Dunkelheit umgibt mich. Ich fühle mich wie in Watte verpackt. Ich fließe dahin. Bin benebelt. Von unendlich weit weg dringt ein Geräusch an mein Ohr. Ein gleichmäßiges Piepsen. Mein Verstand arbeitet auf Sparflamme. Ich treibe nach oben. Ich liege. Mühsam öffne ich die Augen. Wo bin ich? Ich nehme ein Bett wahr. Spüre Gurte um meinen Körper. Kann mich nicht bewegen. Versuche den Kopf zu drehen. Aber etwas hält ihn fest. Nach und nach kommt mein Geist zurück an die Oberfläche. Ich nehme mehr und mehr wahr. Und wie mein Kopf zunehmend klar wird fällt mir ein was passiert ist.
Ich hatte schon immer einen Fetisch für Narkose. Ich mag den Gedanken daran, dass das Bewusstsein einfach so ausgeschaltet werden kann. Und natürlich auch diese extreme Form des Ausgeliefertseins. Aber trotzdem habe ich das als Kopfkino abgetan. Bin mir der Risiken bewusst. Weiß, dass dabei viel schief gehen kann. Der Reiz aber blieb. Die Fantasie.
Eines Tages war ich wieder mal in einem Chatraum unterwegs. Und sofort fiel mir eine Chatterin auf, die sich Nyx nannte - die Göttin der Nacht. Und tatsächlich teilte sie meine Fantasie und den damit verbundenen Reiz. Wir verstanden uns gut, chatteten Tag um Tag und bald auch Nacht um Nacht. Wir konnten über vieles sprechen. Waren uns sympathisch. Und teilten eben diesen einen Fetisch. Verbunden mit der Lust an Dominanz und Unterwerfung. Irgendwann tauschten wir Kontakte aus. Die Unterhaltungen verlagerten sich vom Chat zu eMail. Von eMail zu Nachrichten. Und am Ende telefonierten wir fast täglich.
Irgendwann kam die Sprache zurück auf das Spiel mit Narkosen. Sie offenbarte mir, dass sie Anästhesistin wäre und fragte, ob ich Lust hätte die Fantasie in die Realität umzusetzen. Aber ich traute mich nicht. Ich kannte sie nicht persönlich. War vorsichtig. Und so war das Thema irgendwann vergessen. Die Chance vertan. Aber die Fantasie blieb. Nagte an mir. Der Reiz das ausleben zu können unter professioneller Überwachung ließ mich meine Vorsicht zunehmend vergessen. Dann, irgendwann nahm ich meinen Mut zusammen und fragte sie, wie sie sich das vorstellen würde.
Sie sagte mir, dass es sie reizen würde, mich für eine bestimmte Zeit schlafen zu legen und sich währenddessen um mich zu kümmern. Ihr gefiel der Gedanke daran, mich abzuschießen und die Macht über mich zu haben. Sie würde es lieben meine Hilflosigkeit und wortwörtliche Ohnmacht auszunutzen. Mich komplett ausgeliefert. Sie schlug vor, dass wir uns einmal auf einen Kaffee treffen könnten um uns näher kennen zu lernen. Und um zu besprechen, was zu besprechen wäre. Ohne Zwang. Allerdings wohnten wir nicht gerade nebenan, so dass aus dem kurzen Treffen am Ende ein Wochenendbesuch werden sollte. Kein Kennenlernen an einem öffentlichen Ort. Kein Sicherheitsnetz. Ich musste mich in die Höhle der Löwin trauen. Allerdings bin ich nicht davon ausgegangen, dass beim ersten Date etwas passieren würde.
