Thema:
eröffnet von Squeezer am 02.09.26 12:22
letzter Beitrag von Squeezer am 02.09.26 12:22
1. Die Brücke
geschrieben von Squeezer am 02.09.26 12:22
Ich habe keine Ahnung, wie lange er da schon kniete. Bis heute weiss ich nicht wie er da hinkam, wer ihn dort angebunden hat, wem er vorher gehörte, wie er hiess bevor ich ihn fand. Bis heute habe ich ihn nicht reden gehört, ich weiss nichtmal ob er deutsch spricht. Wenn er könnte. Ich wills auch gar nicht wissen, es ist eh nicht relevant.
Er kniete einfach da, fast nackt, kein Härchen zu sehen, nicht mal Augenbrauen hatte man ihm gelassen. Er kniete da, geknebelt, stumm und bestimmt durstig. Er kniete da, der einfache Ring aus solidem Eisen um seinen Hals schien kein Schloss zu haben, die Kette daran baumelte frei vor seinem Bauch.
Wie lange mag er da auf der Brücke schon gekniet haben? Wieviele hundert Leute werden an ihm vorbei gelaufen sein? Wieviele haben angehalten - ob ihm wohl jemand Hilfe angeboten hat? Wie oft mag er den Kopf geschüttelt haben, weil er gar nicht befreit werden wollte? Hat jemand vielleicht die Polizei benachrichtigt? Aber ist es denn verboten, auf einer Eisenbahnbrücke angekettet zu knien?
Er kniete einfach da, die Hände auf seinem Rücken um einen Pfeiler gebunden, hilflos. Er kniete da, fast nackt, Klammern klammerten sich in seine Nippel, ob sie noch schmerzten als ich ihn fand? Er kniete da, unter seiner Shorts zeichnete sich die Schelle ab, wie lange mag er schon nicht mehr gekommen sein? Er kniete einfach da, warum setzte er sich nicht gemütlich hin - vielleicht weil man es ihm verboten hatte?
Er kniete einfach da, als ich ihn fand, ganz allein. Selbst angebunden konnte er sich nicht haben - neben ihm und ausserhalb seiner Reichweite baumelte ein Schlüsselbund am Geländer.
Drei Schlüssel. Einer für die Schelle zwischen seinen Beinen. Und einer für das Schlösschen, das den Knebel dort hielt wo er hingehörte. Keiner für seinen Halsring, keiner für die Kette zwischen seinen Füssen. Der, der ihn hier hin gestellt hatte, hatte genau gewusst was er tat. Bis heute weiss ich nicht wer das war.
Ich wollte zum Bahnhof und nach Hause. Der Tag auf der Messe hatte mich geschafft. So viele Leute, immer die gleichen Fragen, freundlich sein, aufmerksam, am Ende war ich reichlich geschafft und freute mich auf mein Bett.
Doch auf der Brücke kniete er. Ganz alleine. Wie aufgegeben. Wie eine Kunstinstallation. Was will uns der Künstler sagen? Wo ist der Hut für ein paar Taler? Ist das nicht gefährlich, so hilflos angebunden zu sein? Hier wo tausende Leute die Seite wechseln? Oder ist es nicht vielmehr verboten, sich so halbnackt zu präsentieren? Aber was sollte daran verboten sein?
Ich blieb stehen. Was für ein Bild. Wieviele mögen ihn fotografiert haben um dann schulterzuckend weiter zu gehen? Ich war versucht mein Smartphone zu ziehen, liess es aber bleiben. Sollte ich ihm Hilfe anbieten? Nein, dieser Typ wollte keine Hilfe. Er wollte nichtmal befreit werden, er wollte ganz etwas anderes. Er kniete da und sah mich hoffnungsvoll mit seinen stahlblauen Augen an. Er wusste in dem Moment etwas was mir erst später aufgehen würde. Sein Blick wechselte im Zeitlupentempo zum Geländer. Zum Schlüsselbund. Offenbar war er einverstanden.
Und ich? Wollte ich ihn wirklich losmachen? Nicht befreien, nur losmachen. Wollte ich ihn wirklich mitnehmen? Den Typen, der da vor mir kniete und nun seinen Blick auf den Asphalt gerichtet hatte, wo er auch hingehörte. Sollte ich weiter gehen, wie all die anderen? Was sollte ich tun? Und wieso ich?
Ich weiss bis heute nicht wer ihn auf dieser Brücke angebunden hat wie einen Hund, den man loswerden wollte. Ich weiss bis heute nicht wie er heisst, wie seine Stimme klänge wenn er die denn erheben dürfte, welche Sprache er spräche wenn er denn sprechen könnte. Ich weiss bis heute nicht was aus ihm geworden wäre wenn ich ihn einfach befreit hätte. Oder einfach weiter gegangen wäre.
Ich habe ihn losgebunden, ich habe ihn nicht befreit. Bis heute nicht. Er möchte auch gar nicht befreit werden. Er tut was er tun soll, was er tun möchte, was ich möchte was er tun soll. Er hat immer noch nichts ausser seine Ketten, seine Knebel, seinen Käfig, seine Schelle. Er ist nackt. Er bleibt nackt. So wie ich ihn fand.
Solange bis ich ihn auf einer Brücke anbinden werde. Wie einen Hund den man loswerden möchte. Aber nicht morgen. Nicht übermorgen. Vielleicht irgendwann. Vielleicht aber auch nicht. Keine Ahnung.
Da kniet er nun. Was er will weiss ich ganz genau. Auch ohne ein einziges Wort. Aber man bekommt nicht immer was man möchte, nicht wahr? Also, jetzt nicht. Vielleicht später. Vielleicht gleich...