachtete Klaus, oder doch Barbara, sie trug einen schicken Pullover, dazu einen schlichten Jeansrock. Alles schien wie immer. Oder doch nicht??

Die Stunde verlief wie im Fluge. Und anschließend bat der Pastor Ingeborg wieder einmal, ob sie noch bis zur Abendmesse bleiben könnte.

"Bleibst du auch, Klaus?" Sie hatte ihn leise gefragt. Er aber hatte wie durch sie hindurchgeblickt. Und den Kopf geschüttelt. "Kommst du heute Abend noch zu mir? Ist lange her, dass du mal bei mir warst..." Aber Klaus hatte nicht reagiert. Und war gegangen. Mein Gott, was ist bloß mit ihm los? Er wird Hilfe brauchen, sonst geschieht am Ende noch etwas Schlimmes.

Wieder war es dunkel und still geworden in der Kirche. Sie war allein. Als niemand mehr da war schlüpfte sie wieder in die Messdienergewänder, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg in die kleine Seitenkapelle.


% % %

Er hatte es schlichtweg vergessen! Der BH! Dieser verdammte BH. Mit diesem Ding auf seiner Brust hatte er keine Wahl.... Klaus oder Barbara, das war plötzlich keine Wahl mehr. Er fluchte leise vor sich hin. Ingeborg würde sich freuen, wenn Barbara zu ihr käme! Keine Frage! Aber da war etwas, was einfach nicht mehr ging...

Er legte seine Hände auf die beiden Stahlkugeln, die so prominent seine männliche Brust zierten. In seinem Falle bewirkte der Keuschheits-BH etwas ganz anderes, als bei einer richtigen Frau. Mochte eine Frau fühlen, dass ein wichtiger Körperteil unerreichbar geworden war, so war es bei ihm so, dass er einen wichtigen Körperteil nicht mehr verstecken konnte - einen wichtigen weiblichen Körperteil! Früher oder später müsste er Ingeborg besuchen, sie um die Schlüssel bitten. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Noch einmal versuchte er, die stählerne Last irgendwie abzustreifen; es war zwecklos. Und plötzlich spürte er, weiter unten, ein Verlangen, ein Feuer, an das er schon lange nicht mehr geglaubt hatte. Seine Hand wanderte in seinen Schritt, suchte nach dem, was ihn zum Mann machte, aber da war nichts, kein pochendes, hartes Glied, nur der harte Stahl, der sein Geschlecht umfangen hielt.

Er wunderte sich, wie schnell es weiter bergab ging. Hatte er in den letzten Wochen den initimen Kontakt zu Barbara bereits verloren, so drohte ihm jetzt auch Klaus zu entgleiten.


% % %

'Und was kann ich diesmal für Sie tun?', hatte sie der Verkäufer im Baumarkt gefragt. Sie hatte sich ob der etwas seltsamen Eröffnung eines Verkaufsgespräch gewundert, bis ihr endlich eingefallen war, dass sie bereits im Spätsommer an denselben jungen Mann geraten war, als sie nach geeignetem Werkzeug suchte, um ihre stählerne Unterwäsche loszuwerden.
Diesmal lagen die Dinge anders. Diesmal wollte sie keine Kneifzange, auch keine Blechschere, sondern nur einen Akkuschrauber. Einen kräftigen Akkuschrauber, hatte sie gesagt. 'Oder soll es nicht doch besser ein Presslufthammer sein, gnädige Frau?', hatte er scherzhaft nachgefragt. Nein, ein Akkuschrauber genügte vollkommen. Sie fand einen, der solide genug aussah, aber auch klein genug für die Handtasche schien, dann hatte sie bezahlt und war gegangen.

Mit dem Ding würde es bestimmt gehen! Aber nur, wenn Barbara mitmachte! Sie musste ganz einfach mitmachen, dachte Ingeborg...


München, Anfang April

"Frau Wimmer! Aber natürlich erinnere ich mich an Sie! Was kann ICH für Sie tun??"

Gott, habe ich ein Glück!, dachte Ingeborg. Wieder diese furchtbare Sekretärin! Sie hatte es endlich geschafft, die Nummer des Internats zu wählen. Etwas verspätet, wie sie hatte zugeben müssen. Und auch nicht, ohne Druck von Klaus bekommen zu haben. Er hatte sie besucht, trug immer noch Barbaras Sachen. Hatte dagesessen wie ein Häufchen Elend, ihre Annäherungsversuche abgewehrt, kaum etwas gesagt. Sie hatte ihn aufschließen müssen, hatte ihm Keuschheitsgürtel und -BH abgenommen; beide Teile hatte er bei ihr zurückgelassen, als er wieder gegangen war. Etwas erleichtert, wie ihr schien, aber keineswegs glücklich.

Er hatte ihr Vorwürfe gemacht. "Und warum hältst du deinen Teil der Verabredung nicht ein, wenn ich meinen gehalten habe?"

Sie hatte sich mit stressiger Arbeit entschuldigt. Gesagt, dass es ihr leid täte. Und dass sie es bei Gelegenheit erledigen wollte. Und hatte es dann wieder vergessen.

"Sind Sie immer noch auf der Suche nach diesem Pater von damals? Ein Glück, dass ICH Ihnen helfen konnte!" Die Sekretärin legte eine Kunstpause ein, legte dann sogar noch nach. "Nicht wahr, Frau Kommissarin?"

Ingeborg Wimmer merkte förmlich, wie sich ihre Fußnägel bogen. Aber im Moment musste sie klein beigeben. "Ja. Ein Glück. Ohne ihre Hilfe hätten wir den Kerl nie bekommen!" Sie biss sich auf die Zunge. Verplapper dich nicht, Ingeborg! Was geht das diese blöde Kuh an? Um gar nicht erst weitere Fragen aufkommen zu lassen, fuhr sie hastig fort. "Nein. Ich bin auf der Suche nach einem ehemaligen Schüler. Er hieß Thomas."

Ein schlecht unterdrücktes Lachen war zu hören. "Thomas? Sagten Sie Thomas, Frau Wimmer? Ach, Thomas...." Pause.

"Ja! Sagt Ihnen der Name etwas?"

"Allerdings, Frau Wimmer! Allerdings...."

"Und, was, bitte?"

"Jeder zehnte Schüler heißt bei uns Thomas! Wann soll denn das gewesen sein?"

Ingeborg nannte ihr Klasse und Schuljahr. Beides wusste sie noch von ihren Ermittlungen gegen Pater Ruprecht.

"Hm, da müsste ich einmal nachrechnen. Dann müsste dieser Thomas ja hier in dieser Kartei zu finden sein. Jahrgang 2010, wissen Sie! Hm..... Thomas, sagten Sie? Nein, da hat hier kein Thomas Abitur gemacht. Leider, Frau Wimmer, werde ich Ihnen diesmal wohl nicht bei der Verbrecherjagd behilflich sein können. Was hat er denn ausgefressen?"

Ingeborg war für einen Moment irritiert. "Nein, tut mir leid, ich glaube, Sie haben mich missverstanden. Er hat bei Ihnen nicht das Abitur gemacht!"

"Oh!"

"Er war schon lange vorher von der Schule genommen worden. Ich möchte gern wissen, wie hieß dieser Thomas mit Nachnamen und wohin ist er gegangen?"

"Das möchte ich auch gern wissen, Frau Kommissarin. Der Polizei helfe ich immer gern!"

"Ja, dann schauen Sie doch bitte einmal in ihren Unterlagen nach!" Ingeborg ballte die Hand zur Faust. Lange würde sie sich nicht mehr beherrschen können.

"Das tue ich doch schon. Aber er ist hier nicht aufgeführt...."

"....weil er bei Ihnen kein Abitur gemacht hat! Ja, das habe ich ja kapiert. Aber in ihren andern Unterlagen...."

"Es gibt keine anderen Unterlagen! Tut mir leid. Wir archivieren immer nur die fertigen Abiturjahrgänge. Es gibt leider sehr viele Kinder, die nur vorübergehend bei uns zur Schule gehen. Oft müssen die Eltern für ein paar Jahre ins Ausland, dann werden die Kinder zu uns geschickt! Wissen Sie, wir sind eines der besten katholischen Internate in...."

"Ja, das glaube ich ja gern!" Hatte die wirklich keine Ahnung, was bei denen passiert war?? "Sagen Sie, letztes Jahr, da konnte ein alter Lehrer weiterhelfen. Vielleicht ließe sich das jetzt auch machen?"

"Kein Problem, Frau Wimmer. Ich tue, was ich kann..."

Ingeborg wartete auf mehr, aber mehr kam nicht. Im Geiste legte sie ihre Hände um den Hals dieser nervigen Sekretärin. "Danke. Ja, herzlichen Dank. Das tun Sie bestimmt. Also, bitte erkundigen Sie sich. Dieser Thomas ging damals in dieselbe Klasse wie Klaus Behrend, vielleicht hilft Ihnen das weiter. Und rufen Sie dann bitte zurück, ja? Es pressiert! Vielen Dank!"

Sie knallte ihre Faust auf den Tisch. Komische Schule! Und eine ziemlich anstrengende Sekretärin.




Ihr Telefon klingelte bereits keine Stunde später. "Frau Wimmer? Ah, gut. Also, wir haben Glück!"

Ingeborg wunderte sich. Wir? Wieso haben WIR jetzt Glück? "Na so ein Glück aber auch!" Etwas besseres fiel ihr schlichtweg nicht ein.

"Sagen Sie das nicht, Frau Kommissarin! War eine ganz schöne Detektivarbeit, das kann ich Ihnen sagen!"

"Toll, haben Sie gut gemacht!" Blöde Kuh, du kannst mich mal! "Also, was haben Sie denn nun herausgefunden?"

"Ja, also, das war wirklich kompliziert!" Wieder legte die Sekretärin eine Kunstpause ein. Aber diesmal tat die Beamtin ihr nicht den Gefallen. "Ich fragte in der Pause einige der anwesenden, älteren Lehrkörper, ob sie was wüssten."

Hatte sie wirklich 'Lehrkörper' gesagt?? "Ah, gut. Und was wussten die ... Körper?" Beinahe hätte sie laut aufgelacht.

"Leider Fehlanzeige! Frau Wimmer. Aber dann telefonierte ich mal etwas herum und erreichte einen ehemaligen Kollegen, der sich recht gut an diesen Thomas erinnern konnte. Thomas Weber hieß der Junge. Ja, die Eltern hatten ihn damals auf Anraten unserer Anstalt von der Schule genommen. Der Kollege erinnerte sich, es habe sich um einen schwierigen Charakter gehandelt, ein Junge, der sich nicht anpassen konnte oder wollte. Und der Kollege wusste sogar noch, aus welchem Ort der Junge stammte! Der Junge hatte ihm einmal eine Flasche mitgebracht und behauptet, es sei Bier. Und der Kollege hätte sich nach nur wenigen Schlucken geweigert, mehr davon zu trinken! Rauchbier! Stellen Sie sich das einmal vor, Frau Kollegin!"

Ob der Sekretärin dieses letzte Wort nur so rausgerutscht war, oder nicht, ließ Ingeborg Wimmer dahingestellt. Aber jetzt hatte sie einen Namen und einen Wohnort: Bamberg! "Bingo! Frau äh.... - wie hieß die Sekretärin eigentlich?? - Frau Kollegin. Und herzlichen Dank! Übrigens kenne ich das Zeug! Mein Fall ist das auch nicht! Sie haben mir wirklich weitergeholfen!! Was aber sonst mit dem Jungen wurde, das wissen Sie nicht zufällig?"

"Nicht wirklich. Der Kollege war sich nicht sicher, ob der Junge dann auf ein normales Gymnasium kam. Oder auf ein anderes Internat!"

"Nun gut. Ich werde es herausfinden. Noch einmal meinen herzlichsten Dank!" Sie beeilte sich, den Hörer aufzulegen. Jetzt hatte sie auf jeden Fall eine erste Spur.


% % %

Ostern näherte sich mit Siebenmeilenstiefeln. Längst hatte Ingeborg sich daran gewöhnt, den Dienst als Messdienerin auszuüben. Mehrere Male hatte sie zur Abendmesse aushelfen müssen. Es war wirklich nie etwas besonderes. Zum Schluss hatte es noch einige Übungsstunden gegeben; Auch Barbara war jedes Mal gekommen. Die gelassene Ruhe, die sie sonst ausgestrahlt hatte, war jedoch nicht mehr bei ihr zu finden.

Ingeborg hatte Klaus von ihrem Anruf in dessen früherem Internat berichtet. Er hatte sich zufrieden gezeigt, gleichzeitig aber auch bemängelt, dass sie mit ihren Nachforschungen noch nicht weitergekommen war.
Wieder hatte sie das Problem, dass sie nicht einfach auf eigene Faust arbeiten konnte. Natürlich hatte sie ihr eigenes Computersystem nach Thomas Weber befragt, aber Bamberg war eine andere Polizeidirektion, deren Daten nicht so ohne weiteres einzusehen waren. Und wer sagte überhaupt, dass der Junge jemals nach Bamberg zurückgekehrt war? Wenn seine Eltern, wie vermutet, irgendwo im Ausland für eine deutsche Firma arbeiteten, dann konnte er weiß Gott wo auf einer deutschen Schule gelandet sein. Die gab es schließlich auf der ganzen Welt. Und das waren wohl nicht die schlechtesten deutschen Schulen, dachte sie.

Trotzdem lief alles auf eine Anfrage bei den Kollegen hinaus. Eine informelle Anfrage. Und informelle Anfragen stellte mal lieber etwas indirekt. Wer konnte helfen?

Sie wählte die private Nummer ihres früheren Chefs.

"Ingeborg!! Das ist aber eine schöne Überraschung! Sag, wie geht's, wie steht's? Vermisst du mich schon? Möchtest du dich nicht auch nach Passau versetzten lassen? Hier ist gerade eine Stelle frei geworden!"

"Bruno!" Muss das Leben immer solche Überraschungen machen? Artig begrüßte sie ihren geschätzten Kollegen und ehemaligen keyholder. Wie lange ist das jetzt her?, überlegte sie. Ein Dreivierteljahr? "Ja, doch, natürlich vermisse ich dich. Und endlich mal wieder gescheite Polizeiarbeit! Vielleicht sollten wir uns bald mal wieder sehen?"

"Hätte ich nichts dagegen! Kommst du zu mir?" Sie hörte das Schnippen eines Feuerzeuges, anscheinend hatte er sich eine Zigarette angezündet. "Doch sag mal, deswegen rufst du wohl nicht an? Hast du Ärger? Soll 'derRick' kommen und dich aus der Scheiße hauen?"

Ingeborg lachte. Ja, das war typisch Bruno. Ihm konnte man nichts vormachen. "Ich brauche eine Auskunft, Bruno. Sozusagen auf dem ganz kleinen Dienstweg. Kennst du jemanden oben in Bamberg?"

Er dachte kurz nach. "Ja, kenne ich. Wieso, was kann ich für dich tun? Hat dir jemand in die Suppe gespuckt? Übrigens Glückwunsch dazu, wie du den Fall mit unserer Isarleiche gelöst hast!"

Ingeborg Wimmer nannte ihm die wenigen Details, die sie selber hatte.

"Hm, ja, das werde ich für dich herausbekommen. Und über den Hintergrund willst du mir nichts berichten?"

"Es gibt keinen Hintergrund. Halt eben nur einen früheren Mitschüler, der sich darüber wundert, wieso er nie etwas von diesem Thomas Wagner gehört hatte, nachdem dieser von der Schule genommen wurde."

"Das soll ja wohl vorkommen!"

"Das hatte ich auch gesagt. Also... - sie druckste ein wenig herum, wusste nicht, wie sie es sagen sollte - ... sagen wir mal, es handelt sich um einen Gefallen."

"Einen Gefallen? Und jetzt also soll ich dir einen Gefallen tun?"

"Ja, ich bitte dich darum, Bruno!"

"Hm. Okay, aber dann musst du mir auch einen Gefallen tun!"

"Klar doch, Bruno. Alles was du willst!"

"Hast du deine hübsche Unterwäsche noch? Und die Schlüssel dazu?" Sie hörte eine leichte Anspannung seiner Stimme.

"Ja, hab ich noch. Aber nicht die Schlüssel...."

"Oh! Na so was! Wer hat denn die Schlüssel?"

Ingeborg hatte keine Lust, die Frage zu beantworten. "Jemand. Ein Keyholder, Bruno."

"Okay okay. Geht mich ja nichts an. Aber den Gefallen musst du mir jetzt tun....!"

"Sie wusste genau, was er meinte. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Dumm nur, dass sie nicht die geringste Lust dazu verspürte. "Du meinst, ich soll....?"

"Ja. Alles. Den ganzen Kram bitte. Sagen wir es einmal so: Wenn du dich nicht in spätestens einer halben Stunde über Skype gemeldet hast, dann kannst du es vergessen! Und ich möchte dabei zusehen!" Er legte auf, ohne noch ein Wort zu sagen. Weil er wusste, dass es nicht das Ende war?





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Erni
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:19.12.17 09:06 IP: gespeichert Moderator melden


Zitat
Nur noch eine Woche bis zum Fest!! Herzlichen Dank den Lesern, die mir geschrieben und gute Argumente geliefert haben. Aber noch habe ich mich nicht entschieden.
Heute möchte ich einmal eine ganz andere Frage stellen. Ich möchte gern wissen, ob es eigentlich auch Frauen gibt, die Interesse an meiner langen Geschichte finden. Als Autorin würde mich dies schon sehr interessieren. Bitte, ich erwarte keine langen Berichte, ein kurzer Gruß genügt.

Ich möchte auch noch einmal klarstellen, dass mir jeder Gruß hier, auf dieser Seite, immer willkommen ist. Der anfangs angeführte Hinweis auf die Diskussionsseite war nur für tieferschürfende Kritiken, auch der ablehnenden Art, gedacht. Also, macht Eurer Daniela eine kleine Freude und meldet euch ab und zu. Immerhin liefere ich seit Jahren spannenden Lesestoff zum Nulltarif.

