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Thema:
eröffnet von Leviathan am 24.09.07 21:45
letzter Beitrag von Harun al-Rashid am 05.10.07 17:48

1. Ein kostbarer Augenblick.

geschrieben von Leviathan am 24.09.07 21:45

Ein kostbarer Augenblick.


Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit. Ich empfing das Leben mit offenen Armen, so naiv war ich doch, zu glauben, dass das Leben nur von Schönheit erfüllt sei. Es gibt mit Sicherheit viele schöne Dinge in jedem Augenblick, aber die grauenhaften und unangenehmen Teile des Lebens überwiegen in einem so hohen Maße, das ich und viele andere Menschen nicht in der Lage sind, diese Flut der Belastung mit dem wenigen Schönen, das es noch gibt, zu kompensieren.
Damals waren mir all diese Gedanken noch so fern und ich fühlte mich so voller Energie, sodass ich jeden Tag als wundervolle Gabe erachtete. Ich ging an jeden Tag mit derselben Motivation heran wie an den Vorherigen.

In dieser Zeit lernte ich auch eine junge Frau kennen, Bianca war ihr Name und sie war all das, was ich damals bewunderte. Sie verinnerlichte sämtliche Fassetten des Schönen in sich . In meinem Glück konnte ich mich gar nicht genug wälzen, jeden Tag ging ich noch freudiger an als den Vorherigen. Ständig blieb mir ihr Bild vor Augen: ihre schönen blonden Haare, die locker über ihre Schulter glitten; ihre blauen Augen, die der Spiegel meiner Seele waren; ihr Gesicht, das nahe zu an der Perfektion grenzte und das aller wichtigste: ihre Persönlichkeit, die nicht nur ein Spiegel zu meiner war sondern mich ergänzte. Sie half mir, die harte Realität mit allen ihren Problemen zu vergessen und wenigstens in einen kleinen Moment der Freude einzutauchen.

Sie war die Brücke in das Paradies, das manche Leute erhofften, mit ihrem Glauben an Gott zu erreichen oder wie die Buddhisten, die mit starker Disziplin versuchen, das Nirwana zu erreichen. Es gibt viele Namen für den Ort, von dem man denkt, es gäbe keine Steigerung; man denkt, man hätte das Absolute bereits erreicht. So fühlte ich mich, wenn ich meine geliebte Bianca in den Armen halten durfte.
Schönheit ist nur ein Begriff, denn die Wahrhaftigkeit war nur unbeschreibar. Sie war der Funken in der düsteren Dunkelheit.

Jedoch war Bianca eine Frau, die neben ihrer Schönheit und Einzigartigkeit, komischerweise sehr spezifisch auf mich wirkte. Mehr und mehr ließ ich mich fallen und fühlte mich glücklich, als sie mich auffing und durch die Dunkelheit führte. Es entwickelte sich mehr und mehr zu einem Verhältnis der absoluten Harmonie zwischen Unterwerfung und Dominanz.

Diese beiden Begriffe sind auch nur Worte, die nur annähernd das beschreiben, was ein Mann und eine Frau dabei wirklich empfinden. Während die normale Welt es als D/S oder BDSM bezeichnet und scharlose Definitionen für diese Art der Sexualität entwickelt, waren wir weit davon entfernt, es zu verstehen. Sie konnten es bezeichnen, wie sie wollten, für uns wäre es nur das Eine: ein Tanz.
Diesen Tanz tanzten wir stundenlang und vergaßen dabei die Realität, die so blutrünstig versuchte, uns bei unserem Tanz zu stören, uns wieder in die Einöde des täglichen Seins zurück zu ziehen. Wir ließen es nicht zu; diesen Augenblick konnte uns nicht einmal diese Bestie nehmen. Wir tanzten unbekümmert weiter bis in den Morgengrauen.

Sie führte mich durch den Schatten und zeigte mir die Orte, die ich nie für möglich gehalten hatte. So eine Erfahrung, so wage ich heute zu sagen, ist ein Augenblick, für den es sich zu leben lohnt.


Dies alles ist nun schon mehrere Jahre her und ich trauere immer noch den schönen Momenten mit dieser Frau hinterher. Seitdem sie fort ist, umhüllt mich der Schrecken der Wirklichkeit. Es gibt keinen Ort mehr, wohin ich flüchten könnte, wäre die Last der Realität wieder zu schwer auf meinen Schultern.
Wie könnte ich ohne meine Geliebte all den Grausamkeiten und Belastungen standhalten, ohne die Gewissheit zu haben, jemals wieder einen Halt bei einer mir verwandten Seele zu finden.