Die Tage bis zu jenem Freitag zogen sich. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich dachte immer nur noch an das bevorstehende und immer näher kommende Wochenende. Dann war es soweit. Ich fuhr durch das halbe Land. Und einige Stunden später stand ich vor einem schönen Häusschen, etwas außerhalb einer kleinen Stadt. Nervös klingelte ich. Gespannt was passieren würde, aber vollkommen ahnungslos wie das Wochenende verlaufen würde. Als sie die Tür öffnete blieb mir die Sprache weg. Sie war schöner als ich erwartet hatte. Wunderschön. Lange dunkle Haare. Ein verschmitztes, anzügliches, reizendes Lächeln. Ihr selbstbewusstes Auftreten gepaart mit einer unnatürlich fesselnden dominanten Ausstrahlung machte mich noch nervöser als ich ohnehin schon war. Und offenbar gefiel es ihr, meine Verunsicherung zu spüren. Sie ließ mich vor der Tür stehen. Musterte mich gefühlt eine Ewigkeit. Dann bat sie mich herein.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer und unterhielten uns. Sie fragte was ich trinken wollte und brachte mir eine Limo. Ganz langsam wich meine anfängliche Nervosität in der angenehmen Atmospähre. Zumindest für einen Moment. Bis zu dem Moment als sie wortlos aufstand, an einen Schrank ging und mit einer kleinen, nach Krankenhaus und steril aussehenden Verpackung und einem Desinfektionsfläschen wieder kam. Sie riss das Papier auf und entnahm eine Kanüle. Sie blickte mich entschlossen und herausfordernd an, aber ich war unfähig zu reagieren. Und ich ließ sie gewähren. Während sie mir einen Zugang in den Unterarm legte sagte sie, dass ich es mir jetzt noch überlegen könnte. Aber sie wollte vorbereitet sein. Nachdem sie mir die Kanüle in eine Vene geschoben und mit einem Pflaster und Klebeband gesichert hatte unterhielten wir uns noch eine Weile weiter und sie tat als wäre nichts gewesen. Sie setzte mich nicht unter Druck. Schaffte eine vertrauenerweckende Umgebung. Und obwohl ich sie zum ersten Mal traf wusste ich, dass das eine einmalige Gelegenheit wäre und lies meine ganze Vorsicht fallen. Taute auf ohne es so richtig zu merken. Wurde leichtfertig unvorsichtig.
Irgendwann, als ich fast schon nicht mehr an die Kanüle in meinem Arm dachte ging sie wieder wortlos an den Schrank. Und diesmal kam sie zurück mit einer Spritze in der eine weiße, milchige Flüssigkeit aufgezogen war. Sofort war mir flau im Magen. Ich begann nervös zu schwitzen. Würde sie wirklich so weit gehen? Würde ich so weit gehen? Sie sah mich an wie die Schlange das Kaninchen. Und wie das Kaninchen war ich unfähig zu fliehen während sie langsam, Schritt für Schritt, näher kam. Mein Blick fixiert auf die Sprizte. Die Spritze in ihrer Hand. Sie schaute mir tief in die Augen, fast als wollte sie mich hypnotisieren, während sie die Spritze an die Kanüle ansetzte. Dann, ganz langsam injizierte sie mir die Flüssigkeit.
Mit einem großen, bittersüßen Lächeln sagte sie, dass es jetzt vorbei ist. Dass es jetzt zu spät wäre um auszusteigen. Jetzt wäre ich ihr ausgeliefert. Jetzt wäre der Moment verstrichen bis zu dem ich hätte gehen können. Jetzt würde ihr Spiel beginnen. Und den Bruchteil einer Sekunde später merkte ich, wie Recht sie damit hatte. Mein Kopf fühlte sich an, wie in Watte gepackt. Meine Augen fielen zu. Ich spürte ihre Hand über meine Wange streichen und sie flüsterte mir ins Ohr: "Schlaf gut". Und die Welt um mich herum verschwand.
Mit dieser Erinnerung tauche ich jetzt langsam aus der Schwärze auf. Benommen öffne ich die Augen. Und realisiere langsam wo ich bin. Ich liege in einem Bett. Bis auf eine Windel bin ich nackt. Meine Arme und Beine werden von weichen aber unnachgiebigen Gurten festgehalten. Ebenso mein Kopf. Mir dämmert, dass sie mich in ein S-Fix gelegt haben musste während ich weg war. Dann fällt mein Blick auf den Spiegel an der Decke über mir. Und ich sehe meine Vermutung bestätigt. Arme und Beine zieren weiße Gurte auf denen eine schwarze Kappe sitzt. Oberkörper und Bauch werden ebenso von den Gurten festgehalten wie mein Kopf, meine Arme und Beine. Ich sehe die Kanüle in meinem Unterarm im Spiegel aus der jetzt ein dünner Schlauch aus meinem Blickfeld läuft. Ein weiterer Schlauch kommt aus der Windel. Und ein Schlauch geht in meine Nase. Ich schlucke schwer. Am Bett selbst sind seitlich Gitter hochgefahren. Ein Krankenhausbett. Und auch das, was ich von dem Zimmer wahrnehmen kann erinnert mich an ein Krankenzimmer. Weiß und steril. Das piepsende Geräusch, dass ich permanent höre zeichnet meinen Puls nach. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Oder welcher Tag. Und ich habe keine Ahnung wo ich bin. Bin ich immer noch bei ihr zu Hause? Schlagartig wird mir klar, wie groß die Hilflosigkeit ist, wenn man betäubt wird. Ich könnte überall sein. Ich könnte nur wenige Minuten bewusstlos gewesen sein, oder auch Tage und Wochen. Ich weiß es einfach nicht. Zwar bin ich wieder bei vollem Bewusstsein, das S-Fix gibt mir aber nicht viel von meiner Freiheit zurück. Immer noch bin ich hilflos, ausgeliefert. Nervös versuche ich mich zu befreien. Aber natürlich ist das zwecklos. Ich kann mich kaum rühren. Ich bekomme die Arme nicht aus den Gurten. Kann den Kopf nicht befreien. Zu effektiv ist ein S-Fix. Ohne den Magnetschlüssel in der Hand habe ich keine Chance. Wild stämme ich mich in die Gurte nur um kurz darauf erschöpft zurück auf das Bett zu sinken.