Vielleicht mag der eine oder andere auch ein paar Euro für das Forum spenden. Leider habe ich keinen Überblick über die finanzielle Lage, aber ich glaube gern, dass die Kassen immer leer sind.

Euch allen eine schöne vierte Adventswoche!!



München, Ende März

\"Was ist los, Klaus? Hast du keine Lust mehr? Soll ich diese Sache jetzt ganz allein machen?\" Endlich hatte Ingeborg wieder Kontakt zu ihm bekommen.

\"Ja.... nein. Es ging mir nicht gut. Aber jetzt geht es schon wieder.\"

\"Du machst also wieder mit?\" Ingeborg wartete gespannt auf eine Antwort; sie kam nicht. \"Klaus? Machst du wieder mit bei den Messdienern? Es war schließlich deine Idee gewesen. Du selber wolltest es doch so!\"

\"Barbara wollte es so, Ingeborg! Das ist ein Unterschied!\"

\"Ja.... und jetzt? Was willst du mir eigentlich sagen?\"

Er schwieg wieder lange Zeit. \"Sie will nicht mehr. Barbara will das jetzt nicht mehr! Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen!\"

\"Ach, das ist doch Blödsinn! Also ohne Barbara macht mir das auch keine Lust! Ich habe wahrlich besseres zu tun, als tausend Kniebeugen zu machen. Verbrecher fangen zum Beispiel!\" Sie hatte etwas mehr Schärfe in ihre Worte gelegt; würde es ihn aus seiner Lethargie aufwecken?

\"Thomas...\" Er hatte keine Ahnung, warum er es gesagt hatte. Oder wo der Name so plötzlich herkam.

\"Wer?\" Ingeborg fragte sich, warum er plötzlich einen Namen nannte, den sie nie vorher gehört hatte. \"Thomas?? Was für ein Thomas jetzt?\"

Er dachte nach. Thomas, ein ehemaliger Mitschüler. Damals im Internat in Ettal. Thomas hatte den Stein ins Rollen gebracht. Sein Brief an den Bischof.... Klaus, wir müssen das Schwein fertigmachen, ehe es uns fertigmacht! Wir haben keine Wahl. Kämpfen, oder untergehen.... Und dann war er plötzlich von der Schule abgemeldet worden und er hatte nie wieder etwas von ihm gehört.
\"Ein früherer Mitschüler vom Internat. Er war damals von der Schule genommen worden.... ich habe nie wieder von ihm gehört.\"

\"Das soll ja wohl vorkommen! Ich habe auch lange nichts mehr von Barbara gehört!\" Sie war gereizt, mochte diesen Themawechsel überhaupt nicht.

Klaus ging nicht darauf ein. \"Ich dachte nur, vielleicht könntest du mal herausfinden, ob da was passiert ist! Du sitzt doch mit diesen Cold-case-Akten. Brauchst doch nur einmal seinen Namen einzugeben!\"

Komisch, dachte sie, wie die Leute sich immer die Polizeiarbeit vorstellen. Total an der Realität vorbei. \"Klaus, ich kann nicht einfach so Nachforschungen anstellen! Auf eigene Faust!\" Sie merkte, dass es besser war, einen etwas versöhnlicheren Ton anzuschlagen. \"Wie hieß er denn?\"

\"Aber mit dieser Pater Ruprecht Sache konntest du es doch auch! Und er hieß Thomas, sagte ich doch schon!\"

Sie seufzte. \"Ja, das war auch knapp am Rande der Legalität! Und nur Thomas ist schon ein wenig dürftig, findest du nicht? Nachname, Geburtsdatum, Wohnort.... oder was glaubst du, was mein Rechner sagt, wenn ich da nur Thomas eingebe?\"

\"Tut mir leid. Mehr habe ich nicht. Aber ich bin mir sicher, er würde sofort gegen das Schwein aussagen!\"

\"Ist er auch von diesem famosen Pater missbraucht worden?\" Skepsis lag in ihrer Stimme.

Klaus zögerte. \"Nein, ich glaube nicht. Irgendweshalb hatte Pater Ruprecht sich von ihm ferngehalten.\"

\"Dann fällt er für uns doch sowieso aus. Ein Gericht möchte Opfer, wenigstens Augenzeugen. Nicht Leute, die von anderen was gehört hatten!\" Sie ärgerte sich.

\"Du kannst doch mal wieder in der Schule anrufen. Die haben es bestimmt irgendwo stehen, wie er mit Nachnamen hieß! Und wo er überhaupt herkam. UND sein Geburtsdatum....\"

\"Schon gut, schon gut! Nun beruhige dich mal!\" Ihr kam ein Gedanke. \"Aber dann musst du mir auch helfen, jemanden zu finden!\"

\"Und wen suchst du jetzt? Ich kenne doch sowieso niemanden!\"

\"Barbara, Klaus. Ich möchte Barbara wiederfinden! Und sie soll mit mir zusammen bei den Messdienern weitermachen! Wenn sie morgen Nachmittag zur Messdienerstunde kommt, dann werde ich am Montag mal da im Internat anrufen und sehen, ob ich diesen Thomas für dich ausfindig machen kann. Ja?\" Ihr schlug das Herz bis zum Hals. \"Also dann bis morgen Nachmittag.... Barbara....\" Das letzte Wort hauchte sie so leise, dass sie es selber kaum hören konnte. Dann beendete sie das Gespräch.

% % %

Er hatte sich rasiert und war frisch geduscht. Dann aber hatte ihn alle Energie schlagartig verlassen. Jetzt stand Klaus in seinem Schlafzimmer, unschlüssig, was er tun sollte.
Es war Samstagnachmittag. Nur noch zwei Stunden! Warum konnte er nicht einfach so gehen, so wie er war. Klaus, nicht Barbara. Und warum hatte Ingeborg alles von Barbaras Erscheinen abhängig gemacht? Er konnte keine Entscheidung treffen. Oder will ich mich nicht entscheiden?

Der Stundenschlag der großen Standuhr hallte durch das leere Haus. Früher, als seine Oma noch lebte, hatte er ihn nie so deutlich wahrgenommen, da hatte es immer Leben im Haus gegeben. Und jetzt? Nur noch Tod??
Der Besuch bei seiner Schwester hatte ihn unerwartet mit neuer Energie versehen, alles schien plötzlich hell und klar, für einen Moment hatte er geahnt, welchen Weg er würde gehen müssen. Aber dann hatte ihn die Wirklichkeit wieder eingeholt. Seine Wirklichkeit, und die von Barbara. Hatte er sich nicht vorgenommen, nicht mehr wegzulaufen? Aber vor wem lief er eigentlich weg? Vor sich, oder vor Barbara??

Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Wieso hatte sich so vieles verändert, seit er die ganze Wahrheit über seine Schwester erfahren hatte? Sie war der Schlüssel zu seinem Gebahren, zu seinem Phantasieprodukt. Barbara hatte er sie genannt! Stimme das überhaupt? Er erinnerte sich schwach an Monika. 'Wir müssen einen anderen Namen für dich suchen! Wie wäre es mit Barbara? Der Name ist zwar furchtbar, aber da gibt es kein vertun. Nicht? Du meinst, er passt nicht zu dir? Hm...' Nein, er hatte sich den Namen wirklich nicht ausgesucht. Gab es nicht schönere Mädchennamen? Aber letzten Endes hatte er sich auch daran gewöhnt. Immerhin hatte seine Unterwerfung unter Monikas Dominanz einer latenten Schwäche bei ihm zum Ausdruck verholfen.

War es anfangs noch der reinste Horror, fühlte er sich ständig angegafft und beobachtet, so entdeckte er doch bald, dass Barbara ihm sogar Spaß bereiten konnte. Es war lustig, im Sommer mit wehendem Petticoatrock durch die Straßen zu laufen und so manchen Pfiff zu hören, der sicherlich ihm galt. Nein: ihr, verbesserte er sich. Ihn hatte es lange gar nicht mehr gegeben!

Ingeborg wollte Nachforschungen anstellen. Aber nur, wenn er wieder mitmachen würde, und nur, wenn er als Barbara mitmachen würde! Habe ich überhaupt eine Wahl?, fragte er sich.
Mechanisch leerte er den kleinen Beutel, in dem er Keuschheitsgürtel und -BH aufbewahrte. Das Metall war kalt, als es seinen Körper berührte. Kein Wunder, denn er heizte wenig in seinem Schlafzimmer. Sein schlaffes Glied ließ sich problemlos in die enge Röhre einführen, gekonnt verband er die einzelnen Teile miteinander, setzte das kleine Schloss am Taillenreifen ein und schloss es ab.
Der BH war wie immer eine dämliche Fummelei, er brachte die breite Kette über seinen Kopf, griff hinter sich nach den stählernen Halbschalen, führte sie nach vorn um seinen Oberkörper herum, dann führte er sie über den Stift der kleinen Platte, die vorn herabhing; auch hier setzte er ein Schloss ein und verschloss es. Ein Schloss, zu dem er keine Schlüssel hatte, wie auch zu seinem Keuschheitsgürtel.

Klaus stand ein wenig da, wie ein begossener Pudel. Ist es das, was du willst? Fühlt es sich gut an? Macht es Spaß?
Er wusste es nicht. Nein, er wusste nicht, ob es das war, was er wirklich wollte. Oder ob es sich gut anfühlte. Spaß machte es auf jeden Fall nicht.

% % %

Ingeborg blickte nervös auf ihre Uhr. Sie war rechtzeitig zur Messdienerstunde gekommen, einer der letzten, bevor die offizielle Aufnahme stattfinden sollte. Obwohl sie bereits den perfekten Fehlstart hingelegt hatte! Bereits zweimal hatte sie abends einspringen müssen; es machte ihr nichts aus, so kam sie unter Menschen; es war allemal besser, als nur zu Hause seinen Gedanken nachzuhängen.
Würde Klaus kommen? Nein, falsch! Würde Barbara noch kommen? Sie brauchte Barbara, brauchte hier, in dieser Kirche, jemanden, mit dem zusammen sie ihren Plan würde ausführen können. Sie wollte unbedingt ausprobieren, ....

Die schwere Tür zur Sakristei wurde aufgestoßen. Herein kamen der Pastor und Barbara, mit der er sich scheinbar einmütig unterhielt. \"....ja, aber das kann doch jedem mal passieren! Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, Barbara! Auf jeden Fall ist es schön, dass Sie jetzt wieder dabei sein können. Sie werden sehen, wirklich viel haben Sie die letzten Male nicht versäumt...\" Er warf einen verschmitzten Blick in die kleine Runde - neben Ingeborg waren auch drei Kinder zum Unterricht erschienen - dann fuhr er lachend fort: \"....höchstens einige wirklich gute Witze und ein paar Negerküsse - oh! das darf man wohl nicht mehr sagen??\" Er setzte eine Unschuldsmine auf, begab sich dann nach nebenan und traf einige Vorbereitungen für die Stunde.

\"Schön, dass du gekommen bist, Barbara!\" Ingeborg sandte Klaus einen dankbaren Blick. Aber sie merkte sogleich, dass er ihr auswich.

\"Klaus!\" Er sagte es sehr leise; die Kinder sollten es besser nicht hören.

\"Ja. Okay. Alles wird gut! Und am Montag werde ich mal einige Nachforschungen anstellen.\" Sie kamen nicht mehr dazu, sich einmal auszusprechen. Ingeborg beobachtete Klaus, oder doch Barbara, sie trug einen schicken Pullover, dazu einen schlichten Jeansrock. Alles schien wie immer. Oder doch nicht??

Die Stunde verlief wie im Fluge. Und anschließend bat der Pastor Ingeborg wieder einmal, ob sie noch bis zur Abendmesse bleiben könnte.

\"Bleibst du auch, Klaus?\" Sie hatte ihn leise gefragt. Er aber hatte wie durch sie hindurchgeblickt. Und den Kopf geschüttelt. \"Kommst du heute Abend noch zu mir? Ist lange her, dass du mal bei mir warst...\" Aber Klaus hatte nicht reagiert. Und war gegangen. Mein Gott, was ist bloß mit ihm los? Er wird Hilfe brauchen, sonst geschieht am Ende noch etwas Schlimmes.

Wieder war es dunkel und still geworden in der Kirche. Sie war allein. Als niemand mehr da war schlüpfte sie wieder in die Messdienergewänder, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg in die kleine Seitenkapelle.


% % %

Er hatte es schlichtweg vergessen! Der BH! Dieser verdammte BH. Mit diesem Ding auf seiner Brust hatte er keine Wahl.... Klaus oder Barbara, das war plötzlich keine Wahl mehr. Er fluchte leise vor sich hin. Ingeborg würde sich freuen, wenn Barbara zu ihr käme! Keine Frage! Aber da war etwas, was einfach nicht mehr ging...

Er legte seine Hände auf die beiden Stahlkugeln, die so prominent seine männliche Brust zierten. In seinem Falle bewirkte der Keuschheits-BH etwas ganz anderes, als bei einer richtigen Frau. Mochte eine Frau fühlen, dass ein wichtiger Körperteil unerreichbar geworden war, so war es bei ihm so, dass er einen wichtigen Körperteil nicht mehr verstecken konnte - einen wichtigen weiblichen Körperteil! Früher oder später müsste er Ingeborg besuchen, sie um die Schlüssel bitten. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Noch einmal versuchte er, die stählerne Last irgendwie abzustreifen; es war zwecklos. Und plötzlich spürte er, weiter unten, ein Verlangen, ein Feuer, an das er schon lange nicht mehr geglaubt hatte. Seine Hand wanderte in seinen Schritt, suchte nach dem, was ihn zum Mann machte, aber da war nichts, kein pochendes, hartes Glied, nur der harte Stahl, der sein Geschlecht umfangen hielt.

Er wunderte sich, wie schnell es weiter bergab ging. Hatte er in den letzten Wochen den initimen Kontakt zu Barbara bereits verloren, so drohte ihm jetzt auch Klaus zu entgleiten.


% % %

'Und was kann ich diesmal für Sie tun?', hatte sie der Verkäufer im Baumarkt gefragt. Sie hatte sich ob der etwas seltsamen Eröffnung eines Verkaufsgespräch gewundert, bis ihr endlich eingefallen war, dass sie bereits im Spätsommer an denselben jungen Mann geraten war, als sie nach geeignetem Werkzeug suchte, um ihre stählerne Unterwäsche loszuwerden.
Diesmal lagen die Dinge anders. Diesmal wollte sie keine Kneifzange, auch keine Blechschere, sondern nur einen Akkuschrauber. Einen kräftigen Akkuschrauber, hatte sie gesagt. 'Oder soll es nicht doch besser ein Presslufthammer sein, gnädige Frau?', hatte er scherzhaft nachgefragt. Nein, ein Akkuschrauber genügte vollkommen. Sie fand einen, der solide genug aussah, aber auch klein genug für die Handtasche schien, dann hatte sie bezahlt und war gegangen.

Mit dem Ding würde es bestimmt gehen! Aber nur, wenn Barbara mitmachte! Sie musste ganz einfach mitmachen, dachte Ingeborg...


München, Anfang April

\"Frau Wimmer! Aber natürlich erinnere ich mich an Sie! Was kann ICH für Sie tun??\"

Gott, habe ich ein Glück!, dachte Ingeborg. Wieder diese furchtbare Sekretärin! Sie hatte es endlich geschafft, die Nummer des Internats zu wählen. Etwas verspätet, wie sie hatte zugeben müssen. Und auch nicht, ohne Druck von Klaus bekommen zu haben. Er hatte sie besucht, trug immer noch Barbaras Sachen. Hatte dagesessen wie ein Häufchen Elend, ihre Annäherungsversuche abgewehrt, kaum etwas gesagt. Sie hatte ihn aufschließen müssen, hatte ihm Keuschheitsgürtel und -BH abgenommen; beide Teile hatte er bei ihr zurückgelassen, als er wieder gegangen war. Etwas erleichtert, wie ihr schien, aber keineswegs glücklich.

Er hatte ihr Vorwürfe gemacht. \"Und warum hältst du deinen Teil der Verabredung nicht ein, wenn ich meinen gehalten habe?\"

Sie hatte sich mit stressiger Arbeit entschuldigt. Gesagt, dass es ihr leid täte. Und dass sie es bei Gelegenheit erledigen wollte. Und hatte es dann wieder vergessen.

\"Sind Sie immer noch auf der Suche nach diesem Pater von damals? Ein Glück, dass ICH Ihnen helfen konnte!\" Die Sekretärin legte eine Kunstpause ein, legte dann sogar noch nach. \"Nicht wahr, Frau Kommissarin?\"

Ingeborg Wimmer merkte förmlich, wie sich ihre Fußnägel bogen. Aber im Moment musste sie klein beigeben. \"Ja. Ein Glück. Ohne ihre Hilfe hätten wir den Kerl nie bekommen!\" Sie biss sich auf die Zunge. Verplapper dich nicht, Ingeborg! Was geht das diese blöde Kuh an? Um gar nicht erst weitere Fragen aufkommen zu lassen, fuhr sie hastig fort. \"Nein. Ich bin auf der Suche nach einem ehemaligen Schüler. Er hieß Thomas.\"

Ein schlecht unterdrücktes Lachen war zu hören. \"Thomas? Sagten Sie Thomas, Frau Wimmer? Ach, Thomas....\" Pause.

\"Ja! Sagt Ihnen der Name etwas?\"

\"Allerdings, Frau Wimmer! Allerdings....\"

\"Und, was, bitte?\"

\"Jeder zehnte Schüler heißt bei uns Thomas! Wann soll denn das gewesen sein?\"

Ingeborg nannte ihr Klasse und Schuljahr. Beides wusste sie noch von ihren Ermittlungen gegen Pater Ruprecht.