Ich fühle mich seit ihrem Tod so schutzlos der Gesamtheit des Lebens ausgeliefert. Die Bestie hat sie mir geraubt; dafür verfluche ich sie umso mehr. Sie hat mir das genommen, was mich vor ihr beschützt hat. Ich kann die schönen Momente nur in Trauer genießen und die schrecklichen Augenblicke sind die, die es mir wirklich zu schaffen machen. Es ist schwer, all diesen Dingen standzuhalten, wenn man selber so schwach und zerbrechlich ist. Vielleicht nicht äußerlich, aber innerlich fühle ich mich ganz weit vom Paradies entfernt, das ich noch kaum vor meinen Augen sehe.

Ich sah nur noch eine Möglichkeit, das Paradies wieder zu finden. Ich musste meinem Darsein auf dieser Welt ein Ende setzen, damit sich unsere Seelen wieder vereinen konnten. Nun konnte mich nicht einmal mehr die Bestie, das Leben, wieder zurück in die Wüste des Alltags zurück zerren. Der Sturz zog sich hin und umso näher ich dem Licht kam, desto glücklicher und erfüllter wurde meine Seele. Dann wurde es aufeinmal schwarz..

Ich weiß nicht, wo ich mich befand, aber ich fühlte meine Geliebte in meiner Gegenwart. Ob es nun der Himmel war oder ein anderer Ort, es war mir egal. Ich nahm das selbe Gefühl wieder wahr, das ich verspürte, als ich zusammen mit ihr tanzte.


Eins habe ich aus all dem gelernt: Das Leben, in seiner Gesamtheit; damit meine ich sowohl das Schöne als auch das Grausame, ist zu schwer, als dass man es alleine tragen könnte.




Euer Leviathan.
2. RE: Ein kostbarer Augenblick.

geschrieben von bluevelvet am 25.09.07 08:51

Eine nachdenkenswerte Geschichte, Leviathan, die uns verdeutlicht, dass das Glück, jedenfalls im Sinne eines Glücksgefühls, in dieser Welt immer nur ein episodisches Phänomen bleiben wird. Du hast auf den Buddha verwiesen, und dessen erste "edle Wahrheit", die sog. Wahrheit vom Leiden scheint mir einfach einfach unumstößlich:
Zitat

Dies nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, Jammer, Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung sind Leiden; vereint sein mit Unliebem ist Leiden, getrennt sein von Lieben ist Leiden; was man verlangt, nicht erlangen, ist Leiden. Kurz gesagt: die fünf Faktoren des Ergreifens sind Leiden.

Die Frage ist nur, in welches Verhältnis man sich dazu setzt. Auch wenn man, wie weiland die Frühromantiker, glaubt, dass langfristig das Glück aller Gewissheit sei, so leben wir in dieser Welt doch in der Zeitlichkeit, und wenn etwas weg ist, bekommen wir es, wenn es eben weg ist, nicht wieder zurück. Und genau das macht auch unsere gelungenen Beziehungen so schmerzlich kostbar.

Etwas Philosophie am Morgen von

Bluevelvet
3. RE: Ein kostbarer Augenblick.

geschrieben von Leviathan am 03.10.07 17:20

Ich möchte meinen Text "ein kostbarer Augenblick" noch durch ein Gedicht ergänzen, welches mir heute von der Feder geglitten ist. Wie wundervoll die Poesie doch ist, um seine Gefühle zur Geltung zu bringen.



Meine Herrin,



Wenn meine Augen dich erweichen,
Wirst du gütig und schenkst mir Liebe;
Wenn meine Blicke dich erzürnen,
wirst du wütend, bestrafst meine Triebe;
Zu deinen Füssen möchte ich mich wissen,
schrecklich wäre es, es jemals zu missen.


Meine Herrin, ohne dich gäbe es mich nicht;
Du bist die Flamme, die die ewige Kälte vertreibt,
welche mich immer wärmt, die mir Liebe verleiht;
In endloser Passion finden wir zueinander,
du bleibst immer mein helles Licht.



Nun liegst du kalt und starr vor mir;
Du bist langsam verschwommen,
ich bin vollkommen benommen,
In meiner Verzweiflung: ich hab´s nicht vernommen!
Dein Verlust hinterlässt eine Leere,
welche mein restliches Leben so erschwere.

Wie schön war unsere gemeinsame Zeit,
nun stecke ich nur noch in einem unendlichen Leid;
deine führende Hand ist verschwunden,
in meinem Elend hab´ ich es nicht überwunden.
4. RE: Ein kostbarer Augenblick.

geschrieben von Harun al-Rashid am 05.10.07 17:48

Dein Bericht, Leviathan,

hat mich sehr berührt. Man spürt in jedem Wort, in jedem Satz, wie sehr Du geliebt hast! Ich wünsche Dir, dass die traurigen Gefühle Dir dennoch dabei helfen, den "Schrecken der Wirklichkeit" zu widerstehen.

Viele Grüße

Harun


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