Offenbar hat sie bemerkt, dass ich wach geworden bin. Denn kurz darauf öffnet sie die Tür und ich höre ihre Schritte näher kommen.
Als sie in mein Blickfeld kommt bemerke ich wieder wie wunderschön sie ist. Wunderschön, aber geheimnisvoll. Und sie hat das Lächeln einer Sphynx was mir bedeutet, dass ihr Spiel noch nicht vorbei ist. Ich frage wie spät es ist, aber sie lächelt nur und antwortet nicht. "Ich will Dir eine Chance geben" sagt sie schließlich. Dann erklärt sie mir was sie vor hat. Sie hat mir ein Abführmittel gegeben und einen Katheter gelegt. Erklärt mir, dass ich damit nicht auf die Toilette muss. Der Schlauch in meiner Nase ist eine Magensonde, über die sie mich ernähren kann. "Das beste aber ist der Schlauch in deinem Zugang" sagt sie neckisch. "Der führt zu einer Spritzenpumpe. Und damit kann ich dich in ein künstliches Koma legen, so lange ich will". Während sie spricht werde ich zunehmend unruhig. Werde mir der Macht die sie in diesem Moment über mich hat bewusst. Ich glaube jedem ihrer Worte. Zu sehr sitzt mir noch die Erfahrung im Kopf wie sie mich in Sekunden schlafen gelegt hat. Noch ehe ich wusste wie mir geschieht. Sie fährt fort und sagt: "Hier ist deine Chance. Ich gebe dir eine Stunde Zeit um dich zu befreien, oder um die Kanüle zu entfernen. Schaffst du das nicht werde ich die Spritzenpumpe anschalten". Damit lässt sie mich allein. Schlagartig bin ich alarmiert. Hellwach. Frage mich, auf was ich mich da eingelassen habe. Niemand weiß wo ich bin. Noch nichteinmal ich. Ich liege gefesselt im Bett einer fremden Frau, die ich nur aus dem Internet kenne und noch nie zuvor gesehen habe. Die mir irgendetwas gespritzt hat und die jetzt nur darauf wartet das wieder zu tun. Ich weiß weder wo noch wann ich bin. Ich weiß nur, dass ich die verflixte Kanüle aus meinem Körper bekommen muss bevor sie wieder kommt. Dass ich mich irgendwie aus dem S-Fix befreien muss. Und zwar schnell.
Verzweifelt kämpfe ich gegen die Gurte. Versuche mich aufzubäumen. Versuche irgendwie an den Schlauch oder die Kanüle zu kommen. Aber die Tatsache, dass sie mir den Zugang in den Unterarm gelegt hat und nicht in die Hand verhindert dass ich auch nur in die Nähe komme. Ich fange an zu schwitzen. Atme angestrengt. Angst macht sich breit. Nervosität. Ich spüre die Zeit rasen. Spüre, wie die Stunde verinnt ohne dass ich den Hauch einer Chance hätte. Es ist irre wie schnell eine Stunde vorbei geht, wenn das die Zeit ist, die einem bleibt um sich zu retten. Ich versuche alles, aber ich habe keine Chance. Kämpfe einen aussichtslosen, verlorenen Kampf. Gegen die unnachgiebig rennende Uhr und gegen das unbesiegbare S-Fix.