\"Hm, da müsste ich einmal nachrechnen. Dann müsste dieser Thomas ja hier in dieser Kartei zu finden sein. Jahrgang 2010, wissen Sie! Hm..... Thomas, sagten Sie? Nein, da hat hier kein Thomas Abitur gemacht. Leider, Frau Wimmer, werde ich Ihnen diesmal wohl nicht bei der Verbrecherjagd behilflich sein können. Was hat er denn ausgefressen?\"

Ingeborg war für einen Moment irritiert. \"Nein, tut mir leid, ich glaube, Sie haben mich missverstanden. Er hat bei Ihnen nicht das Abitur gemacht!\"

\"Oh!\"

\"Er war schon lange vorher von der Schule genommen worden. Ich möchte gern wissen, wie hieß dieser Thomas mit Nachnamen und wohin ist er gegangen?\"

\"Das möchte ich auch gern wissen, Frau Kommissarin. Der Polizei helfe ich immer gern!\"

\"Ja, dann schauen Sie doch bitte einmal in ihren Unterlagen nach!\" Ingeborg ballte die Hand zur Faust. Lange würde sie sich nicht mehr beherrschen können.

\"Das tue ich doch schon. Aber er ist hier nicht aufgeführt....\"

\"....weil er bei Ihnen kein Abitur gemacht hat! Ja, das habe ich ja kapiert. Aber in ihren andern Unterlagen....\"

\"Es gibt keine anderen Unterlagen! Tut mir leid. Wir archivieren immer nur die fertigen Abiturjahrgänge. Es gibt leider sehr viele Kinder, die nur vorübergehend bei uns zur Schule gehen. Oft müssen die Eltern für ein paar Jahre ins Ausland, dann werden die Kinder zu uns geschickt! Wissen Sie, wir sind eines der besten katholischen Internate in....\"

\"Ja, das glaube ich ja gern!\" Hatte die wirklich keine Ahnung, was bei denen passiert war?? \"Sagen Sie, letztes Jahr, da konnte ein alter Lehrer weiterhelfen. Vielleicht ließe sich das jetzt auch machen?\"

\"Kein Problem, Frau Wimmer. Ich tue, was ich kann...\"

Ingeborg wartete auf mehr, aber mehr kam nicht. Im Geiste legte sie ihre Hände um den Hals dieser nervigen Sekretärin. \"Danke. Ja, herzlichen Dank. Das tun Sie bestimmt. Also, bitte erkundigen Sie sich. Dieser Thomas ging damals in dieselbe Klasse wie Klaus Behrend, vielleicht hilft Ihnen das weiter. Und rufen Sie dann bitte zurück, ja? Es pressiert! Vielen Dank!\"

Sie knallte ihre Faust auf den Tisch. Komische Schule! Und eine ziemlich anstrengende Sekretärin.




Ihr Telefon klingelte bereits keine Stunde später. \"Frau Wimmer? Ah, gut. Also, wir haben Glück!\"

Ingeborg wunderte sich. Wir? Wieso haben WIR jetzt Glück? \"Na so ein Glück aber auch!\" Etwas besseres fiel ihr schlichtweg nicht ein.

\"Sagen Sie das nicht, Frau Kommissarin! War eine ganz schöne Detektivarbeit, das kann ich Ihnen sagen!\"

\"Toll, haben Sie gut gemacht!\" Blöde Kuh, du kannst mich mal! \"Also, was haben Sie denn nun herausgefunden?\"

\"Ja, also, das war wirklich kompliziert!\" Wieder legte die Sekretärin eine Kunstpause ein. Aber diesmal tat die Beamtin ihr nicht den Gefallen. \"Ich fragte in der Pause einige der anwesenden, älteren Lehrkörper, ob sie was wüssten.\"

Hatte sie wirklich 'Lehrkörper' gesagt?? \"Ah, gut. Und was wussten die ... Körper?\" Beinahe hätte sie laut aufgelacht.

\"Leider Fehlanzeige! Frau Wimmer. Aber dann telefonierte ich mal etwas herum und erreichte einen ehemaligen Kollegen, der sich recht gut an diesen Thomas erinnern konnte. Thomas Weber hieß der Junge. Ja, die Eltern hatten ihn damals auf Anraten unserer Anstalt von der Schule genommen. Der Kollege erinnerte sich, es habe sich um einen schwierigen Charakter gehandelt, ein Junge, der sich nicht anpassen konnte oder wollte. Und der Kollege wusste sogar noch, aus welchem Ort der Junge stammte! Der Junge hatte ihm einmal eine Flasche mitgebracht und behauptet, es sei Bier. Und der Kollege hätte sich nach nur wenigen Schlucken geweigert, mehr davon zu trinken! Rauchbier! Stellen Sie sich das einmal vor, Frau Kollegin!\"

Ob der Sekretärin dieses letzte Wort nur so rausgerutscht war, oder nicht, ließ Ingeborg Wimmer dahingestellt. Aber jetzt hatte sie einen Namen und einen Wohnort: Bamberg! \"Bingo! Frau äh.... - wie hieß die Sekretärin eigentlich?? - Frau Kollegin. Und herzlichen Dank! Übrigens kenne ich das Zeug! Mein Fall ist das auch nicht! Sie haben mir wirklich weitergeholfen!! Was aber sonst mit dem Jungen wurde, das wissen Sie nicht zufällig?\"

\"Nicht wirklich. Der Kollege war sich nicht sicher, ob der Junge dann auf ein normales Gymnasium kam. Oder auf ein anderes Internat!\"

\"Nun gut. Ich werde es herausfinden. Noch einmal meinen herzlichsten Dank!\" Sie beeilte sich, den Hörer aufzulegen. Jetzt hatte sie auf jeden Fall eine erste Spur.


% % %

Ostern näherte sich mit Siebenmeilenstiefeln. Längst hatte Ingeborg sich daran gewöhnt, den Dienst als Messdienerin auszuüben. Mehrere Male hatte sie zur Abendmesse aushelfen müssen. Es war wirklich nie etwas besonderes. Zum Schluss hatte es noch einige Übungsstunden gegeben; Auch Barbara war jedes Mal gekommen. Die gelassene Ruhe, die sie sonst ausgestrahlt hatte, war jedoch nicht mehr bei ihr zu finden.

Ingeborg hatte Klaus von ihrem Anruf in dessen früherem Internat berichtet. Er hatte sich zufrieden gezeigt, gleichzeitig aber auch bemängelt, dass sie mit ihren Nachforschungen noch nicht weitergekommen war.
Wieder hatte sie das Problem, dass sie nicht einfach auf eigene Faust arbeiten konnte. Natürlich hatte sie ihr eigenes Computersystem nach Thomas Weber befragt, aber Bamberg war eine andere Polizeidirektion, deren Daten nicht so ohne weiteres einzusehen waren. Und wer sagte überhaupt, dass der Junge jemals nach Bamberg zurückgekehrt war? Wenn seine Eltern, wie vermutet, irgendwo im Ausland für eine deutsche Firma arbeiteten, dann konnte er weiß Gott wo auf einer deutschen Schule gelandet sein. Die gab es schließlich auf der ganzen Welt. Und das waren wohl nicht die schlechtesten deutschen Schulen, dachte sie.

Trotzdem lief alles auf eine Anfrage bei den Kollegen hinaus. Eine informelle Anfrage. Und informelle Anfragen stellte mal lieber etwas indirekt. Wer konnte helfen?

Sie wählte die private Nummer ihres früheren Chefs.

\"Ingeborg!! Das ist aber eine schöne Überraschung! Sag, wie geht's, wie steht's? Vermisst du mich schon? Möchtest du dich nicht auch nach Passau versetzten lassen? Hier ist gerade eine Stelle frei geworden!\"

\"Bruno!\" Muss das Leben immer solche Überraschungen machen? Artig begrüßte sie ihren geschätzten Kollegen und ehemaligen keyholder. Wie lange ist das jetzt her?, überlegte sie. Ein Dreivierteljahr? \"Ja, doch, natürlich vermisse ich dich. Und endlich mal wieder gescheite Polizeiarbeit! Vielleicht sollten wir uns bald mal wieder sehen?\"

\"Hätte ich nichts dagegen! Kommst du zu mir?\" Sie hörte das Schnippen eines Feuerzeuges, anscheinend hatte er sich eine Zigarette angezündet. \"Doch sag mal, deswegen rufst du wohl nicht an? Hast du Ärger? Soll 'derRick' kommen und dich aus der Scheiße hauen?\"

Ingeborg lachte. Ja, das war typisch Bruno. Ihm konnte man nichts vormachen. \"Ich brauche eine Auskunft, Bruno. Sozusagen auf dem ganz kleinen Dienstweg. Kennst du jemanden oben in Bamberg?\"

Er dachte kurz nach. \"Ja, kenne ich. Wieso, was kann ich für dich tun? Hat dir jemand in die Suppe gespuckt? Übrigens Glückwunsch dazu, wie du den Fall mit unserer Isarleiche gelöst hast!\"

Ingeborg Wimmer nannte ihm die wenigen Details, die sie selber hatte.

\"Hm, ja, das werde ich für dich herausbekommen. Und über den Hintergrund willst du mir nichts berichten?\"

\"Es gibt keinen Hintergrund. Halt eben nur einen früheren Mitschüler, der sich darüber wundert, wieso er nie etwas von diesem Thomas Wagner gehört hatte, nachdem dieser von der Schule genommen wurde.\"

\"Das soll ja wohl vorkommen!\"

\"Das hatte ich auch gesagt. Also... - sie druckste ein wenig herum, wusste nicht, wie sie es sagen sollte - ... sagen wir mal, es handelt sich um einen Gefallen.\"

\"Einen Gefallen? Und jetzt also soll ich dir einen Gefallen tun?\"

\"Ja, ich bitte dich darum, Bruno!\"

\"Hm. Okay, aber dann musst du mir auch einen Gefallen tun!\"

\"Klar doch, Bruno. Alles was du willst!\"

\"Hast du deine hübsche Unterwäsche noch? Und die Schlüssel dazu?\" Sie hörte eine leichte Anspannung seiner Stimme.

\"Ja, hab ich noch. Aber nicht die Schlüssel....\"

\"Oh! Na so was! Wer hat denn die Schlüssel?\"

Ingeborg hatte keine Lust, die Frage zu beantworten. \"Jemand. Ein Keyholder, Bruno.\"

\"Okay okay. Geht mich ja nichts an. Aber den Gefallen musst du mir jetzt tun....!\"

\"Sie wusste genau, was er meinte. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Dumm nur, dass sie nicht die geringste Lust dazu verspürte. \"Du meinst, ich soll....?\"

\"Ja. Alles. Den ganzen Kram bitte. Sagen wir es einmal so: Wenn du dich nicht in spätestens einer halben Stunde über Skype gemeldet hast, dann kannst du es vergessen! Und ich möchte dabei zusehen!\" Er legte auf, ohne noch ein Wort zu sagen. Weil er wusste, dass es nicht das Ende war?


Danke für Deine tollen Geschichten. Bitte schreibe weiter.


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wmms Volljährigkeit geprüft
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Buchs




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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:19.12.17 10:36 IP: gespeichert Moderator melden


Was soll der Quatsch?
um sich zu bedanken, muss man nicht gleich den ganzen Text kopieren.
Gruss wmms

[Edit]: Dieser Eintrag wurde zuletzt von wmms am 19.12.17 um 10:38 geändert
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:19.12.17 13:40 IP: gespeichert Moderator melden


Jetzt ist das passiert, was ich eigentlich vermeiden wollte. Unser Freund 'Ernie' mag ein Sklavenhalter sein, ein 'Federhalter' ist er auf jeden Fall nicht.

Meinen ganzen Beitrag hier noch einmal zu kopieren ist natürlich kompletter Unsinn, der einem schnell das Lesevergnügen nimmt. Ich habe versucht, es zu löschen, aber leider bin ich nicht dazu befugt (was ich, liebe Admins, unverständlich finde, da es sich ja um meine Geschichte handelt.)

Wie gesagt, ich freue mich, dass Ernie meine Geschichte gefällt, möchte aber in Zukunft darum bitten, dass solch ein Lapsus nicht wieder passiert!

Eure Daniela 20
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:24.12.17 23:28 IP: gespeichert Moderator melden


Heiligabend.... Ich habe lange mit mir gelungen, ob ich ausgerechnet heute meine Geschichte fortsetzen sollte, oder nicht. Eine pornographische Geschichte zu Weihnachten
Bis mir klar wurde, dass es eine ganz andere Geschichte ist. Vielleicht mag es der eine oder andere meiner Leser auch schon gemerkt haben. Und bis mir klar wurde, dass für viele Weihnachen alles andere als ein glückliches Familienfest ist; Leser, deren vielleicht sogar einzige Freude darin besteht, weiterlesen zu können, was mit Klaus geschieht.
Euch allen möchte ich deshalb von Herzen ein frohes Weihnachtsfest wünschen, frei von Stress, Kummer, Sorgen und Einsamkeit!

Ich weiß nicht, wann genau ich die Lesung des Tages hochladen kann; aber ich werde mir Mühe geben, Euch nicht zu lange warten zu lassen!

Ganz liebe Weihnachtsgrüße von Eurer Daniela 20

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Ihr veraltetes Diensttelefon klingelte, als Ingeborg Wimmer gerade dabei war, Daten eines weiteren, ungelösten Falls in das Computersystem zu überführen.

"Wimmer!"

Eine Stimme meldete sich, sie klang leicht verstellt. "Kommissarin Wimmer? Sie haben einen Schlüsseldienst bestellt?"

"Bruno?? Ha-ha, sehr witzig! Nein danke, ich brauche keinen Schlüsseldienst!" Sie reagierte leicht gereizt. Warum habe ich mitgemacht?? Ingeborg ballte die Hand zur Faust. Warum hatte sie wieder mitgemacht? Sie hatte lange überlegt, ob sie auf Brunos knallharte Forderung eingehen sollte, hatte die Minuten heruntergezählt und erst im letzten Momen sich bei Skype eingeloggt. Und sich dann vor ihrer Kamera ausgezogen und, nachdem sie Keuschheitsgürtel, Schenkelbänder und den stählernen BH hervorgeholt hatte, alles angezogen und mit den kleinen Schlössern abgeschlossen. Schlösser, zu denen sie keinen Schlüssel hatte. Schlösser, zu denen diesmal nicht Bruno, sondern ihr neuer Keyholder die Schlüssel hatte. Klaus.... Holt er sich jetzt einen runter?, hatte sie überlegt, als sie sich selber wieder einmal die Möglichkeit genommen hatte, ihre eigene Lust zu verwöhnen. Lust, die augenblicklich wieder in ihr entbrannte. Wie jedes Mal, wenn sie sich verschlossen hatte.

Es war ihre Wahl gewesen. Sie hätte es bleiben lassen können. Was ging sie dieser Junge an? Hatte sie es nur deswegen getan, oder um Klaus einen Gefallen zu tun? Vielleicht, um ihr Verhältnis zu Klaus wieder in den Griff zu bekommen? Besser gesagt, zu Barbara? Weil sie Barbara dringend benötigen würde, für das, was sie noch vorhatte? Oder hatte sie es aus viel subtileren Gründen getan? Weil sie es ganz einfach brauchte??

"Hat er dich schon wieder rausgelassen, dein keyholder?" Bruno klang enttäuscht. Scheinbar gefiel ihm der Gedanke, seine ehemalige Kollegin in all den soliden, abgeschlossenen, Stahlsachen zu wissen.

"Das geht dich mal einen feuchten Dreck an!!" Sie hatte es herausgepresst, bevor sie hatte überlegen können. Warum kann ich meine Gusche nicht halten??

"Oho!! Wer ist denn da so gereizt?" Belustigung war zu hören. "Hat er dich noch nicht wieder rausgelassen? Wart mal, wieviele Tage sind es jetzt?" Er zählte die Tage auf, die seit ihrem freiwilligen Einschluss vergangen waren. "Schon fast eine Woche!! Ich muss schon sagen...."

"Hast du was rausbekommen?" Es drängte Ingeborg, das Thema zu wechseln. Dieses Thema, das sie bei jeder neuen Bemerkung nur wieder daran erinnerte, wie unbequem alles wieder war. Dass es jedes Mal auf der Toilette eine Ewigkeit dauerte. Dass sie, wegen des engen Brustbandes, nie richtig Luft holen konnte. Dass die Schenkelbänder sie dazu zwangen, Röcke zu tragen, worauf sie auch verzichten konnte. Und nicht zuletzt, dass sie seit Tagen das Gefühl hatte, weder ihren Körper noch ihre Nerven unter Kontrolle zu haben. Alles, woran sie dachte, war....

"... das ist schon ganz schön lange. Hat dich also noch nicht rausgelassen! Ich muss schon sagen...."

"Sag mir lieber, ob du was über diesen Thomas Wagner herausgefunden hast!" Er fing an, sie zu nerven. Hoffentlich wird die Leitung nicht irgendwo abgehört, überlegte sie. Nun ja, die Amis von der NSA. Aber die verstanden sicherlich kein Deutsch! "Chastity belt!"

"Wie bitte? Was redest du denn da?"

"Nichts, Bruno. Das war nur für die Selektorenliste unserer Freunde!"

"Ich verstehe kein Wort..."

"Macht nichts. Also, nun sag schon!"

"Jawoll! Hab mir die Finger wundgewählt, das kannst du mir glauben!"

"Blödsinn! Das hättest du mir vor zwanzig Jahren erzählen können!! Nun mach es nicht so spannend!" Ingeborg griff zu Papier und Kugelschreiber, notierte die wenigen Angaben, die Bruno machen konnte. Und schon war er zurück bei seinem Lieblingsthema.

"Muss schon sagen, hast ja wirklich einen prima keyholder jetzt! Der weiß, was dir gut tut! Wann seht ihr euch denn wieder?"

"Freitag, Bruno. Laut Plan sehen wir uns am Freitag wieder!"

Er schnaufte leicht. "Was, das sind ja noch vier Tage!! Wirst du es so lange aushalten können, Ingeborg? Das ganze enge Stahlzeug? Deine armen Brüste, so eingesperrt. Und die süße Muschi....." Er ließ ein leichtes Lachen hören. "Also Karfreitag dann? Hoffentlich kommt er auch, dein Keyholder! Ist ja ein gefährlicher Tag! Bei Karfreitag muss ich immer so an Tod und Verderbnis denken...."

"Bruno? Ich muss hier weitermachen! Danke auf jeden Fall, dass du helfen konntest. Ist ja nicht gerade die Auskunft, die ich erhofft hatte, aber, nun ja. Kann mich ja mal selber bei den Kollegen in Bamberg erkundigen, ob man eventuell mehr weiß! Also, bis demnächst mal, und noch mal vielen Dank!"


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Diese komische Stille!, dachte Ingeborg, als sie sich auf den Weg zur kleinen Kirche machte. Irgendetwas stimmte heute nicht. Karfreitag! Sie hatte den Tag noch nie gemocht. Sie erinnerte sich dunkel an Karfteitage ihrer Kindheit, wenn einen die Eltern schon schräg ansahen, wenn man bloß einmal laut lachen musste. Was aber selten vorkam, denn an Karfreitagen gab es nie etwas zu lachen. Ein furchtbarer Tag, mochte der Liebe Gott oder dessen Sohn da auch irgendwann einmal an irgendein dämliches Kreuz genagelt worden sein - was man sowieso nie recht begriff. Eigentlich begreife ich es immer noch nicht, dachte sie.

'Das Schweigen der Glocken ist das Ende des Abendlandes', hatte sie irgendwo einmal gehört. War es nicht schon einmal so weit gewesen? In England, während des Krieges? Weil Glockengeläut einen deutschen Angriff signalisiert hätte? Nein, dachte sie, nicht das Schweigen der Glocken ist das Ende des Abendlandes. Sondern das Schweigen der Christen in diesem Lande! Wer kam denn überhaupt noch in die Messe? Ein paar alte Leute, kaum noch Familien mit Kindern. Sie fragte sich, warum sie all das hier überhaupt mitmachte?

Ingeborg betrat die Kirche, die in nachmittäglichem Dämmerlicht lag. Die Kerzen waren verlöscht, das Allerheiligste am Altar hinter einem violetten Tuch verborgen. Der Gedanke an Tod und ewige Finsternis ließ sie frösteln.
Mussten sie denn ausgerechnet heute ihre letzte Übungsstunde abhalten? Es hatte sich nicht anders machen lassen; man wollte die gesamte Messdienerschar - sechs Mädchen und vier Jungen - zusammentrommeln, um mit ihr und den anderen Neuen, den für Sonntag geplanten Ablauf des Hochamts zu üben. Die Generalprobe, mit Rauchfass und allem Brimborium; natürlich ohne Weihrauch. Am Sonntag sollte dann endlich die feierliche Aufnahme stattfinden.

Ingeborg begrüßte die anderen. Sie blickte in ernste Kindergesichter. Gesichte, wie ihr eigenes, damals, vor vielen Jahren. Sie überlegte, ein nettes Wort einzuwerfen, einen kleinen Witz gar, aber sie kam nicht gegen die Mauer an, die selbst in ihrem Inneren eine scheinbar unüberwindbare Hürde darstellte.
Hoffentlich käme Barbara bald!!
Die Zeit verging. Alle hatten sich umgezogen. Jetzt, da alle versammelt waren, war es gar nicht so einfach, passende Gewänder für alle zu finden. Die Frage nach rot oder schwarz für den Talar erübrigte sich: die Jüngsten würden rot tragen, sie sollten auch Kerzen tragen, die etwas älteren aber schwarz. Und für sie und Barbara gab es sowieso nur passende, schwarze Talare.

Der Pastor hatte einige Mühe gehabt, bei der Wahl der Kleider zu helfen. Jetzt aber schaute er bereits zum wiederholten Male auf seine Armbanduhr und warf schließlich Ingeborg einen besorgten Blick zu. Diese zuckte mit den Schultern, wurde aber sogleich wieder unsanft an ihren engen BH erinnert. Nach dieser letzten Übungsstunde würde sie mit zu Barbara nach Hause gehen, sich endlich aufschließen lassen und dann....

"Haben Sie von Barbara gehört, Ingeborg? Ist sie wieder krank geworden?"

Ingeborg biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. "Nein, tut mir leid. Ich habe keine Ahnung. Bestimmt wird sie gleich noch kommen!" Wieder blickte sie in die Reihe der Gesichter. Ernste Gesichter, aber auch zufriedene Gesichter. Menschen, die nach vorne blickten. Bei Klaus hatte sie das schon lange nicht mehr gesehen.

"Kinder! Frau Wimmer! Wir können leider nicht mehr auf Barbara warten. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Lasst uns besser mal anfangen! Vielleicht kommt sie ja noch dazu! Also, wer möchte am Sonntag was machen?"

Schnell waren die Aufgaben verteilt. Der Pastor delegierte gekonnt die Schar seiner Messdiener. Man ging den komplizierten Vorgang des Hochamts durch, es gab Fragen, einige standen verkehrt, oder gingen verkehrt, oder knieten verkehrt. Aber was für jedes Schauspiel galt, das galt auch hier: Eine verpatzte Generalprobe ist Garant für eine gelungene Premiere!
Die Stunde dauerte diesmal etwas länger. Am Ende schrieben alle kleine Zettel mit ihren Namen, die sie mit Wäscheklammern an ihre Talare und Rochetts hefteten; so ließe sich erneutes Chaos am Sonntag vermeiden!

Ingeborg beeilte sich, aus der Kirche zu kommen. 'Hoffentlich ist ihr nichts passiert!', hörte sie wieder die besorgte Stimme des Pastors. Sie würde handeln müssen! Sie spürte, jetzt war sie gefragt. Sie musste Klaus zu Hilfe kommen, bevor es zu spät war. Vor einigen Monaten hatte er sie gerettet, ohne nachzudenken, hatte sich in letzter Sekunde dazwischen geworfen, als diese junge Frau sie mit ihrer eigenen Waffe bedrohte, dort auf der Luitpoldbrücke. Jetzt müsste sie ihn retten, wenn sie ihn noch rechtzeitig fand. Oder Barbara....


% % %

Sie überlegte kurz, was sie zuerst tun sollte. Gleich zu Klaus fahren? Oder erst nach Hause gehen und ihn anrufen? Dummerweise hatte sie ihr Handy nicht dabei; sie hatte zur Übungsstunde ungestört bleiben wollen.
Ingeborg entschied sich, erst einmal den Heimweg einzuschlagen. Erst einmal bei ihm anrufen! Vielleicht war ihm ja wirklich nur etwas dazwischen gekommen! Vielleicht hatte er sogar versucht, sie anzurufen!
Eine halbe Stunde später schloss sie, völlig außer Atem, ihre Wohnungstür auf. Wieso fahre ich eigentlich nicht mit dem Auto?, fragte sie sich. Sie mochte lange Spaziergänge, brauchte sie als Ausgleich zum ewigen Sitzen im Büro. Außerdem käme es ihr komisch vor, mit dem Auto vorzufahren, während alle anderen zu Fuß oder mit dem Fahrrad kamen.

Sie griff nach ihrem Handy, das zum Laden an der Steckdose gehangen hatte, und schaltete es ein. Nichts! Leicht enmutigt biss sie sich auf die Unterlippe. Das bedeutet gar nichts, Ingeborg! Sie schlug ihr persönliches Telefonbuch auf, suchte Klaus' Eintrag und tippte auf Anrufen. Eine Stimme am anderen Ende ließ sie für den Bruchteil einer Sekunde Hoffnung schöpfen, dann aber, als sie bloß hörte, dass der gewünschte Teilnehmer momentan nicht zu erreichen sei, brach sie die Verbindung wieder ab. Ich muss hinfahren! Vielleicht liegt er ja auch mit gebrochenem Bein unten im Keller!

Sie wollte losstürmen, kam dann aber auf einen anderen Gedanken. Es hatte mit Barbara zu tun! Es musste mit ihr zu tun haben! Sie hatte es seit Wochen gespürt, wie er sich immer mehr in sich selber zurückgezogen, immer größeren Abstand zu seinem alter ego gesucht hatte. Was auch immer es war, sie verstand nur so viel, dass es Klaus seit Wochen nicht mehr wirklich gut ging, weil es Barbara schlecht ging. Eine missglückte Trennung, die beide zu verschlingen drohte.

Schnell packte sie etwas ein, was sie mitnehmen wollte. Vielleicht gelänge es ihr ja, diese Trennung aufzuhalten, sie eventuell sogar rückgängig zu machen. Sie wusste, Gewalt würde sie nicht anwenden dürfen. Wohl aber Überredungskunst. Vielleicht gelang es ja!


Sie hatte Pech. In der Nähe seines Hauses war diesmal kein Parkplatz zu finden gewesen. Also laufen! Längst hatte sie es gelernt, den typischen Watschelgang zu vermeiden, in den viele, die das erste Mal einen Keuschheitsgürtel trugen, schnell verfielen. Auch das Laufen mit den angelegten Schenkelbändern hatte sie lange genüg üben können, um nicht mehr aufzufallen. Einzig der enge Reifen um ihre Brust ließ sie kurzatmig werden; tiefes Luftholen war einfach nicht möglich.
Noch war es draußen zu hell, Licht brannte man noch nicht in den Wohnungen. Auch bei Klaus war alles dunkel. Sie läutete mehrmals, legte ihr Ohr an die Tür; nichts. War er zu Hause? Lag er vielleicht bewusstlos im Keller?
Ingeborg ging um die Ecke und sah, dass sein Roller nicht da war. Sie war erleichtert. Aber wo konnte er sein?

Ratlos ging sie zu ihrem Wagen zurück. Was nun, Wimmer? Sie hatte keine Ahnung. Was blieb ihr anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren? Am Ende saß er wieder bei ihr vor der Wohnungstür!
Es begann zu regnen. Erleichtert erreichte sie ihren Wagen, schloss die Tür auf und setzte sich ins Trockene. Aus ihrer Handtasche kramte sie eine Zigarette hervor, zündete diese an, öffnete das Fenster einen Spalt und schaltete das Radio an. Marschmusik? Ääh... klar doch: Karfreitag!
Sie dachte nach. Wo konnte er sein? Hatte sie auch nur den geringsten Anhaltspunkt? Nein, hatte sie nicht.

"Hier ist der Bayrische Rundfunk. Wir übertrugen...." Sie startete den Motor; es war kalt geworden im Auto. ".... den Galoppmarsch...." Ingeborg klappte ihre Sonnenblende herunter, blickte in den Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. "... Prinzregent Luitpold..." Sie sah müde aus. Sie hatte einfach keine Lust mehr mit ihm, oder mit ihr, mit wem auch immer. ".... von Karl Schleht, in einer Aufnahme aus dem Jahr....."
Sie erschrak, als der Name mit einigen Sekunden Verspätung in ihr Bewusstsein sickerte. Luitpold!! Die Brücke! Diese verdammte Brücke! Es konnte einfach nicht sein! So etwas gab es vielleicht im Roman, oder im Film, aber hier, im wirklichen Leben? Was weiß ich schon über das wirkliche Leben?, dachte sie, warf ihre Kippe aus dem Fenster und gab Gas.


Sie umfuhr die Schleife am Friedensengel, es war wenig Verkehr, ein Glück, schon sah sie die Brücke. Sie fuhr langsamer, dort, konnte es sein Motorroller sein? Ingeborg hielt ihren Wagen auf der Mitte der Brücke an, parkte der Einfachheit halber auf dem Gehweg, egal, sie war die Polizei, auch ohne Blaulicht. Der Regen hatte zugenommen, sie riss ihre Tür auf, säbelte beinahe einen genervten Radfahrer um, der ihr ein Blöde-Kuh! hinterherwarf.
Die dreimal verdammten Schenkelbänder! Beinahe hätte sie selber die Balance verloren, gerade noch konnte sie einen Sturz verhindern. Ja, es war sein Motorroller! Aber keine Spur von Klaus. Sie blickte über die steinerne Brüstung, es schwindelte sie, wieder sah sie die junge Stundentin dort unten liegen, die Kollegen, die sie bereits erwarteten. Ingeborg schloss für einen Moment die Augen, bemüht, die Fassung wieder zuerlangen. Luft! Sie versuchte, tief und ruhig durchzuatmen, aber immer noch behinderte sie ihr stählerner Keuschheits-BH. Ich werde Bruno den Arsch aufreißen, wenn ich ihn jemals wiedersehe!

Die Isar führte viel Wasser. Wasser, das aus den Tiroler Alpen nach Einsetzen der Schneeschmelze nach Norden abgeführt wurde. Der steinerne Brückenpfosten, an dem Daniela gelegen hatte, war überspült; vielleicht hätte sie heute den Sturz überlebt? Wo aber war Klaus??
Ingeborg ließ den Wagen stehen. Achtete nicht darauf, dass er mit offener Tür im Regen stand; er würde nass werden, sie selber merkte den heftigen Regen kaum noch. War sie bereits zu spät gekommen?
Sie lief hinüber zum westlichen Teil der langen Brücke. Hier hatte die junge Frankfurterin Daniela den furchtbaren Schlag versetzt, der letztendlich einem jungen Leben ein Ende gesetzt hatte. Sie würde sich vor Gericht dafür verantworten müssen. Hier hatte Klaus sie selber vor ganz ähnlichem Schicksal bewahrt, vor wenigen Wochen erst, als er ihr gerade noch rechtzeitig zu Hilfe gekommen war. Und jetzt?
Sie bog, am Ende der Brücke angekommen, um die Ecke. Drohend richtete sich die Figur des Jägers vor ihr auf, die sich hier an der nordwestlichen Flügelwand der Brücke befand; der wuchtige Jäger, den erlegten Gamsbock an seiner Seite. Und wäre fast über die Figur gestolpert, die vor ihr am Boden lag.

Er lag, zusammengekrümmt, unter einer grauen Pelerine. Ingeborg erkannte das etwas altmodische Teil, das Klaus für Notfälle unter dem Sattel seines kleinen Motorrollers aufbewahrte. Sie riss das graue Tuch zur Seite, Gott sei Dank, er lebt! Sie wollte sich zu ihm hinknien, aber die verdammten Schenkelbänder verhinderten es.

"Klaus!! Verdammt noch mal, was machst du für Sachen!! Ich hatte eine Scheißangst wegen dir!!"

Er sah sie an. Tief in den Höhlen liegende Augen, aus denen die Verzweifelung sprach. "Ich.... ich konnte nicht...." Er versuchte, sich aufzurichten. "Ich wollte sie umbringen, Ingeborg. Aber ich konnte es nicht. Dann wollte ich ihn umbringen, aber..."

Erst jetzt bemerkte Ingeborg, dass er wieder Frauenkleider trug. "Aber er wollte leben, nicht wahr? Klaus wollte sich nicht umbringen lassen..."

"Nein...." Er schüttelte den Kopf und brach in einen heftigen Weinkrampf aus.

"Komm, Klaus! Alles wird gut! Komm mit mir. Wir fahren nach Hause.... 'Erst mal raus aus den nassen Sachen!' " Sie zitierte aus seinem Lieblingsfilm, hoffte, es würde ihn für den Moment auf andere Gedanken bringen. Auftauchen, statt untergehen.

"Jawoll Herr Kaleun!" Er rappelte sich mühsam hoch. "Mein Roller?"

"Kein Problem. Den stellen wir hier in die Ecke und schließen ihn ab. Komm jetzt! Es ist gut, dass du es nicht getan hast. Übrigens haben wir schon eine Leiche..."


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Er hatte auf der Fahrt zu seinem Haus kein Wort mehr gesagt. Ein Häufchen Elend, das kaum Lebenszeichen von sich gab. Ingeborg fuhr schweigend, mit sich selbst beschäftigt. Sie fror, alles an ihr war nass geworden. Glück hatte sie mit dem Auto gehabt, der Regen war von der anderen Seite gekommen und wehte nicht in den Innenraum. Gleich würde sie etwas Trockenes anziehen können, Klaus hätte sicherlich etwas da, was sie tragen könnte. Und gleich würde sie endlich aus dem vermaledeiten Keuschheitsgürtel herauskommen!

Wortlos reichte er ihr die Schlüssel, nachdem sie ihn darum gebeten hatte. "Danke, Klaus!" Sie streifte die nassen Kleider vom Körper, öffnete die kleinen Schlösser, zuerst am BH, dann an den Verbindungsketten zwischen Schenkelbändern und Keuschheitsgürtel, dann das Schlösschen, welches ihren Taillenreifen zusammenhielt. Endlich!
Zitternd schlüpfte sie in einen hübschen Morgenrock, seine Oma hatte durchaus Geschmack besessen, wenn auch den Geschmack der späten 90er Jahre; egal, das Kleidungsstück war sauber. Dann, bevor sie selber unter die Dusche ging, kümmerte sie sich um Klaus. Half ihm, sich auszuziehen, ließ in der Zwischenzeit Wasser in die Wanne laufen, dann verfrachtete sie ihn ohne große Mühe hinein. Klaus ließ alles mit sich geschehen. Aber sie wusste auch, dass ein heißes Bad manchmal nicht genug war, einen verkommenen Körper von innen zu erwärmen. Sie fand Brühwürfel, Hühnerbouillon, prima!, bereitete eine Tasse zu, reichte sie, während er noch in der Wanne saß.

Wenig später saß er im Sofa, eingehüllt in ein dickes Plaid, während sie selber sich das heiße Wasser aus dem alten Boiler über den Körper laufen ließ. Nach Bouillon war ihr nicht zumute, aber sie würde etwas Hochprozentiges finden; manch alte Dame gönnte sich gern ein Gläschen gegen die Einsamkeit.