Triumphierend kehrt sie zurück. Tritt in mein Blickfeld. Sie beruhigt mich. Streichelt mir über die Wange. Über meinen Körper. Über die Kanüle. Über die Gurte. Sie fährt mit ihrer Hand die Form meines Körpers nach. Streicht über meine Brust während sie mir ins Ohr flüstert, dass alles nur ein Spiel ist. Ihr Spiel. Und dass es sie unglaublich anmacht, dass ich so hilflos bin. Dass das für sie der größte Kick ist. Zu wissen, dass sie mit mir tun und lassen kann was sie will. Dass es nichts in der Welt gibt, was verhindert, dass sie die Spritzenpumpe anstellen wird. Es beruhigt mich nur etwas. Aber es fühlt sich gut an wie sie mich berührt. Und dann fängt sie an sich zu stimulieren. Vor meinen Augen. Während sie beginnt schneller zu atmen, zu stöhnen entfernt sie sich aus meinem Blickwinkel. Die Kopfhalterung verhindert, dass ich ihr folgen kann. Ich höre sie nur schneller und lauter atmen. Weiß, dass sie sich befriedigt. Und dann höre ich das lauteste Geräusch, das ich je wahrgenommen habe. Ich höre, wie sie einen Schalter umlegt und sehe im Spiegel, wie eine Flüssigkeit langsam durch den Schlauch in die Kanüle läuft. Sie wird immer lauter während ich irgendwie versuche die Flüssigkeit aufzuhalten oder mich zu befreien. Dann dringen die ersten Tropfen in meinen Körper ein. Ich spüre eine Wärme, die sich von der Kanüle aus in meinem Arm und in meinem Körper ausbreitet. Ein dumpfes, weiches, nebelartiges Gefühl macht sich in meinem Kopf breit. Ich fühle mich besoffen. Schlaftrunken. Schwebend. Leicht. Ich merke wie das Krankenzimmer davon treibt. Wie ich kraftlos werde. Wie ich aufhöre mich zu bewegen. Wie das Bett weich wird und ich darin versinke. Wie von Ferne, wie von unendlich weit her höre ich wie sie ihren Orgasmus herausschreit. Dann ist alles fort. Ich treibe dahin. Tiefer und immer tiefer ins Nichts.
Leise höre ich meinen Namen. Wie von weit weg.
Da wieder. Jemand ruft mich. Mein Bewusstsein arbeitet noch nicht richtig um das zu verstehen. Aber etwas zieht mich nach oben. Ich spüre eine sanfte Berührung am Arm. Jemand streichelt mir übers Gesicht. Ich will die Augen noch nicht öffnen. Es ist so schön. Ein weiches Bett. Eine zarte Berührung.
Mein Name. Ich öffne die Augen und muss ein paar mal blinzeln. Das Licht ist grell. Ich drehe den Kopf und sehe in ein strahlendes, wunderschönes Gesicht. "Da bist du ja wieder" sagt sie. Meine Erinnerung kommt nur langsam zurück. Ich merke, dass ich frei bin, dass sie die Gurte gelöst und die Schläuche entfernt haben muss. Ich liege immer noch nackt da. Will mich aufsetzen, aber sie hält mich sanft zurück. "Nicht so schnell, gib deinem Kreislauf ein paar Minuten". Sie streichelt mich. Flüstert, dass es für sie eine einzigartige, geile Erfahrung war. Ein schönes Wochenende von dem ich kaum etwas mitbekommen habe. Es ist Sonntag abend sagt sie. Zeit für ein Abendessen bei Kerzenschein haben wir noch.
Sie hat mir den Kick des Lebens verpasst. Auch wenn ich ansonsten nicht viel weiß oder von dem Wochenende mitbekommen habe. Ich halte sie fest, ziehe sie an mich. Will sie spüren um mich zu beruhigen. Sie kommt zu mir auf das Bett. Während mein Kreislauf zurück kommt und ich das erlebte immer noch verdauen muss setzt sie sich auf mich. Sie lacht mich an. Sie zieht ihr Shirt über ihren Kopf. Hat wieder diesen durchdringenden hypnotischen Blick und dieses geheimnisvolle, bittersüße lächeln. Während sie ihren BH öffnet sagt sie: "Jetzt sorge ich dafür, dass du etwas von dem Wochenende mitbekommen wirst, dass Du nicht vergessen wirst". Und diese Andeutung kann auch mein Bewusstsein ganz genau verarbeiten.
Und mit dieser Andeutung soll sie Recht behalten.
ENDE - Manchmal ist mein Kopf so voller Leere, dass man hunderte Bögen Papier damit vollschreiben könnte. Aber da ist überall schon nichts drauf.
|