Endlich saßen sie beisammen. Sie hatte eine Flasche 'Echt Stonsdorfer' gefunden; nun gut, ein ordentlicher Whisky wäre ihr lieber gewesen, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. "Geht es so langsam wieder, Klaus?"

Er zitterte immer noch. Hielt ihr wortlos seine Tasse hin. Ingeborg zögerte einen Moment, igitt, Kräuterlikör in diese Tasse?, aber dann war es ihr auch egal; im Magen würde sich eh alles vermischen.
Komisch, dachte sie, kommt es nicht eigentlich immer nur auf die richtig Mischung an? Auch im täglichen Leben? Wenn alles gut durchmischt wäre, sodass niemand mehr die Oberhand unter dem Vorwand der Norm würde gewinnen können? Alles schön durcheinander.... Gläubige mit Atheisten, Christen mit Moslems und Juden und Buddhisten und - was gab es noch? - 'Weiße' mit 'Schwarzen'....??

"Ingeborg?" Klaus hielt ihr seine Tasse hin.

"Entschuldige bitte! Ich kam gerade etwas ins Grübeln." Sie goss ihm mehrere Schlucke der roten Flüssigkeit in seine Tasse.

"Danke." Er trank, setzte wieder ab. "Du meintest aber nicht Daniela, oder?"

Die Kommissarin blickte erstaunt hoch. Für einen Moment wusste sie nicht, wovon er sprach. Richtig! Die junge Studentin aus Köln, Krause hieß sie, Daniela Krause. "Du hast sie gekannt?" Seltsam, dass sie sich diese Frage bisher noch gar nicht gestellt hatte. Zuviel war in den letzten Wochen geschehen, um sie aufkommen zu lassen. Man hatte sich darauf konzentriert, Pater Ruprecht irgendwie zu überführen. Schließlich die unverhoffte Aufklärung im Fall Krause.

Klaus nickte müde. "Flüchtig..." Er blickte sie nicht an.

"Woher denn?"

"Sie war mit Monika befreundet gewesen."

"Das Mädchen aus dem Nachbarhaus? Die auch Messdienerin war?"

"Ja." Er nahm einen weiteren, kleinen Schluck.

"Und, ... habt ihr was zusammen unternommen?" Sie beobachtete ihn genau.

"Eine Leiche. Wir haben eine Leiche, sagtest du, oben auf der Brücke. Wer ist tot? Jemand, den ich kenne? Hoffentlich dieser scheiß Pater!" Er antwortete nicht auf ihre Frage.

Ingeborg goss sich etwas nach. Griff nach einer Zigarette, sie waren im Auto in ihrer Handtasche geblieben und noch trocken. Glück gehabt! "Ja, du kanntest ihn! Thomas. Thomas Wagner. Er starb bei einem Verkehrsunfall." Sie zögerte etwas, streckte ihre Hand nach seiner aus. "Tut mir leid, Klaus...."

Er reagierte nicht sofort. Dann blickte er sie an. Was sagen mir diese Augen?, überlegte sie. Überraschung? Angst? Oder vielleicht sogar Neid?? Er zog die Nase hoch. "Scheiße. Wurde er überfahren?"

Ingeborg zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Habe es nur über einen Bekannten erfahren, der hat es wiederum von einem anderen Bekannten. Und daraufhin hat dann mein Bekannter in Bamberg bei der Friedhofsverwaltung angerufen. Also alles über drei Ecken!"

"Aber wann er gestorben ist? Weißt du das?"

"Ja. Darüber konnte die Verwaltung Auskunft geben. 2003 war das!"

Plötzlich wurde sein Blick klar. "Ein Jahr später schon? Ich werd verrückt. Jetzt versteh ich, wieso ich nie von ihm gehört hatte! Irre....!"

"Ein Jahr später?"

"Als diese Sache mit Pater Ruprecht damals. Hatte ich dir nicht erzählt, dass man ihn von der Schule genommen hatte?"

"Ja, hattest du.". Sie drückte ihre Zigarette in Omas altem Patentaschenbecher aus. "Wie gesagt, es tut mir leid. Hätte ihn gern für dich gefunden!"

"Ja." Klaus sinnierte etwas. "Könntest du Näheres herausbekommen? Wie das geschehen ist, meine ich? Ich möchts halt gern wissen!"


% % %

Karsamstag. Ingeborg blickte verschlafen an die Wohnzimmerdecke. Ein breiter Lichtstrahl hatte es durch die Vorhänge geschafft und streifte gerade noch die vorsintflutliche Deckenlampe. Wieviele Birnen steckten darin? Zwölf? Und alles alte 40 Watt Birnen? Sie würde Klaus dringend raten müssen, etwas Moderneres zu besorgen.

Sie war bei ihm geblieben. Wollte ihn nicht allein lassen. Noch nicht. Erst musste sie versuchen, ihm etwas mehr Festigkeit zu geben. Er hatte ihr angeboten, mit in sein Bett zu kommen, aber sie wusste, sie schlief unruhig, brauchte Platz zum Drehen und Wenden, besonders jetzt, wo sie die Stahldinger losgeworden war. Und sein Bett war einfach zu schmal für zwei Personen.

Ein Glück, dass sie bis Dienstag frei hatte. Ein langweiliger Schreibtischjob hat also auch seine Vorteile!, überlegte sie.

"Morgen, Ingeborg!" Klaus stand in der Wohnzimmertür, gähnte sie an. "Danke, dass du dich um mich gekümmert hast und heute Nacht hiergeblieben bist."

Sie stand auf. Ging zu ihm hinüber, umarmte ihn. "Klar doch, Klaus. Ich werde dich nicht loslassen!" Etwas leiser fügte sie hinzu: "Und Barbara auch nicht!"

"Barbara....," antwortete er leise. "Ich... ich weiß nicht..."

"Doch, Klaus. Was du gestern versucht hast, oder versuchen wolltest... so geht das halt nicht. Du kannst sie dir nicht einfach abschneiden! Nein, du musst dich mit ihr versöhnen. Sonst wirst du nie mehr deines Lebens froh! Und ich glaube, ich weiß auch schon, wie ich dir dabei helfen kann! Geh mal erst ins Bad und mach dich fertig. Ich werde inzwischen was aus dem Auto holen!"

Sie hatte Glück gehabt, hatte ihren Wagen diesmal doch direkt vor der Haustür parken können. Und da sie immer noch die Joggingsachen von gestern Abend trug konnte sie, ohne sich großartig umzuziehen, eine Tüte aus ihrem Wagen holen. Sie durfte ihm keine Wahl lassen. So einfach war es.

Es dauerte lange, bis Klaus mit dem Duschen fertig war. Er hatte sich in seinen Bademantel gehüllt und erschrak, als er sah, was Ingeborg aus der Tüte nahm und ihm hin hielt. "Nein! Nein, Ingeborg! Nicht die Dinger.... bitte... ich möchte es....." Er sprach das letze Wort nicht mehr aus, dachte es nur noch für sich selber. Er ließ den Bademantel fallen, betrachtete sein schlaffes Glied. Vielleicht war es besser so?

"Doch! Ich lasse dir keine Wahl. Ich möchte dich jetzt als Barbara wieder bei mir haben! Verstehst du? Ich möchte nicht, dass du weiterhin vor ihr wegläufst. Sie ist doch ein Teil von dir selber!" Sie spürte sein Zögern. Welcher Mann ließ sich schon freiwillig in einen Keuschheitsgürtel einsperren? Und, viel schlimmer noch, einen stählernen BH, den er nicht ablegen, nicht einmal verbergen konnte? Musste sie eventuell noch etwas mehr Druck machen?
"Klaus, wenn du es nicht machst, dann habe ich auch keine Lust, mich weiterhin um deinen verstorbenen Schulfreund zu kümmern!" Sie wartete.

Klaus ging einen Schritt vor. Na bitte, geht doch!, dachte sie erleichtert. Dann aber ging er gleich zwei Schritte wieder zurück. "Ingeborg, ich.... ich weiß nicht, ob das richtig ist. Ob das alles hier richtig ist. Aber wenn ich das machen soll, dann du aber auch!"

Ingeborg verstand es nicht sofort. Dann aber kapierte sie, dass er den Ball geschickt zurückgespielt hatte. Jetzt wartete er auf ihre Reaktion. Sie betrachtete ihn, sah, dass jetzt auch seine Reaktion nicht ausblieb. Er hielt eine Hand vor sein Glied; seine Reaktion war nicht zu verbergen.Wie lange war sie selber zuletzt verschlossen gewesen? Zwei Wochen? Drei Wochen? Nein, sie hatte absolut keine Lust mehr. Spätestens heute Abend wollte sie, wenn sie wieder daheim war, ihren eigenen Spaß haben!
"Morgen ist Ostersonntag!", sagte sie und wunderte sich selber, warum sie es sagte.

"Und?"

"Morgen ist die offizielle Aufnahme der neuen Messdiener. Wirst du.... wirst du kommen?"

Er drehte sich um, blieb aber stehen. Schwieg lange. "Ja. Okay. Ich komme. Wenn du auch deinen KG und den BH anziehst. Von mir aus ohne die Schenkelbänder!"

Sie nickte. "Mache ich!", sagte sie leise. "Wenn du.... wenn Barbara sich auch einschließen lässt!"

Er nickte ebenfalls. "Okay. Aber versprich mir, dass du gleich nach Ostern herausfindest, was das mit dem Verkehrsunfall gewesen ist. Ich möchte es einfach wissen. Ja?"



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peter_pan
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:25.12.17 22:18 IP: gespeichert Moderator melden


Ach dir liebe Weihnachtsgrüße, danke dass du uns weiter mit deinen Geschichten erfreust!
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:27.12.17 11:03 IP: gespeichert Moderator melden


Vielen Dank für das Weihnachtsgeschenk.

Die Geschichte ist alles andere als pornografisch sondern zeigt eine tragische Geschichte, welches zu eigenem Nachdenken verleitet.

Immer wieder gerne lese ich die Fortsetzungen der Münchner-Tragödie und wünschte mir, die Story möge nie enden.

LG
Mario
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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:28.12.17 17:36 IP: gespeichert Moderator melden


Liebe Daniela!
Auch von mir ein großer Dank für diese Fortsetzung. Ich bin wieder voll begeistert, wie Du Spannungen und Probleme schilderst, die auch mich sehr nachdenklich stimmen. Ich als ziemlich betagter Leser kann mich gut in diese Hintergründe hinein denken und harre der weiteren Ereignisse.
Alt werden will jeder, alt sein aber keiner
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Daniela 20
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Semper firma occlusa!

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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:01.01.18 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Es kann weitergehen! Einen Tag später als gewohnt, aber wer hat am Silvesterabend schon Lust, Geschichten zu lesen? Und ich kann Euch versprechen, wir sind noch lange nicht fertig! Einen ganz besonderen Dank an die Leser, die mir geschrieben haben; es ist für mich der einzige Lohn für eine mühsame Arbeit!

Allen Lesern wünsche ich ein gutes neues Jahr 2018. Bleibt gesund und Eurer Daniela treu!

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München, Mitte April

Barbara hatte sich, mit Ingeborgs Hilfe, hübsch zurecht gemacht. Es war ungewohnt, sie zum ersten Mal seit jenem Abend auf der GeiDi-Gaudi wieder in Dirndl und high heels zu sehen. Sie überhaupt wieder bei sich zu haben.
Sie hatte in den letzten Monaten etwas zugenommen. Das Dirndl hatte nicht passen wollen; Ingeborg hatte sie ein wenig in ihr Korsett schnüren müssen. "Du hättest besser nicht so viel Süßkram essen sollen, Barbara! Deine eigene Schuld, dass ich dich jetzt schnüren muss!" Sie hatte, aus lauter diabolischer Lust, die Schnüre fester angezogen, als es wohl notwendig war. "Na, macht's Spaß! Sag mal, wie fühlt man sich eigentlich in so einem engen Ding?"

"Hast du noch nie ein Korsett getragen?", wollte sie wissen.

"Nein, wie denn? Aber vielleicht kann ich ja deins hier mal anprobieren?"

"Es wird dir nicht passen. Wir sind viel zu unterschiedlich gebaut. Monika hatte eines, das könnte dir gepasst haben!"

Monika? "Die Nachbarstochter? Die auch Messdienerin war?" Alles drehte sich irgendwie um Daniela, Monika und Klaus, beziehungsweise Barbara! Was hatten die drei gemacht?? "Die ist ja nun leider in Australien. Sie wird es mitgenommen haben!"

"Zu ihrem Vater? Nein, das glaube ich nicht. Jemand, der auswandert, wird bei maximal 20 Kg Reisegepäck wohl wichtigere Dinge mitnehmen, als ausgerechnet ein Korsett oder andere Spielsachen!"

"Spielsachen, Barbara?" Was genau hattet ihr gespielt??

"Ich kann ja mal schauen..." Warum hatte er es gesagt? Klaus wusste es nicht. Vielleicht fand er den Gedanken einfach reizvoll, einmal seinerseits Ingeborg in ein enges Korsett schnüren zu können - noch dazu Monikas Korsett!


Barbara sah in ihrem Dirndl wieder sehr verführerisch aus. Und sie hatte auch nichts gegen Ingeborgs intime Umarmung. Es war ja nicht das erste Mal. Sie hatten zusammen ein spätes Frühstück zu sich genommen, dann hatte Ingeborg Barbara mit ihrem Wagen zur Luitpoldbrücke gebracht. Der Motorroller stand unversehrt dort, wo sie ihn am Tage zuvor abgestellt hatten. Dann war jeder zu sich nach Hause gefahren.

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Es wr Dienstagmorgen. Alles hatte am Sonntag prima geklappt. Das Hochamt war sehr feierlich gewesen, die Kirche sogar mehr als halbvoll. Und auch mit Barbara war alles glatt gelaufen; sie hielt sich einfach die ganze Zeit neben Ingeborg. Niemand hatte ahnen können, was sie selber und Barbara unter ihren Kleidern trugen; sorgfältig hatte sie darauf geachtet, nicht allzu eng anliegende Sachen zu tragen. Auch Barbara hatte sich für einen etwas lockereren Rollkragenpullover und einen knielangen, weiten Rock entschieden. Richtige Kleidung, hatte sie gedacht, nicht diese kurzen, dünnen Dinger, die kaum das Gesäß bedeckten und die man über einer Leggins trug!

Sie hatte die Nummer der zuständigen Polizeidirektion in Bamberg herausgesucht. Ein Beamter meldete sich am Telefon. Sie stellte sich kurz vor, bat den Kollegen um genauere Angaben.

"Frau Kollegin? Ja, warten Sie bitte, ich habe es leider noch nicht im EDV-System! Wenn Sie sagen, es sei über zehn Jahre her, dann müsste ich mal eben ins Archiv. Also, ja ich schreibe mal auf: Wagner, Klaus Wagner. Unfallopfer, sagen Sie. Gut. Ich rufe sofort zurück!"

Es dauerte eine knappe halbe Stunde. "Frau Wimmer? Polizeihauptmeister Franz am Apparat. Also, ja, ich habe die Akte. Sie ist, warten Sie mal...." Ingeborg hörte ihn blättern. "... sie ist erstaunlich dick!"

Ingeborg wunderte sich nicht. Unfallakten waren eigentlich immer dick.

"Also, ja, verunglückt im Winter 2003. Er wurde angefahren... Hier sind Fotos vom Unfallort..., ja, viel Schnee. Hm... oh! Ach herrje!"

Ingeborg wurde aus dem Gestammel nicht ganz schlau. "Ja? Herr Franz? Was gibt es? Doch wohl ein eindeutiger Unfall?"

"Ja." Der Beamte räusperte sich. "Er wurde abends in einer eher dunklen Gegend überfahren, nur...." Er zögerte etwas, scheinbar las er die Akte.

"Nur...??"

"Fahrerflucht, Frau Kollegin."

Ingeborg spürte augenblicklich, wie sich ihr Magen zusammenzog. "Fahrerflucht? Hat man den Fahrer des Wagens ermitteln können?"

"Warten Sie... muss das erst lesen... ist ne Menge Zeug!" Wieder hörte sie es rascheln, dann husten. Sie wusste gut, dass man an Staublunge erkranken konnte, wenn man viel mit Akten zu tun hatte. "Negativ, Frau Wimmer! Darf ich Sie fragen, wieso sich die Kripo München plötzlich für diesen Fall interessiert?"

"Der Junge wurde als Zeuge in einer Pädophiliesache gesucht."

"Das hat sich jetzt ja wohl leider erledigt!" Auch ein Kommentar, überlegte Ingeborg. "Ja, könnte man so sagen. Sagen Sie, was hat die KTU erbracht? Wahrscheinlich nicht viel, wenn kein Fahrer ermittelt werden konnte."

"Also, hier steht, schwere Kopfverletzung, der Junge muss sofort tot gewesen sein. In der Nähe wurden, an einem Pfahl, Farbspuren eines PKW festgestellt. Diese konnte man aber nicht wirklich in Zusammenhang mit dem Unfall bringen und wurden deshalb, nach einer Analyse, nicht weiter verfolgt."

"Ja. Das glaube ich gern. Kann ja ein ganz anderer Wagen gewesen sein. Was hatte die Analyse ergeben?"

"Also, ja, Farbe Leuchtorange, Auto möglicherweise ein VW 411E oder 412 E. Baujahr 1972. Muss also eine alte Kiste gewesen sein, mindestens so an die dreißig Jahre alt. Tut mir leid, Frau Kollegin, dass wir Ihnen da nicht weiterhelfen konnten. Ich hoffe, sie finden noch andere Zeugen in Ihrem Fall. Ich mag diese alten Wichser nicht!"

Ingeborg bedankte sich für die Auskunft. VW 411 oder 412? Nein, das sagte ihr rein gar nichts. Und ein Auto in Orange?? Wer fuhr denn so was?


München, Ende April

Barbara hatte Evelyn erst gesehen, als es bereits zu spät war, noch in irgendeinem Hauseingang Zuflucht zu suchen. Sie war in der Stadt unterwegs, musste einfach mal wieder unter Menschen, sehen, wie es ging, und ob es überhaupt ging.

"Barbara! Endlich treffen wir uns mal wieder! Mann, bin ich froh, dich zu sehen. Also, du glaubst ja gar nicht, wie oft ich schon in den letzten Wochen an dich gedacht hatte!" Man konnte ihr die echte Freude ansehen. Doch ihre nächste Frage irritierte um so mehr. "Es gibt Barbara also noch, Klaus?"

"Siehst du doch, Lyn!", gab dieser pampig und gereizt zurück.

Evelyn sandte ihm einen wissenden Blick. "Na, dann ist ja doch wohl alles in Ordnung, nicht? Hast du etwas Zeit? Wollen wir einen Kaffee zusammen trinken?"

Er suchte verzweifelt nach eine Ausrede, nein, Lust hatte er keine, und in Ordnung war gar nichts. Wie aber sollte er der Rettungssanitäterin erklären, aus welchem simplen Grund es Barbara immer noch gab? Weil er immer noch diesen beschissenen stählernen BH trug? Und weil Ingeborg ihm auch nicht die Schenkelbänder ersparen wollte? 'Glaube mir,' hatte Ingeborg gesagt, 'es ist besser so! Ohne die Schenkelbänder wirst du bloß wieder in Versuchung kommen, Hosen anzuziehen!' Und er hatte es stillschweigend über sich ergehen lassen, wie auch all das andere, was Ingeborg von ihm wollte. Diese dämliche Messdiener-Geschichte! Erwachsenen-Messdiener? Bescheuert. Ja, er hatte mitgemacht an Ostern, wollte ihr einen Gefallen tun, wollte er doch wissen, warum sein Freund Thomas bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.
Und jetzt war er hier, unterwegs in Münchens Fußgängerzone als Barbara, nicht, weil er es gut fand, sondern weil er keine Wahl hatte. "Klar doch, Lyn. Können wir machen!"

Wenig später hatten sie in einem Café Platz genommen, ihre Jacken und Mäntel abgelegt und Kaffee und Kuchen bestellt. Sie spürte deutlich den fehlenden Schutz ihres Mantels; die prominente Wölbung ihrer Brust ließ wohlentwickelte, volle Brüste erahnen; Männer mochten hinschauen, sie mit ihren Röntgenblicken abtasten. Männliche Röntgenaugen, die Stahl durchdringen konnten - und sahen, dass nichts dahintersteckte?, überlegte er.

"Wie geht's denn so?" Evelyn wartete keine Antwort ab. "Weißt du, ich hatte mir echt Sorgen gemacht, dass du nicht klarkommst, also mit Barbara. Ich wollte dir schon ernsthaft zu einer Therapie raten!"

Er wich zurück. Nicht einen Meter, wohl aber einen gefühlten halben Meter. Etwas lauter, als für ein Café angebracht, fuhr er auf. "Soll ich etwa zu einem Psychiater gehen? 'Zwei rote und zwei gelbe', wie bei 08/15? Oder so wie in 'Einer flog übers Kuckucknest'?" Theatralisch verschränkte er in einer unmissverständlichen Geste seine Arme vor der Brust.

Evelyn verstand das erste nicht, wohl aber die Geste. "Ach, Quatsch! Davon ist doch gar keine Rede! Übertreib mal nicht gleich. Ich hatte an Gesprächstherapie gedacht, irgendeine Gruppe, oder so. Oder halt Beratung durch einen Psychologen."

Barbara blickte weg. Warum sollte sie zu einem Psychologen?? "Ich komm schon klar, Lyn. Brauchst dir um mich keine Sorgen machen!"

"Dann ist ja alles gut." Sie sah ihn an; ihre Augen drückten etwas anderes aus, als was sie gerade gesagt hatte.

"Viel zu tun?" Er versuchte, das Thema zu wechseln.

"Geht so. Im Moment ists eher ruhig. In ein paar Monaten dann wirds schlimmer.... die ganzen Abifeiern, Schnapsleichen, du weißt. Und im Sommer dann gibt es Badeunfälle und Leute, die mit ihrem Grill Mist machen. Und du?"

Klaus zuckte die Schultern. "Weiß noch nicht. Mal sehen, was ich mir bis zum Spätsommer überlegt habe... also Studium, oder Ausbildung." Er stocherte lustlos in seiner Torte herum. Musste sie denn nicht bald gehen?

"Schön. Hast also darüber nachgedacht, was ich letztens gesagt hatte, dass du besser nichts mit Kindern...."

"Ja! Hab ich!", fuhr er ihr ins Wort. Dann, etwas leiser: "Hast ja recht. Es sitzt wohl in einem drin und die Gefahr ist zu groß, dass es eines Tages hervorbricht und neues Unheil anstiftet. Pater Ruprecht behauptet ja auch schon, er sei selber ein Missbrauchsopfer!"

Evelyn trank ihren Kaffee aus. "Läuft der Prozess schon?"

Klaus schüttelte den Kopf. "Nein, noch längst nicht. Es ist schwierig, Zeugen zu finden. Aber er sitzt wohl noch in U-Haft. Von mir aus können sie dem Schwein da was abschneiden...."

"Na, die Zeiten sind gottlob vorbei, wo Tätern was abgeschnitten wurde. Zumindest in unserem Rechtsverständnis. Und von den Ländern, wo Dieben die Hand abgehackt wird, wollen wir lieber nicht lernen!" Sie überlegte, machte eine kurze Pause. "Weißt du, unser Strafrecht beruht darauf, dass der Mensch fehlbar ist. Aber auch auf der Erkenntnis, dass derjenige den ersten Stein werfen solle, der ohne Sünde ist. Anders gesagt, niemand von uns ist wirklich besser. Und weil niemand besser ist, beruht unser Strafrecht nicht auf Strafe, sondern auf Vergebung und Versöhnung. Einem Dieb, dem ich die Hand abhacke, werde ich sie nie wieder reichen können, wenn dieser Dieb geläutert wurde. Deswegen passt auch die Todesstrafe nicht in unser Weltbild, weil wir den Täter nicht mehr als Mensch sehen, sondern nur noch als ein Stück Fleisch, das weggeworfen werden kann!"

Welch eine Rede! Klaus wusste nicht, was er erwidern sollte. "Auch wahr. Schade, dass du nicht in die Politik gegangen bist, Lyn!" Er sah, dass Evelyn bereits wieder zu ihrem roten Rucksack griff. "War auf jeden Fall schön, mal wieder mit dir zu sprechen. Ich sage dir Bescheid, wann es zum Prozess kommt. Willst ja vielleicht auch dabei sein...."

Evelyn stand auf und gab Barbara einen Kuss auf die Wange. "Kannst stolz auf dich sein, Barbara!", flüsterte sie. Dann ging sie.


% % %

Konnte er stolz auf sich sein? Klaus ging sehr langsam zurück nach Hause. Nein, dachte er, sie hat ja nicht mich gemeint, sondern Barbara! Warum aber konnte er sie nicht greifen, warum verschwand sie ihm immer wieder, so wie einem feiner, trockener Sand durch die Finger rieselt?
Er hatte lange vor einem Schaufenster gestanden, hatte kaum registriert, was ausgestellt war; es interessierte ihn nicht. Er sah nur Barbaras Spiegelbild, das lange braune Haar, den gepolsterten Satinhaarreifen, den hübschen, knielangen Rock mit dem darunter getragenen Unterrock, dessen Spitze knapp unter dem Rocksaum hervorblitzte, und die Schuhe mit den hohen Absätzen, nach denen sich jeder zweite Mann umdrehte. Ein Bild, dachte er, es ist nur ein Bild, das ich anderen zeige. Mehr nicht. Es verschwand, wenn man es, wie eine Photographie, von der Kante betrachten wollte.

Er war müde. Und er hatte die Schnauze gestrichen voll von der stählernen Unterwäsche, die er immer noch tragen musste, und die ihm genau dieses Bild weiterhin aufzwang. Es war an der Zeit, es loszuwerden. Ingeborgs ganze Aktion hatte rein gar nichts gebracht, außer blauen Druckrändern auf seiner Haut.

Er sah auf seine Uhr. Bald würde Ingeborg Feierabend machen. Vielleicht könnte er sie noch an ihrer Dienststelle abfangen, mit ihr nach Hause fahren, dann den ganzen Mist endlich loswerden?
Es war nicht weit bis zur 'Löwengrube'. Wirklich abholen konnte er sie nicht; hingehen, an die Tür klopfen und sagen 'hallo, ich hole dich ab!' Aber er konnte sich an die Ausfahrt der Tiefgarage stellen und darauf hoffen, dass sie innerhalb der nächsten halben Stunde herauskäme.

Er hatte Glück. Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, bevor das automatische Rolltor sich öffnete und ihr kleiner Wagen zum Vorschein kam. Er winkte, Ingeborg Wimmer sah ihn, hielt an und ließ ihn zu sich einsteigen.

"Barbara!" Sie freute sich, sie zu sehen. "Du, entschuldige bitte, dass schon wieder eine ganze Woche vergangen ist, seit wir Ostersonntag zusammen Messe gedient hatten. Wir sind übrigens...."

"Ist schon okay, Ingeborg. Kann ich mit zu dir nach Hause?" Er hatte nicht auf ihre Worte geachtet.

".... für die Abendmesse am Mittwoch eingeteilt. Nur du und ich!" Sie blickte kurz zu ihm hinüber; endlich hatte er sich angeschnallt; sie konnte weiterfahren. "Klar doch! Kannst immer gern mit zu mir kommen, Barbara!"

Sie fuhren schweigend weiter. Ingeborg musste sich auf den zunehmenden Berufsverkehr konzentrieren. Dann aber fiel ihr doch noch etwas ein. "Sag mal, weißt du, was ein VW 411 oder 412 ist?"

Klaus schaute sie verwundert an. "Ja, klar weiß ich das!"

Ingeborg wartete auf mehr, aber den Gefallen wollte er ihr scheinbar nicht tun. Vielleicht hatte sie die Frage falsch gestellt? "Ja? Und was?"

"Ein Volkswagen, Ingeborg!"

"Haha, Witzbold! Auf den Gedanken bin ich ja noch gar nicht gekommen!" Ingeborg lachte still in sich hinein. "Volkswagen? Hm, ich kenne den Käfer, Golf und Polo. Aber von dieser Kiste habe ich noch nie gehört!"

"Warum fragst du?"

"Man hatte Lacksplitter von so einem Wagen in der Nähe von Thomas Unfallort gefunden. An irgendso einem Pfahl!"

"An einem Pfahl? Was für ein Pfahl denn?"

"Na, ein Pfahl halt. Ein Zaunpfahl, oder ein Lampenpfahl, was weiß denn ich? Es ist nicht einmal gesagt, dass diese Spur irgendetwas mit dem Unfall und der Fahreflucht zu tun hat. Ein Kollege sagte, es handele sich um einen wahrscheinlich dreißig Jahre alten Wagen. Genauso alt können also diese Lacksplitter sein."

"Man müsste halt herausfinden, wie alt der Pfahl war!"

"Haha, da spricht der Fachmann. Also, Barbara, da könnte man diese Lackspuren auch gleich auspendeln! Freiwillige vor!"

Sie sieht immer nur Barbara!, dachte Klaus. "Ach, was weiß denn ich!"

Sagt dir also auch nichts, dieses Modell?"

"Nicht wirklich."

"Egal. Komm, wir sind gleich bei mir. Komisch übrigens... lauter dunkle Autos hier! Früher gab es da ganz andere Farben! Leuchtorange zum Beispiel! So was würde heute doch kein Mensch mehr kaufen! So, wir haben Glück, ein Parkplatz vor der Haustür!"



Sie hatten ihre Jacken an Ingeborgs wackligem Ständer aufgehängt. Ingeborg hatte sich bequeme Socken angezogen, Klaus seine high heels abgestreift. Ingeborg hatte ihm ebenfalls dicke Socken angeboten, die er gern über seine dünnen Nylons anzog.
Kaffeeduft erfüllte bald die Küche. Klaus hatte auf einem der ungepolsterten Küchenstühle - skandinavisches Design in weißem Schleiflack! - Platz genommen und ruckelte unruhig hin und her. Etwas theatralisch drückte er gegen seinen stählernen BH.

"Lass mich bitte raus, Ingeborg. Ich kann's nicht mehr haben! Es nervt nur noch!"

Ingeborg wandte ihm den Rücken zu, goss Kaffee in zwei große Becher und schüttete einige Kekse aus einer Packung auf einen Teller. "Kommst du am Mittwoch?"

"Die Dinger hier sind einfach beschissen! Wenn ich wenigstens richtige Brüste darunter hätte, so wie du.... Dann würde es wenigstens Sinn machen!"

"....zur Abendmesse?" Sie stellte die Becher und die Kekse auf den Tisch und setzte sich. Verdammt, die Milch vergessen! Sie stand noch einmal auf.

"....und meine Oberschenkel sind schon ganz wund gescheuert."

"Wir sind für die Abendmesse eingeteilt, Barbara!" Sie nahm einen Liter Milch aus dem Kühlschrank, holte ein kleines Kännchen aus dem Wandschrank, goss die Milch hinein und stellte die Tüte zurück in den Kühlschrank.

"Wo hast du meine Schlüssel, Ingeborg?"

Ingeborg betrachtete ihn. Warum reagiert er nicht auf meine Fragen? "Wirst du kommen??"

Klaus griff nach einem Keks. "Das bringt doch alles nichts, Ingeborg. Die Dinger hier sind verdammt unbequem..."

Sie beugte sich etwas vor. "Wem sagst du das? Glaubst du, mir macht das hier Spaß?" Sie legte beide Hände unter ihre Brüste. "Ich würde vielleicht ganz gern mal wieder meine richtigen Brüste spüren, nicht immer nur diesen beschissenen BH! Und hier," sie legte eine Hand in ihren Schritt, "möchte ich mich auch ganz gern mal wieder verwöhnen! Also hör auf zu jammern. Du kannst mich ja auch endlich mal rauslassen! Immerhin habe ich dir die ganzen Informationen über deinen Freund geliefert, die du haben wolltest!"

Klaus erstarrte. Mit einer so heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Wie es wohl ist, wenn man wochenlang nicht an seine Brüste kann?, überlegte er.

"Es ist scheiße!" Ingeborg klopfte gegen die stählernen Halbkugeln, unter denen ihre Brüste verschlossen waren. Konnte sie Gedanken lesen? "Also, kannst mich auch ruhig mal rauslassen!" Sie legte ihre offene Hand auf den Tisch. Alles erinnerte irgendwie an jenen ersten Kontakt in einem Café, als der Schlüssel zu ihrem Keuschheitsgürtel und -BH mehrmals zwischen ihnen hin und her gewandert war.

"Ich hab deine Schlüssel nicht hier! Das weißt du doch!"

"Siehst du! Und ich habe deine Schlüssel auch nicht hier!" Sie blickte ihn an.

Klaus hob den Kopf. "Echt jetzt? Mach keinen Scheiß! Wieso hast du die Schlüssel nicht hier? Und wo sind sie denn?"

Ingeborg hielt seinem Blick stand. Wenigstens lernt man bei der Polizei gutes Lügen, dachte sie. "Ich habe sie in meinem Schreibtisch. Im Präsidium. Ich hatte sie eingesteckt, weil ich eventuell nach der Arbeit zu dir fahren wollte. Und im Büro fielen sie mir aus der Tasche. Eine Kollegin fand sie, hob sie auf und legte sie mir auf den Schreibtisch. Und ich legte sie dann in meine Schublade, weil sie mich störten." Eine hübsche Geschichte! Gleich würde sie selber daran glauben! "Tut mir leid, Barbara. Aber da liegen sie halt immer noch!"

Klaus knallte seine Kaffeetasse etwas heftig auf den Tisch, sagte aber kein Wort.

"Ach, weißt du was? Bis übermorgen werden wir es wohl noch aushalten können! Ich werde dann abends deine Schlüssel mitbringen in die Kirche, und du bringst meine mit. Ist doch gar kein Problem!" Sie registrierte das Zucken seines Gesichtes. "Ach komm, ist schon nicht so schlimm. Nimm deinen Kaffee mit. Lass uns rübergehen ins Wohnzimmer. Im Sofa sitzt es sich doch wesentlich bequemer, so lange wir in diesen blöden Dingern stecken! Außerdem wollte ich endlich mal nachsehen, was für ein seltsamer Wagen dieser alte Volkswagen ist."


Beide nahmen ihre Tassen, nachdem Ingeborg noch einmal nachgeschüttet hatte, Klaus dachte auch an den Teller mit den Keksen. Ingeborg klappte ihr Notebook auf, fuhr es hoch und tippte dann die entsprechende Angabe bei Google in das Suchfeld. Alsbald hatten sie und Klaus jede Menge Information über ein Auto, das es lange schon nicht mehr gab.
"Schon mal gesehen, so eine Karre, Barbara?"

"Nicht wirklich. Sieht auch irgendwie recht hässlich aus. Er las flüchtig den Artikel bei Wikipedia. "War wohl nicht der große 'burner'. Komische Sache eigentlich, dass VW damals mit praktisch nur zwei Modellen so eine Riesenfirma aufbauen konnte. Gab ja mal nur den 'Käfer' und den 'Bulli' damals, also wenn ich das richtig verstehe. Also den Transporter. Und als diese komische Kiste dann dazukam, da ging es dann langsam los mit der Produktentwicklung."

"Ja. Ich weiß nur noch, Käfer sah man damals noch eine ganze Menge, als ich klein war. Aber dieses komische Gefährt hab ich auch noch nie gesehen. Erst recht nicht in so einer krassen Farbe!" Sie klappte das Notebook zu, nachdem sie kurz ihr Mailprogramm gecheckt hatte.

Und was machen wir jetzt?, fragte sie und schob sich dichter an Klaus heran. Langsam schob sie einen Fuß unter seinen Rock, wanderte an seinem Bein entlang, bis sie auf harten Wiederstand traf. "Arme Barbara....", murmelte sie. Dann zog sie ihren Fuß zurück und beugte sich zu ihm hinüber.


München, Ende April, Anfang Mai

Sie war erleichtert als sie sah, dass Barbara, etwas verspätet, die Tür zur Sakristei öffnete. Ingeborg selber hatte sich schon umgezogen und für die Zeit nach der Messe alles vorbereitet. Der Pastor hatte sie bereits vorher darum gebeten, alles aufzuräumen und die Kirche abzuschließen; er müsse ganz dringend noch einen Hausbesuch machen.

"Da bist du ja! Schön, dass du kommst, Barbara!"

Klaus nickte ihr zu. Wie lange soll ich diesen Scheiß noch mitmachen?? "Kein Problem. Außerdem hattest du ja für heute die besseren Argumente." Er lachte etwas, hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, seine Stimme etwas anzuheben; es war außer ihnen niemand in der Sakristei. Er langte gleich in eine Seitentasche seines kleinen Rucksacks. "Hier Ingeborg, deine Schlüssel. Ich hoffe, du hast auch an meine gedacht?"

"Ja, natürlich!" Sie nahm ihm die kleinen Schlüssel ab und gab ihm nun ihrerseits die Schlüssel zu seinem Keuschheitsgürtel und dem BH. "Da können wir uns ja auf heute Abend freuen, nicht wahr? Hoffentlich musst du nicht gleich nach der Messe nach Hause??" Sie hatte versucht, ihrer Stimme einen möglichst unschuldigen Ton zu geben.

Er sah sie an. Überlegte. "Nein, muss ich nicht. Ich habe Zeit. Was hast du denn vor?"

"Ich...."

Das laute Klacken der Tür unterbrach sie. Der Pastor war gekommen, ganz außer Atem, wie es schien. "Ah, Sie sind schon da und auch schon fast fertig für die Messe! Sehr schön. Ingeborg, wollen sie mir bitte helfen? Derweil kann Barbara sich selber umziehen!"

Ingeborg half dem Priester beim Anlegen seiner liturgischen Gewänder. Vielleicht war es besser so, dass sie für den Moment einer Antwort enthoben war. Sicherlich würde es Barbara leichter fallen, ihr bei ihrem Vorhaben zu helfen, wenn sie wusste, dass sie allein waren und die Kirche bereits abgeschlossen.

Die Liturgie machte ihr Spaß. Vielleicht weil es so ganz anders als ihr Dienst bei der Kriminalpolizei war. Der Ablauf einer Abendmesse war leider nicht so spannend wie das feierliche Hochamt zu ihrer Einführung am Ostersonntag, wo der Duft von Weihrauch die kleine Kirche erfüllte. Aber auch ohne Weihrauch war es jedes Mal noch andächtig genug; eine Stunde, in der sie seelisch abschalten konnte.
Verstohlen beobachtete sie Barbara. Wo habe ich sie? Wird sie mir helfen wollen? Ich muss einfach wissen, wie es ist! Sie hatte keine Ruhe gehabt, seit Barbara ihr die seltsame Vorrichtung gezeigt hatte. Strafe? Strafe wofür? Es gruselte sie leicht, wenn sie daran dachte.
Sie hatte lange überlegt, welche Verbindung es zwischen dieser Monika, der verunglückten Frau aus Köln und Klaus gab. Wer mit wem? Und wer mochte den dominanten Part gespielt haben. Dass es sich nicht um langweiligen Blümchensex gehandelt haben konnte, das schien außer Frage. Aber war Klaus der dominante Part gewesen? Wie aber passte dann Barbara in diese Dreierbeziehung? Je mehr sie darüber nachgedacht hatte, um so größer war ihre Verwirrung geworden. Wie aber würde sie Licht in das Dunkel dieser ménage à trois bringen? Daniela war tot. Monika irgendwo im fernen Australien. Und Klaus?
Sie hatte es aufgegeben, Klaus zu finden. Er war nicht wirklich da, physisch ja, aber selten mehr als das. Während ihrer Suche nach Pater Ruprecht hatte sie ihn stark gespürt, da war er präsent gewesen. Aber dies hatte seit Beginn des Jahres wieder stark nachgelassen. Er war wieder zu Barbara geworden. Bis... ja bis scheinbar auch Barbara nicht mehr helfen konnte. Eines schien ihr klar, es würde bald wichtiger denn je werden, dass Klaus - oder Barbara - anfing, sich alles von der Seele zu reden.


Nach der Messe, zu der, wie erwartet, nur einige wenige alte Leute gekommen waren, behielt Ingeborg ihre Messdienerkleidung an, während Klaus sich möglichst schnell wieder umgezogen hatte.
"So, Ingeborg, ich wär dann so weit. Was hast du vor? Wollen wir noch irgendwo hingehen? Auf einen Wein vielleicht?"

"Wart mal bitte noch einen Moment, Barbara. Ich muss erst hinten absperren. Da mag noch der eine oder andere in der Kirche sein. Dann können wir es machen!" Sie griff nach ihrer Handtasche und ging zurück in die Kirche.

Klaus sah, wie sie sorgfältig die Kerzen am Altar löschte und dann nach hinten in die dunkle Kirche verschwand. Leise Wortfetzen drangen an sein Ohr, dann vernahm er das Schließen der Kirchtür. Es war so still, deutlich konnte er sogar das Drehen des Schlüssels hören. Oder bilde ich es mir nur ein? Monika, die hinten abschließt?? "Verdammt," flüsterte er leise zu sich selbst. "Ingeborg, nicht Monika! Was ist denn bloß los mit mir?" Er wartete, dass Ingeborg zurück kam; aber sie kam nicht.

Ingeborg hatte sich von einer alten Frau verabschiedet, dann hatte sie abgeschlossen und war in die kleine Anbetungskapelle geeilt. Sie brauchte höchstens zwei Minuten, vorausgesetzt, der Akkuschrauber gab seinen Geist nicht auf. Sie wusste, die Schrauben waren lang, sonst aber gab es keine Probleme. Sie hatte es bereits einmal ausprobiert, dann aber alles wieder so hergerichtet, dass es niemandem auffallen würde.

Klaus wunderte sich über das Geräusch, das zu ihm drang. Es mochte ein leises Geräusch sein, aber die kahlen Wände der Kirche gaben es verstärkt weiter. Es klang wie.... eine Bohrmaschine?? Das Geräusch erstarb. Ingeborg kam aus dem Dunkel zurück. Hatte sie irgendetwas gemacht?
"Fertig, Ingeborg? Wollen wir gehen?" Er wandte sich zum Gehen, aber Ingeborg hielt ihn am Arm fest.

"Warte bitte, Barbara! Du musst mir helfen! Komm mit, hab keine Angst! Alleine kann ich das nicht...."

Bilder verschwommen vor seinem inneren Auge. Erst Daniela, dann Andrea. Dinge, die er getan hatte. Dinge, die mit ihm gemacht wurden.

Ingeborg zog an seinem Arm. "Komm, Barbara. Bitte! Ich muss es jetzt machen.... ich habe Strafe verdient!"

Er sah nach unten, sah seinen Rock, seine Füße, die sich mechanisch vorwärts bewegten. Was hat sie vor?? Plötzlich spürte er inneren Widerstand. Seine Füße schienen lahm geworden, auf seiner Brust lastete tonnenschwerer Druck. "Bitte, Ingeborg.... nicht..."

Sie griff fester zu. Ingeborg spürte den Widerstand, den sie überwinden musste. Sie schafften es bis in die Kapelle, sie ließ ihn stehen, beugte sich zu ihrer Tasche hinab, nahm etwas heraus, drückte es ihm in die Hand. Dann nahm sie in der Bank Platz, hielt einen kurzen Augenblick inne, kniete sich dann hin, wobei sie sorgfältig den Stoff ihres schwarzen Talars unter den Knien glatt strich. Mit etwas Mühe legte sie ihre Füße in den hölzernen Block unter der Bank, dessen Funktion sie wiederhergestellt hatte; ebenso verfuhr sie mit dem Brett vorne an der Bank, welches sie hochgeklappt hatte, und das ihre Handgelenke aufnahm.

"Schließ sie bitte ab, Barbara! Und dann klappe noch das Sitzbrett um!" Sie machte eine kleine Pause, blickte ihn an. "Bitte!!"

Klaus war wie tot. Er schaute in seine Hand, krampfhaft umklammerte er zwei kleine Messingschlösser. Er sah Ingeborg vor sich in der Bank knien....

"Nein!" Er atmete heftig. "Nein, nicht noch einmal!! Ich ... ich kann das nicht mehr. Es ist genug! Bitte..." Er ließ die Schlösser fallen; laut polternd fielen sie auf den Steinfußboden. Dann drehte er sich um und ging fort.

"Scheiße!", murmelte Ingeborg. Sie hatte es verspielt. Und sie war sauer und enttäuscht. "Und was ist mit dem Korsett??", brüllte sie ihm hinterher. Sie wusste nicht, warum sie sagte, und hatte es wenige Minuten später bereits wieder vergessen, als sie sich daran machte, die langen Schrauben wieder an Ort und Stelle zu bringen.



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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:02.01.18 10:28 IP: gespeichert Moderator melden


Hallo Daniela 20,

vielen Dank für die Mühen, die du dir mit dieser tollen Geschichte machst. Gut recherchierte Details und saubere gesellschaftliche Analysen gepaart mit einer mitreißenden Story ergeben über 5 Teile ein Sittenbild unserer Zeit.

Mir macht das Lesen immer wieder und immer noch viel Freude. Nochmals vielen Dank in Vorfreude auf die noch kommenden Teile und vielleicht irgendwann eine ganz neue Geschichte.
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wmms Volljährigkeit geprüft
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:02.01.18 13:55 IP: gespeichert Moderator melden


Hallo Daniela
zuerst möchte ich Dir noch alle Gute zum Neuen Jahr wünschen und hoffe, dass Du noch viele tolle Geschichten schreiben wirst.
Zur Versöhnung aber auch zur ganzen Reihe möchte ich Dir an dieser Stelle danken und gratulieren. Eine sehr einfühlsam geschriebene Geschichte.
Danke und viele liebe Grüsse
wmms
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maximilian24
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:05.01.18 18:32 IP: gespeichert Moderator melden


Ja, Daniela, für Ingeborg schaut es wieder einmal triste aus. Ich habe aber großes Verständnis für Klaus und seine Reaktion. Welch innerer Schmerz muss da aufkommen! Die Kräfte der Erinnerungen können unheimlich und stark sein! Trotzdem muss er da durch damit er seinen inneren Frieden finden kann. Oder sollte doch "Verdrängung" das einzige Heilmittel sein?
Alt werden will jeder, alt sein aber keiner
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Daniela 20
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  RE: Versöhnung (Fortsetzung von "Schuld") Datum:07.01.18 22:00 IP: gespeichert Moderator melden


Weiter im Text! Heute eine etwas kürzere Fortsetzung, dafür aber wird es am nächsten Sonntag...., ach, ich will lieber nichts verraten! Auf jeden Fall sollte man Zeit zum Lesen haben! Ein ganz herzlicher Dank den Lesern, die mir geschrieben haben. Habe mich wieder riesig gefreut!! Eure Daniela 20

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Er war hinausgelaufen in den lichten Abendhimmel. Wieder einmal!, dachte er. Immer laufe ich weg! Weg weg weg!! Wie lange soll das noch so weitergehen? Und WO laufe ich eigentlich hin?? Einen Vater, der irgendwo in einem fernen Erdteil auf ihn wartete, gab es nicht.
Er hatte sehr wohl gehört, was Ingeborg ihm noch hinterhergerufen hatte. 'Was ist mit dem Korsett??' Klaus verstand es nicht. Diese Kriminalbeamtin... wieso hatte sie überhaupt Danielas Keuschheitsgürtel, und auch den Keuschheits-BH? Und hatte sie das andere Teil vielleicht auch?? Er erinnerte sich dunkel an jene erste GeiDi-Gaudi. Hatte nicht alles auch hier, an dieser kleinen Kirche einmal angefangen? Als er Monika und Daniela aufgelauert hatte und ihnen zu dieser seltsamen Oktoberfest Variante gefolgt war? Und dort dann.... diese seltsame Fernbedienung? Er hatte damals wahllos auf Knöpfe gedrückt, ohne zu wissen, was er damit eigentlich aktivierte. Später hatte Daniela ihm davon berichtet...., er erinnerte sich noch gut an ihr Gesicht, wie sie es erzählte.

Das Korsett, von dem er Ingeborg so leichtfertig erzählt hatte..., er wusste, wo es sein musste. Vorausgesetzt, Monika hatte es nicht mitgenommen nach Australien. Und er wusste auch, wo ein Ersatzschlüssel zum Haus von Monikas Mutter lag. Damals hatte er diesen Schlüssel benötigt, als er.... als Barbara!.... mit Daniela zusammengekettet war und Monika beinahe das Leben verloren hätte.

Seine Schritte wurden langsamer. Ein Sumpf, ein bodenloser Sumpf musste es wohl sein, in den er hier geraten war. Alle hatten irgendwie Dreck am Stecken! Langsam kam er sich vor wie ein Spielball eines Spiels, das er immer noch nicht ganz durchschaut hatte. Vielleicht war es ganz einfach an der Zeit, mitzuspielen! Anderen einfach zu geben, was sie haben wollten!
Er begann leicht zu zittern, musste sich einige Momente auf eine Bank setzen und zur Ruhe kommen. Er versuchte sich die Konsequenzen vorzustellen, aber die Vorstellung führte unweigerlich in die Katastrophe. Oder war sie bereits eingetreten? Hatte er überhaupt noch eine andere Wahl als den eigenen Untergang?

Er überlegte, wen er fragen konnte. Kannte er jemanden, der es verstand, wie ihm zumute war? Wenn man mit dem Rücken an der Wand stand? Oh ja, er kannte jemanden! Er fand sein altes Handy, suchte die entsprechende Nummer und wartete auf eine Antwort. Es klingelte lange, dann aber wurde abgenommen. "Ja, bitte?"

"Ich bin es, Klaus. Ich... mir geht es nicht gut! Können wir uns treffen?"


% % %

Er hatte wieder einmal lange unschlüssig vor dem Spiegel gestanden und überlegt, was er anziehen sollte. Hose, oder Rock? Und wie jedes Mal war diese Frage keine simple Wahl, sondern die Entscheidung zwischen Klaus oder Barbara. Warum nur war es so schwierig, warum durfte er denn nicht einfach anziehen, was er wollte?
Die bereits sehr warme Nachmittagsluft machte ihm die Entscheidung nicht gerade leichter. Nur.... Er hatte lange versucht, gegen seine weibliche Seite anzukämpfen. Bisher war es ihm gelungen. Sehnsüchtig streichelte er den Stoff von Barbaras Dirndl; nein, das könnte er jetzt sowieso nicht anziehen. Und den weiten Petticoatrock mit den lustigen Punkten? Auch nicht. Der knielange Jeansrock würde eigentlich immer gehen....

Er parkte seinen Roller in der Nähe der Adresse, die sie ihm angegeben hatte. Kam mit dem Hosenbein an eine schmutzige Stelle. Mit Rock wäre das nicht passiert, du Feigling!, dachte er. Er hatte Barbaras Schrank zugeknallt, hatte sich nackt auf den Boden gesetzt, ein Häufchen Elend, das er in der Spiegeltür sehen konnte. Abschneiden, räsonierte er. Einfach abschneiden. Den langen Weg bis zum Ende gehen und dann.... Dann? Wie oft hatte er sich schon diese Frage gestellt. Was wäre, wenn? Wenn er sich operieren ließe?? Würde es ihn glücklich machen? Könnte er überhaupt damit leben? Gäbe es ihn denn dann überhaupt noch? Und was würde seine Schwester sagen, wenn er dann plötzlich nicht mehr käme? Würde sie jemals begreifen, dass es ihn immer noch gab? 'Laus helfen!', diese wenigen Worte, hervorgebracht mit ihrer ungebrochenen Kinderstimme, die für ihn aber jedes Mal so wichtig waren, weil sie für ihn die familiäre Zusammengehörigkeit bedeuteten? Könnte Barbara jemals ohne Klaus leben??

Wie ist es, wenn das Leben einem eine Entscheidung aufzwingen will, die man nicht treffen möchte? Er hatte lange überlegt, mit wem er über diese Dinge sprechen konnte. Und war am Ende auf eine Person gekommen, die über genug Lebenserfahrung verfügen musste, es zu wissen.

Er klingelte. Eine Stimme kan etwas quäkend aus dem Lautsprecher. "Ja?"

"Ich bin es, Klaus. Machst du auf?" Der Türsummer ertönte, er öffnete und betrat den düsteren Hausflur. Er war noch nie hier gewesen. Altbau. Nicht so schick wie das moderne Appartementhaus, in dem Ingeborg wohnte. Die Gegend hatte einen ordentlichen Eindruck auf ihn gemacht; Schmierereien, die so mancher als Kunst verstanden wissen wollte, obwohl es doch eigentlich nur Sachbeschädigung war, waren hier nirgends zu sehen. Und eine Hausbesetzerszene war eh nirgends zu finden. Dritter Stock! Einen Fahrstuhl gab es nicht. Quälte sie sich wirklich immer diese Treppen hoch? In ihrem Alter?

"Klaus! Schön, dich zu sehen! Komm rein." Seine Großtante umarmte ihn leicht. Er begrüßte sie, gab ihr den kleinen Strauß Blumen, an den er noch gedacht hatte, zog sich die Jacke aus, man konnte ja nie wissen, wie lange er blieb und ob es nicht abends wieder kühler wurde, dann folgte er Gertrud in ihr Wohnzimmer.
Er sah sich um. Was hatte er erwartet? Plakate von Che Guevara? Den süßen Duft von Haschisch?
Er bemerkte das Sofakissen mit Knick, wunderte sich über den 'Röhrenden Hirsch' an der Wand; alles Dinge, die er nur noch aus alten Heimatfilmen kannte. Er nahm Platz auf dem Sofa, versank fast in den weichen Sitzkissen. Gertrud verschwand wieder in der Küche, kam bald zurück mit Kaffee und Kuchen. Die Blumen hatte sie in eine Vase gestellt; sie brachten frische Farbe in das dumpfe Ambiente.

Gertrud lachte, als sie seinen Blick bemerkte. "Alles nur Tarnung, Klaus! Man muss ja nicht gleich die rote Fahne aus dem Fenster hängen, nicht wahr? Du weißt doch: 'Holzauge sei wachsam!' Besonders hier in München. 'Hauptstadt der Bewegung', vergiss das nicht!" Sie lachte wieder, schenkte beiden Kaffee ein. "Und wie geht es dir so? Hast du deine Schwester mal wieder besucht?"

Klaus nestelte an den langen Troddeln, die seitlich am Sofa herabhingen und sich gut anfühlten. "Ja. Ja, ich bin da gewesen."

"Gut. Ja, das sagte man mir! Komm, lang zu!"

Warum fragt sie mich, wenn sie es schon weiß? Und was weiß sie noch über mich? "Ich glaube, es geht ihr gut...."

"Es geht ihr gut, ja...," wiederholte Gertrud seine Worte. "Wenn wir davon ausgehen, dass ausreichend zu essen und ein Dach über dem Kopf für ein gutes Leben schon ausreichen."

"Sie kennt es ja wohl nicht anders?"

Gertrud straffte sich. "Glaube mir, ich habe genug Elend in der Welt gesehen. Und Leute getroffen, die eine tägliche Schüssel Reis mit etwas Gemüse hatten und in einer wackligen Wellblechhütte hausten und allen Ernstes behaupteten, es ginge ihnen gut!"

"Was...?" Er kaute auf seinem Kuchen herum.

"Verstehst du es nicht, Klaus? Die Leute denken allen Ernstes, es ginge ihnen gut! Und ist es denn hier nicht genauso? Die ganzen Leute, die von der Stütze leben, haben nichts zu tun, werden nicht gebraucht, aber sie haben zu fressen und wohnen in einer hübschen Sozialwohnung. Das Fernsehen füttert sie von morgens bis abends mit hohlem Mist, und diese Leute glauben alle, es ginge ihnen gut! Ist doch zum Kotzen!"

"Aber es geht ihnen doch gut!"

"Also, unter 'Gut-gehen' verstehe ich was anderes. Dass die Leute einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können. Dass sie aufwachen und für etwas kämpfen. Dass sie frei sind vom Meinungsdikatat anderer."

"Genau, Tante Trudel. Du musst es ja wissen!" Er hatte ganz unbeabsichtigt diese Spitze von sich gegeben, merkte seinen kleinen Lapsus und beeilte sich, hinzuzufügen: "Bei deiner Lebenserfahrung wirst du mehr von all diesen Dingen verstehen, als so manch anderer."

"Allerdings! Ulrike Meinhoff hatte auch schon immer gesagt....."

Klaus achtete nicht darauf, was seine Großtante im Folgenden hervorbrachte. Hundertmal durchgekaute Phrasen, nicht unbedingt realitätsfern, aber eben auch nie nah an der Wirklichkeit. Eine sozialistische Traumwelt zum Kaffeetrinken.

".... verstehst du das, Klaus. Wir müssen weiterkämpfen. Wir dürfen keine Schwäche zeigen. Jetzt gilt es: 'Einer für alle und alle für einen!' Bis zum Sieg!"


Merkwürdig, dachte er. Wieso höre ich ganz andere Dinge, als sie sie gesagt hatte? Sagte sie nicht in Wahrheit: 'Ein Volk, ein Reich, ein Führer!'? Und sprach sie nicht eher vom 'Endsieg'?? Er entschuldigte sich, ging auf die Toilette, ihm war leicht übel geworden, kaltes Wasser in den Nacken, es half. 'Ick kann jar nischt so ville fressen, wie ick kotzen möchte!' Wer hatte diesen schönen Satz einmal gesagt?? Liebermann?

Gertrud hatte sich wieder entspannt. Man sah es ihr an, Körper und Geist gehörten längst nicht mehr zusammen. Klaus setzte sich wieder, überlegte, wie er das Gespräch in eine Richtung drehen konnte, die seine Fragen beantworten würde.

"Sag mal bitte, wie ist das, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht? Also, wenn man nicht mehr ausweichen kann?"

Sie lachte kurz, sah ihn aber mit einem verstohlenen Seitenblick an. "Ich würde mal sagen, es kommt auf die Wand an. Wenn es so eine hölzerne Hinrichtungswand ist, dann ist es ziemlich beschissen!"

"Das glaub ich gern! Hoffentlich sprichst du da nicht aus eigener Erfahrung! Nein, ich meinte eher, wenn man im Leben in eine Situation gerät, wo man das Gefühl hat, egal, was ich jetzt mache, es wird verkehrt sein!"

Sie senkte die Brauen, überlegte, schwieg aber.

Sollte er etwas hinzufügen?

"Wie.... wie meinst du das? Wie soll denn etwas falsch sein, was du tun willst?" Unverständnis lag in ihrem Blick.

"Ich weiß ja nicht, ob ich es wirklich will!"

"Dann lass es halt bleiben!"

"Nein, Gertrud, ich glaube, du verstehst es nicht! Es ist aber auch schwierig. Stelle dir vor, du wärst Überlebende eines Schiffsunterganges. Du klammerst dich an ein Holzscheit und glaubst dich für den Moment gerettet. Dann aber kommt noch jemand angeschwommen und greift nach deinem Holzscheit. Aber für euch beide ist es zu klein. Darfst du diesen dann wegstoßen, obwohl es ihn sicherlich das Leben kosten wird?"

Sie wandte sich ihm zu. Ihre Züge wurden heller. "Seltsam, dass du mich das fragst. Weißt du, genau dieselbe Frage hatten wir uns damals in den Siebzigerjahren auch oft gestellt. Ulrike meinte damals immer..."

Er hob seine Hand. "Ich will nicht wissen, was Ulrike Meinhof meinte! Ich will wissen, was du meinst! Was sagt deine ganze Lebenserfahrung zu diesem Problem?"

Sie schüttelte den Kopf. Leise und bedächtig. Sah auf ihre Uhr. "Es ist spät geworden, Klaus. Ich, ich habe heute keinen Mittagsschlaf gemacht. Sei mir nicht bös, ja? Nächstes Mal können wir darüber reden, nicht wahr?" Eine alte Frau, der jegliche Energie wieder gewichen war. "Komm, vergiss deine Jacke nicht. Und danke für die Pralinen!"



Klaus schüttelte sich, sobald er außer Sichtweite war. Er hatte gehofft, von der Lebenserfahrung einer Älteren profitieren zu können. Eine konkrete Anwort hatte er nicht erwartet, wohl aber ein wenig Lebenshilfe. Jetzt aber war er komplett desillusioniert. Was er gefunden hatte, war ein alt gewordener Mensch, der sich selber und sein Handeln scheinbar nie hinterfragt hatte. Ein Mensch, aufgewachsen mit Nazilügen und im späteren Leben abgefüttert mit roten Parolen. Und er fragte sich, wievielen Menschen ihrer Generation es wohl ähnlich ergangen war. Nein, nicht jeder von ihnen neigte zum Extremismus, zum bewaffneten Kampf. Aber war der ausufernde Materialismus, der sich in den Jahren des Wiederaufbaus bei vielen breit gemacht hatte, nicht auch eine Form von Extremismus? 'Wohlstandsbürger', die alles doppelt und dreifach haben mussten, nur um die innere Leere zu übertünchen? Menschen, die gar nicht erpicht darauf waren, sich eine eigene Meinung zu bilden und für diese zu kämpfen?

Es schauderte ihn. Er bestieg seinen Roller, startete die kleine Maschine und fuhr zurück. Er konnte nur hoffen, dass seine Großtante nicht aus Versehen die schönen Blumen aufaß!


München, Mitte Mai

Seine Finger schmerzten bereits, aber er hatte den Bauch voller Wut und beschloss, noch ein wenig mehr zuzuziehen. Ihr Stöhnen verriet ihm, dass die Prozedur sicherlich schmerzhaft sein musste. Immerhin war es das erste Mal, dass Ingeborg geschnürt wurde.
Warum mischte sie sich ständig in seine Angelegenheiten ein? Und dann dieser ganze Unfug mit den Messdienern! Ja ja, es war von ihm selber ausgegangen, nein, er verbesserte sich; es war ja von Barbara ausgegangen, sie hatte wissen wollen, wie es wohl ist, da vorne am Altar herumzuturnen und heilig zu tun, aber er hatte es nicht gewagt, all dies zu hinterfragen, Barbaras verborgene Wünsche in Frage zu stellen, ihren Willen niederzukämpfen. Und so war er wiederum in sein weibliches alter ego geschlüpft, hatte seinen Widerstand unterdrückt - und auch von Ingeborg unterdrücken lassen.

"Eng genug, Ingeborg?" fragte er sie. Ihr Stöhnen hatte noch einmal zugenommen.

"Ja," hatte sie mit einiger Mühe hervorgepresst. "Hast du so etwas auch mit Monika oder Daniela gemacht?"

Er erstarrte. Was ging es sie an, was er mit Monika oder Daniela gemacht hatte? Oder diese mit ihm? Klaus betrachtete seine Hände, die Korsettschnüre hatten bereits tief eingeschnitten. Die Schnürung des Korsetts stand noch mehrere Zentimeter offen. Er musste sie enger schnüren, so eng, bis sie aufhörte, dumme Fragen zu stellen. Polizei, dachte er. Die werden nie aufhören, dumme Fragen zu stellen! Sorgfältig darauf achtend, dass die Schnüre sich nicht lockerten, wickelte er sie fester um seine Hände. Er stemmte ein Knie in ihren Rücken, so würde es ihm leichter fallen, sie ganz zuzuschnüren.

Ihr Stöhnen ging in ein schwaches Jammern über; sie bekam kaum noch Luft. "Enger!", hauchte sie.

Es war ganz einfach gewesen, an Monikas Korsett heranzukommen, und es passte wunderbar. Er war durch das Loch im Gartenzaun geschlüpft, dann in den Schuppen gegangen, der Schlüssel lag tatsächlich wieder dort, wo er schon gelegen hatte, als er hier, zusammen mit Daniela, danach gesucht hatte. Monikas Mutter? Nein, sie tauchte nicht auf. Das Korsett lag dort, wo er es erwartet hatte. Es sah anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Dann war er zurück in sein Haus geschlichen und hatte einen günstigen Moment abgewartet, Ingeborg Wimmer in das steife, sehr feste Korsett einzuschnüren.

Hatte sie 'enger' gesagt? Er sah auf die Schnüre, er hatte bestimmt noch einmal nachfassen müssen, aber der Spalt in der Rückenschnürung war nicht schmaler geworden. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er verdoppelte seine Anstrengung, zog fester als zuvor, gleich würde ihm das Blut aus den Händen spritzen, aber obwohl die Schnüre immer länger wurden, wurde der Spalt nicht enger.

"Was hast du mit den beiden Frauen gemacht? Sage es mir! Oder was sie mit dir gemacht haben! Ich will es wissen!!" Ihre Stimme war wieder fester geworden, hatte sie sich denn so schnell an die enge Einschnürung gewöhnen können? "Und schnür mich endlich fester!"

Er dachte noch einmal nach. Hatte er denn irgendetwas übersehen? Er spulte seine Erinnerung noch einmal zurück. War drüben im Haus noch jemand gewesen? Monika? Unsinn, Monika war in Südaustralien und war weit weg. Aber er hatte ihre Anwesenheit deutlich gespürt. Er blickte sich noch einmal um. Sah ihr Zimmer so aus, wie sonst? Das Plakat hier an der Wand... sie hatte etwas darauf geschrieben. Er musste sich konzentrieren....
Er versuchte, seinen Blick zu schärfen.... Wer einfach aufgibt, ist halbtot!, hatte sie dort mit dickem Filzstift geschrieben, und Alle Wege führen nach Rom! darunter gesetzt.

Monika....


Er erwachte mit einem heftigen Ruck. Sah sich um, Sonne schien in sein kleines Schlafzimmer, es musste schon später Nachmittag sein. Noch konnte er Traum und Wirklichkeit nicht voneinander trennen, noch schmerzten seine Hände, noch glaubte er, Ingeborgs angestrengtes Atmen zu hören. Warum hatte sie sich gewünscht, immer enger geschnürt zu werden?
Barbara wusste sehr gut, was Korsetts mit einem machten. Sie gaben Halt und Stütze, umfingen den geschnürten Körper in inniger Umarmung, aber sie erlaubten es nicht, sich frei zu bewegen oder bloß ungehindert atmen zu können. Auffressen werden sie dich, am Ende werden sie dich auffressen. Wie ein angeketteter Wachhund, dessen Besitzer gestorben und für den Hund zur letzten Mahlzeit geworden war. Gegen ein Korsett kannst du nicht gewinnen! Du glaubst, es macht dich stärker, aber in Wahrheit macht es dich nur immer schwächer!

Es schauderte ihn. Klaus stand auf, zählte die dumpfen Schläge der altmodischen Standuhr, die er immer noch aufzog, obwohl er sie nicht mochte. Warum schmeiße ich das alte Ding nicht einfach raus? Weil er sich nicht trennen konnte? Weil die Vergangenheit in ihm immer weiterlebte?

Er drehte die Wasserhähne auf bis er endlich die richtige Temperatur für die Dusche gefunden hatte. Nein, einen modernen Mischhebel hatte seine Oma hier nicht installiert. 'Es geht doch auch so!', hatte sie oft gesagt. Warum eine elektrische Kaffeemühle, wenn man doch Arme hatte? Warum elektrische Rollläden? 'Es geht doch auch so, Bub!' Er hörte es immer noch!
Halbtot, dachte er, ich bin halbtot. Ich habe aufgegeben...., während leise das Wasser über seinen Körper lief und er nicht merkte, ob es kalt oder warm war. Es war an der Zeit, Entscheidungen zu treffen.

Eine knappe Stunde später war er im Garten. Eine Stunde, die er hockend auf dem Fliesenfußboden des Badezimmers verbracht hatte. Abzutrocknen brauchte er sich danach nicht mehr. Er würde sich eine Lungenentzündung holen....
Seine Schritte wurden langsamer. Die Beine waren wie Gummi. Linker Hand der kleine Apfelbaum, in dessen Zweigen er sich versteckt hatte. Monika und Daniela im Garten auf der anderen Seite des Zaunes. Daniela auf dem Tisch, die Zwangsjacke, die roten Buchstaben auf ihrem nackten Gesäß: 18.15 St. PP. Ein Infernal, das seinen persönlichen Weltenbrand ausgelöst hatte. Er hätte damals weglaufen sollen, laut schreiend irgendwo hin, aber er war blindlings in die Falle gestolpert, die Monika ihm gestellt hatte. Und dann, jenes Video von ihm.....
Es würgte ihn. Der blühende Baum mit seinem betörenden Duft erreichte ihn nicht. Gleich würde er durch das Loch im Zaun steigen. Seine Großmutter hatte hier mit Danielas australischem Vater angebandelt. Ein Vater, der seine eigene Tochter missbrauchte. Jahre bevor ihm selber der Schwarze Mönch über den Weg gelaufen war und kaputt gemacht hatte, was in ihm noch heile geblieben war.

Klaus ging zum Zaun. Sah durch das Loch, spähte zum Haus gegenüber. Barbara, wie wäre es mit Barbara?, hatte Monika lachend gesagt, als sie ihn in der Hand hatte. Und hatte unwissend doch nur etwas zu Tage gefördert, was in seinem tiefsten Inneren seit Jahren verschüttet war. Seit er seine Schwester die Treppe hinunter gestoßen hatte. Du hattest dann ihre Sachen entdeckt. Nur, wenn du ihre Sachen trugst, wurdest du wieder ruhig und wolltest sprechen! Ohne Gertrud hätte er wohl nie erfahren, was damals alles passiert war!

Ob der Schlüssel wohl immer noch unter dem Farbeimer lag? Hatte Daniela ihn wieder dort deponiert, nachdem beide sich mit Mühe und Not hatten befreien können? Er versuchte herauszubekommen, ob Pia, Monikas Mutter, zu Hause war. Wenn sie ihn entdeckte? Was dann? Er fürchtete sich vor Pia. Die Heilige.... Selten war wohl ein Name so unpassend für einen Menschen gewesen. Sie hatte ihren Hass auf die Männerwelt an ihm ausgelassen, indem sie die eigene Tochter zu ihrem Werkzeug machte. Und sie wusste alles von Barbara. Barbara, die in diesem Haus unter Schmerzen geboren wurde.
Stand sie oben am Fenster und blickte zu ihm hinüber? Erwartete sie ihn bereits? Wusste sie, dass er dabei war, einer Kette von verhängnisvollen Fehlentscheidungen in seinem Leben eine weitere hinzuzufügen?

Er begann zu zittern. Konnte sich nicht auf den Beinen halten. Setzte sich ins Gras. Er hörte Monika lachen: "Wenn du aufgibst, bist du halbtot!!"
Wenn ich WAS aufgebe?? Was soll ich denn bloß tun? Was ist richtig, was falsch? Vielleicht werde ich es erst wissen, wenn ich ganz tot bin....





[Edit]: Dieser Eintrag wurde zuletzt von Daniela 20 am 01.02.18 um 17:24 geändert
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